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INTERVIEW MIT ULRIKE OTTINGER

Patricia Wiedenhöft

 

1. Zunächst, wie ist es zu dem Titel Ihres neuen Films gekommen?

JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA - das ist der Name einer Legende, die der Film auf vielfältige Weise hören und sehen läßt. Ich gehe gerne von großen, emotional überhöhten Namen aus, um das, was man schon zu kennen meint, in neue und überraschende Zusammenhänge zu bringen. Denn zumeist ist es nicht so sehr das ganz und gar Fremde, sondern die Entsprechungen und Nähen, die plötzlich und in andere Gegenden versetzt eine unerhörte Fremdheit auslösen können. Von daher versteht sich auch die Sprachmischung dieses Namens, die auf die Vielsprachigkeit der Kulturen hinweist und sich nicht mehr vereinnahmen läßt. Im Film kommt das in den verschiedenen Akzenten und Idiomen der Passagiere der transsibirischen Eisenbahn zum Ausdruck und macht auch sonst oft genug deutlich, daß die Sache der Transskription ein Verwirrspiel ist, die noch die besten Absichten ins Schleudern geraten läßt. Jeanne d'Arc ist natürlich auch der Mythos von der Heldenjungfrau und da in mongolischen Heldenepen auch Frauen als Heldenmädchen besungen werden, war eine inhaltliche Möglichkeit der Anknüpfung gegeben, mit der eine Geschichte anfangen kann. Die von der Giovanna D'Arco des Films z.B., die in der Transsibirischen aufbricht, in diesem Zug, der auch ein Kulturtransport ist und der von Mongolinnen überfallen wird, die ihrerseits ein nomadisierendes Volk sind, und so gerät alles in Bewegung. Was mich dabei interessiert, ist aber nicht nur der Fortgang dieser Geschichte, sondern ebenso alle diese anderen Geschichten, die sich ja im Verlauf dieser Geschichte einstellen, die ja schließlich die Inszenierung der Begegnung mit dem Fremden ist, das auf seine Weise und oft genug unvorhersehbar in den Fortgang der Handlung eingreift.

 

2. Sie haben als erste ausländische Filmemacherin die Erlaubnis erhalten, in der Mongolei zu drehen, einer uns weitgehend unbekannten Ecke der Welt. Schon die Vorbereitungen zu diesem Film klingen abenteuerlich. Können Sie uns ein bißchen über die Erfahrungen und Abenteuer bei den Dreharbeiten selbst erzählen?

Die Mongolei ist immer schon der Ort einer besonderen Sehnsucht für mich gewesen. Ich habe ihn nicht nur gesucht, sondern immer wieder recherchiert. Imaginär habe ich mich ihm bereits in meinem Film MADAME X genähert, dokumentarisch mit CHINA. DIE KÜNSTE - DER ALLTAG. Als ich endlich dorthin kam, fand ich im alten Stammgebiet der Ordosmongolen eine Landschaft vor, die wie in den Goldrauschzeiten Amerikas durchwühlt und ausgebeutet wurde. Wilde Claims waren abgesteckt, die Kohle wurde ohne weitere Hilfsmittel abgetragen und an Ort und Stelle verkokt. Die Erde war aufgerissen und verwundet. Es stank, qualmte, brannte und ich fühlte mich ersteinmal wie auf einer Wanderung in Dantes Inferno. Die Mongolen, deren Stiefelspitzen nach oben weisen, um die Erde nicht zu verletzen, und die kein Loch in die Erde graben, um die Erdgeister nicht zu kränken, haben diese Gegenden längst verlassen. Erst weit im Nordosten fand ich meinen Drehort. In einer Gegend ohne Infrastruktur, aber mit grünen Weiden und Nomaden, die noch in Jurten leben. Obwohl ich den Drehort nur in Ochsenkarren erreichen kann, bin ich entschlossen, hier zu drehen.

 

3. Hatten diese Erlebnisse Ähnlichkeit mit den im Drehbuch vorausgedachten Erfahrungen Ihrer westlichen Protagonistinnen ? Inwiefern haben diese sich als Änderungen ursprünglicher Absichten ausgewirkt?

