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Konzeptionelles

Orte und Welten abseits des medialen Interesses sind dem Gesetz des Vergessens preisgegeben. Der Scheinwerfer erlischt und im Dunkel liegt, was dringend der öffentlichen Aufmerksamkeit bedarf: Armut, Ausweglosigkeit und Angst der Bevölkerung gegenüber Staats- und Bandenterror, mafiotischen Geschäftspraktiken und paramilitärischer Willkür.
      Es handelt sich nicht um eine Reise in ein fernab gelegenes Land, außerhalb unseres Kulturkreises, sondern es geht auf den alten Transit- und Handelswegen durch die verfallenen Imperien Südosteuropas. Die am Straßenrand gesammelten Bilder destillieren aus einer Fülle von kleinen, aber bezeichnenden Beobachtungen etwas Wesentliches: Die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit der Lebensverhältnisse. 

Fotografien
 
Die gezeigten Fotografien sind ausschließlich in der Fahrtbewegung durch die Windschutzscheibe des Autos entstanden. Sie fokussieren den Straßenalltag und zeigen gleichzeitig seine Bewegungen. Das Auto wird zum erweiterten Kameragehäuse, das sich in den Bewegungsunschärfen der aufgenommenen Bilder manifestiert. Die schnell vorbeiziehenden Situationen müssen blitzschnell erkannt und wie ein Tischtennisball im Flug eingefangen werden - exakte Alltagsbeobachtungen, umgeben von den Unschärfen der flüchtigen Passage. 

Film 
Das bewegte Bild des Films folgt der Reisebewegung, dem geographischen Faden durch Südosteuropa von Berlin über Polen, Tschechien und die Slowakische Republik, über Rumänien und Bulgarien ans Schwarze Meer; weiter geht die Reise per Frachtschiff nach Odessa in die Ukraine und von dort aus an der Küste entlang zu seinem südöstlichsten Punkt, Istanbul. Gezeigt werden Straßen, Märkte, Dörfer, Städte und Architekturen. Aus der Begegnung mit Menschen und ihren Orten entstehen filmische Miniaturen. Diese vergleichen fast unmerklich das Neue und das Alte, deuten an und werden deutlich.

Nach der Perestroika und dem Fall der Mauer sind die staatlichen Grenzen offener, in ihrer realen Auswirkung jedoch unüberwindlicher geworden. Und sie sind unsichtbar. Riesige staatliche Territorien wurden zu weißen Flecken auf der politischen Landkarte, verwahrloste Gegenden, von der Umstrukturierung der Industrie und Landwirtschaft ins wirtschaftliche Chaos geworfen. Hier entstanden, vom internationalen Blick unbemerkt oder verleugnet, undurchsichtige Machtstrukturen, die den Menschen ihre Existenzsicherung zusätzlich erschweren. Nicht mehr von den alten "Helden der Arbeit", sondern von den "neuen Heldinnen und Helden" im Überlebenskampf ist hier zu sprechen, die mit großem Mut und unerschöpflicher Phantasie versuchen zurechtzukommen. Sie sind es auch, die die unsichtbaren Grenzen immer wieder durchlässig machen. Wir begegnen diesen neuen Nomaden (sie waren früher Lehrer, Anwälte, Bauern, Handwerker) handeltreibend an den Schlagbäumen der vielen Landesgrenzen, an den Rändern der mittleren und kleinen Straßen, in den fast verlassenen Gespensterdörfern der ländlichen Gegenden, auf Märkten und Busbahnhöfen und in den brodelnden Städten Odessa und Istanbul. 


Ulrike Ottinger

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