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Über den Film

Kennen Sie den Roman "Die Zwölf Stühle"?
Nicht? 
Dann sollten Sie die Geschichte unbedingt kennenlernen. Das listige Autorenpaar Ilja Ilf und Jewgeni Petrow - die "männlichen Brontë Sisters" von Odessa - , sie ließen sich mit einem Bleistift abbilden, den sie gemeinsam halten, begibt sich auf der Suche nach den zwölf Stühlen auf eine Reise kreuz und quer durch das riesige Sowjetreich. Von West nach Ost, von Nord nach Süd. Die zwölf Stühle, die einst zu einer ansehnlichen Salon-Garnitur gehörten, sind inzwischen - im Lande verstreut - bei den unterschiedlichsten Besitzern gelandet. Keiner ahnt, dass in einem der gepolsterten Stühle ein riesiges Vermögen steckt. 
      Ich wußte um diesen verborgenen Schatz. Und so begab ich mich auf eine Reise zu den Menschen und Ländern der südöstlichen Hemisphäre. Sie wurde auch zu einer Begegnung mit den Göttern meines Kunst-Pantheons.
     Als Kind besaß ich ein Stilquartett der Moderne und so hatte ich früh gelernt, dass die Architekten sich ihre Tempel, die Waren- und Bürohäuser, selbst erbaut und die Schriftsteller in ihren Tempeln, den modernen Kaffeehäusern der Metropolen, ihren Ruhm sich selbst erschrieben hatten. Die Stühle, auf denen sie einst schreibend oder in angeregter Gesellschaft saßen, wurden im Verlauf der Zeit zu Exekutionswerkzeugen oder zu Schleudersitzen, die sie in die Emigration trieben. 
      Heute sitzen auf diesen Stühlen die Trafikantinnen, die Zigaretten einzeln verkaufen, oder selbst gefangenen, selbst geräucherten Fisch, selbst geröstete Sonnenblumenkerne, selbst gezogene Gemüse, selbst erhandelte Billigwaren anbieten, die sie von weit entfernten Containermärkten und Busbahnhöfen in gestreiften Plastiktüten selbst herbei geschleppt haben.


Ulrike Ottinger

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