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Ulrike Ottinger: masculin feminin

Trigon 79

 

künstlerhaus und neue galerie graz

kulturreferat der steiermärkischen landesregierung

 

neue galerie am landesmuseum johanneum

biennale 79

 

zum film bildnis einer trinkerin

psychogramm zweier ungewöhnlicher aber auch extrem unterschiedlicher frauen

die eine, reich, exzentrisch, ihre gefühle starr und maskenhaft verbergend, trinkt sich bewußt zu tode, die andere, arm mit festen plätzen, einschlägiger erfahrung mit trinkgeldbeschaffung, trinkt sich unbewußter zu tode. sachverständig kommentieren die drei damen "soziale fragen", "gesunder menschenverstand", "exakte statistik" , die die rolle von schicksalsgöttinnen in einer verwalteten, technologisierten, genormten, von massenmedien geprägten welt spielen.

hintergrund ist berlin, erschlossen in einer grotesken sightseeing tour (trinkergeographie) und ergänzt durch authentische beiträge von menschen, die hier leben oder zu gast sind: rocksänger, schriftsteller, künstler, taxifahrer.

 

zu den personen:

zwei trinkerinnen aus extrem unterschiedlichen sozialen milieus - die eine kauft ihr flugticket im office der air france des 16. arrondissements, die andere verbringt ihre nächte im bahnhof zoo. die eine also mehr "barfüssige gräfin", die andere mehr "nächte der cabiria". die eine ist reich und trinkt sich bewußt zu tode, sie ist ein fall, der in der statistik nicht erscheint, weil entweder zuhause unter valium gehalten oder unter verschluß in einer privatklinik, die andere ist arm und trinkt sich unbewußt zu tode, sie erscheint in der genormten statistik als typ der haltlosen trinkerin, die immer wieder betrunken aufgegriffen wird. die eine sucht die anonymität, die sie als schutz begreift, und verläßt diese nicht bis zu ihrem tode, die andere ist eine stadtbekannte trinkerin, typ "zum straßenbild gehörend", mit festen plätzen, gewohnheiten, einschlägiger erfahrung in trinkgeldbeschaffung und der kleinen chance, in ihrem milieu etwas länger zu überleben. die eine ist eine unbekannte trinkerin und wird im buch mit sie bezeichnet, die andere ist eine stadtbekannte trinkerin und wird im buch trinkerin vom zoo genannt.

diese beiden trinkerinnen versuchen sich im verlauf der geschichte - die in stationen unterteilt ist - kennenzulernen. die eine folgt der anderen wie ein schatten. Sie können zueinander nicht kommen, nicht weil das soziale milieugefälle zu tief ist - das sich im verlauf der geschichte übrigens fast aufhebt - sondern weil der alkohol ihre kommunikationsversuche immer wieder verhindert oder gar an ihre stelle tritt.

ein film, der seinen ablauf mit der dem perfekten melodrama eigenen selbstverständlichkeit nimmt, nur unterbrochen durch die drei von kongreß zu kongreß jettenden damen

1. gesunder menschenverstand, 2. soziale frage, 3. exakte statistik, die die rolle von schicksalsgöttinnen in einer verwalteten, technologisierten, genormten, von massenmedien geprägten umwelt - unserer welt - spielen.

anmerkungen zur formalen ästhetik:

das exzessive, eigentlich normale mitteilungsbedürfnis, das sich an falschen plätzen artikuliert und dadurch abgewiesen wird - gegen glaswände rennt, das mitteilungsbedürfnis der trinkerinnen soll in einstellungen z. b. durch fensterscheiben, durch das kartenverkaufsfenster am bahnhof zoo, durch das glas der schwingtür im casino etc. verdeutlicht werden. eine totale isolation - durch die scheibe - eine sich öfter wiederholende scene, wie sie krampfhaft versucht, leute anzusprechen, sie sogar festhält, wenn sie weitergehen wollen, und die sich schließlich brutal losreißen. man sieht sie manchmal sprechen, sie hat schwierigkeiten zu artikulieren, sie wird zurückgestoßen, sie versucht es wieder, immer wieder. diese einstellung z. b. sollte ohne ton bleiben, isoliert durch die glasscheibe, um den eindruck der isolatlion zu verstärken.

sie, eine frau von hoher schönheit, von antiker würde und raphaelischem ebenmaß, eine frau, geschaffen wie keine andere, medea, madonna, beatrice, iphigenie, aspasia zu sein, betrat an einem regnerischen novembertag das office der air france im 16. arrondissement, um ein ticket - aller jamais retour - berlin-tegel zu lösen.

sie wollte ihre vergangenheit vergessen, vielmehr verlassen, wie ein abbruchreifes haus. sie wollte sich mit allen ihren kräften auf eine sache konzentrieren; ihre sache, endlich ihrer bestimmung zu leben, war ihr alleiniger wunsch.

berlin, eine stadt, in der sie völlig fremd war, schien ihr der rechte ort, ungestört ihrer passion zu leben. ihre passion war zu trinken - leben um zu trinken - trinkend leben - das leben einer trinkerin - 

jetzt war also der zeitpunkt gekommen, alles zu verwirklichen

berlin tegel - realität

berlin tegel - bittere realität

(auszug aus dem einleitungstext zu "bildnis einer trinkerin")

wie zeigt man eine solche figur, die sich bewußt zu tode trinkt und schutz nur noch von ihrer eigenen anonymität, dem auslöschen ihrer eigenen person erwartet?

ich bat meine darstellerin tabea blumenschein, eine von paranoider angst ausgelöste verteidigungsrede des trinkens oder betrunkenseins an ihr eigenes spiegelbild zu richten und danach den inhalt ihres vollen weinglases gegen sich selbst in der spiegelung zu schleudern. ich beobachtete sie dabei durch die kamera und fixierte momente, die mir besonders gut gefielen. sie wiederholte den vorgang des glasausschüttens, damit ich gelegenheit hatte, mehrere versionen des schüttens zu fotografieren. spiegel, spiegelungen, glas, wasser, verwischungen, gläserne trennwände sollen oft vorkommen, um isolation und das sich-selbst-fremd-sein, verfremdet sein mit visuellen mitteln zu zeigen. einfache bewegungsabläufe wie der eben beschriebene des glasausschüttens wirken, in einzelne bilder zerlegt und in der bewegung eingefroren, ungleich dramatischer, und in manchen fällen entscheide ich mich auch im film für das "einfrieren".

ein foto kann man solange betrachten, wie man lust hat. im film dagegen bewegen sich die einzelnen bilder so rasch, daß man keine gelegenheit hat, sich über die ursache des gefallens oder nicht-gefallens klar zu werden. nur die bewegung zählt. dies wird einem deutlich zu bewußtsein gebracht, wenn man sich erlaubt, dem durch das tägliche fernsehtraining mit festen sehgewohnheiten ausgestatteten zuschauer ein bild länger als gewohnt zu zeigen. er wird es als zumutung empfinden. "ich möchte gerne, daß sie dieses bild solange sehen können", wäre meine einfache antwort.

das feststehende bild im film oder die fotografie ist für mich der augenblick der ruhe und des nachdenkens.

© Ulrike Ottinger

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