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Ulrike Ottinger im Gespräch mit Michael Hanisch

„Ich lebe in Kreuzberg — ich habe es ganz absurd empfunden, daß ich über lange Zeit nicht mit meinem Medium auf die Veränderungen in der nächsten Umgebung reagiert habe. Ich habe Beobachtungen gemacht, in Kreuzberg, am Schlesischen Tor, einer Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und man sich wunderte, warum die Tante-Emma-Läden in der Gegend irgendwie doch noch überlebten. Dann, innerhalb von drei, vier Tagen, war dort alles ausverkauft, und die kleinen türkischen Restaurants, die vorher schon so einen Kulissencharakter hatten, wie wenn sie so auf die Schnelle aufgebaut wären, haben vor ihre Kulisse eine weitere Kulisse geschoben und haben Stände aufgebaut, wo sie Südfrüchte verkauft haben, und wahrscheinlich sind die nahen Verwandten vom Großmarkt mit Lastern voll von irgendwelchen elektronischen Geräten angefahren. 
      Das wurde alles am Wochenende verkauft, und die Familienmitglieder, die Frauen mit den Tüchern, die verschleierten Frauen und selbst die Kinder haben Tee und Suppe gekocht und verkauft, und die Tante-Emma-Läden waren plötzlich ausverkauft, hatten nichts mehr im Schaufenster gehabt. Ich spreche jetzt von der ersten Zeit, und das hat mich schon sehr beeindruckt, wie überrascht die Deutschen reagiert haben, völlig abwartend und überwältigt von der Situation, und wie schnell z.B. die Türken sich darauf eingestellt haben, wie flexibel sie waren, das fand ich schon ganz interessant, aber das ist nur ein Punkt von fünfhundert anderen Beobachtungen, die ich gemacht habe.“

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