Um das Problem der vor-ausgedachten Erfahrung einer westlichen Protagonistin zu thematisieren, möchte ich von meinen Erfahrungen bei der Auswahl der Schauspielerinnen berichten. Die zwanzig Begleiterinnen der Prinzessin sollten im Altangol-Gebiet gefunden werden. Die Einladung zu einer Hochzeit schien mir eine günstige Gelegenheit. Schon im Morgengrauen fanden wir uns in den Jurten der Eltern des Bräutigams ein. Die Braut, die seit Sonnenaufgang erwartet wurde, sandte - der dortigen Dramaturgie folgend - immer wieder kleine Zeichen ihrer baldigen Ankunft. Bald kamen Boten mit kleinen Geschenken, dann drei Ochsenkarren mit Koffern und Truhen, die von den Wartenden sofort abgeladen, begutachtet und in die neuerrichtete, weiße Filzjurte des Brautpaares getragen wurden. In der heißen Mittagssonne schließlich näherte sich in einer großen Staubwolke nicht nur die Braut, sondern auch zwanzig bis dreißig rotgekleidete Reiterinnen. In rasendem Tempo preschten sie herzzerbrechend weinend heran und umkreisten dreimal die Jurten. Langsam wurde mir klar und bestätigte sich dann auch, daß diese jungen Frauen nicht einfach zu engagieren sein würden, sondern daß dafür ähnlich langwierige Verhandlungen notwendig wurden, wie für eine mongolische Brautwerbung. Am Ende stellte sich dann aber heraus, daß auch die Nicht-Geworbenen dabei sein wollten: Sie fingen an, sich heimlich in die Szenen zu schmuggeln.

 

4. Inwieweit kann man Ihren letzten Film "CHINA. DIE KÜNSTE - DER ALLTAG" als Vorstudie zu "JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA" ansehen? Wie hat sich die Konfrontation mit einer uns fremden Wirklichkeit in den beiden Filmen auf Ihre Haltung zur Relation "Dokumentarismus" und "Innovation/Konstruktion" ausgewirkt - ein Spannungsverhältnis, das ja allen Ihren Filmen zugrunde liegt?

CHINA. DIE KÜNSTE - DER ALLTAG, eine filmische Reisebeschreibung, die ich 1985 in verschiedenen Provinzen Chinas gedreht habe, ist insofern eine Vorstudie, als dieser Film es mir ermöglicht hat, Dreherfahrungen in China zu machen, die in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich waren: nicht nur andere Kulturformen, einen anderen Alltag zu erleben und zu beobachten, sondern auch, meine umfangreichen theoretischen Vorbereitungen durch die Erfahrungen im Land ein Korrektiv erfuhren und vielfältig ergänzt wurden. Viele persönlich Erlebnisse haben Einfluß auf das Drehbuch für JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA gehabt, das vor der Reise schon im Rohentwurf feststand. Gewiß, der eine Film ist ein Dokumentarfilm und der andere ist ein Spielfilm, aber für mich und unter Einbeziehung der jeweiligen Produktionsweise haben beide Genres eine tiefgreifende Veränderung erfahren. Vielleicht kann man sagen, dass CHINA… die Begegnung mit dem Fremden ist, während JOHANNA… die Inszenierung dieser Begegnung ist. Aber in dem Maße, wie beide Begegnungen wirklich stattfinden, entsteht ein "neuer Realismus", der nicht erfunden, sondern wirklich vorbereitet ist. In Recherchen, in Erfahrungen, in Vorstudien, in all diesen Durchläufen, die die Vorbereitung eines solchen Projekts mit sich bringen. Und damit meine ich: die Freisetzung von genügend Spielräumen, damit die Begegnung stattfinden kann.
"Wirklich vorbereitet" war z.B. meine Vertiefung in die mongolische Kultur und Literatur, die mündlich tradierte Epen und Märchen, die alte Schrift der "Geheimen Geschichte der Mongolen". Die im Drehbuch freigesetzte Nachahmung diese Epen verlangte aber noch nach der Beteiligung der Mongolen, damit die Realisierung gelingen konnte. So wurde von mir zu einem großen Nadom, einem Sommerfest der Mongolen, aufgerufen und von weither kamen die Familien, Mönche, Rhapsoden, Pferdegeiger und Ringer, um gemeinsam mit mir dieses Fest zu gestalten.

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