Text

 Es ist genau diese Konstellation, die mich interessiert. Die Bühne steht modellartig für die aristokratisch-großbürgerlichen Häuser der Zeit mit ihren zahlreichen Innen- und Außentreppen. Diese Architektur war ganz auf die große Bedeutung der "Visiten" abgestellt und verschaffte den Besuchern theatralisch wirksame Auftritte. Die Protagonisten der Oper sind wie auf einem Laufsteg exponiert und bewegen sich auf einer Plattform, in der die kräftigen Farben rot und blau miteinander kämpfen. Wie in den alten viragierten Filmen stehen die Farben für Tag und Nacht, Liebe und Leidenschaft, Kälte und Tod. Da die Musik im Zentrum der Inszenierung steht, habe ich das Orchester als sichtbaren Akteur in die Mitte der Bühne plaziert. Die Figuren sind besetzt mit vier sehr unterschiedlichen Sängerpersönlichkeiten, deren individuellen und einmaligen Fähigkeiten sowohl in der Musik wie auch der Darstellung Raum gegeben wird. Ihr Spiel ist nicht von psychologischen Motivationen geprägt, sondern von einer Dramaturgie, die die Konflikte strukturell an die Oberfläche trägt. 


Salome Kammer bringt mit ihrem spektakulären Tonumfang eine Stimme ins Spiel, die auch die schwierigsten Partien mit äußerster Präzision bewältigt. Sie vermag so nicht nur die widersprüchlichsten Figuren zu verkörpern, sondern ihre Stimme selbst wird zum perfekten Instrument der Kollision. Arno Raunig ist weltweit einer der ganz wenigen Sopranisten. Durch seine vielgerühmte, glockenreine Stimme, mit der er brillant zwischen Barockoper und experimenteller Musik wechseln kann, artikuliert er auch die zartesten Gemütslagen seiner facettenreichen Bühnenfiguren. Christina Schönfeld ist eine gehörlose Gebärdensolistin. Sie führt die Sprache auf den Grund ihrer Zeichenhaftigkeit zurück. Sie ist das graphische Element. Mal wehmütig-zärtlich oder in strengen Konturen schreibt sie ihre Piktogramme in die Luft. Ingrid Caven schließlich ist eine der eigenwilligsten und intellektuellsten europäischen Chansonsängerinnen. Mit scharfem Witz und melancholischer Verletzlichkeit ist sie auf der Bühne die perfekte Inkarnation all jener brüchigen Figuren, die von ihrer Zerrissenheit wissen und diese dennoch bis zur Neige ausleben. Die Inszenierung der vier Protagonisten setzt so eine ebenso vielschichtige Stimm-, Sprach- und Gebärdendrama-turgie in Szene, wie sie auch in der komplexen Farb-, Raum- und Licht-dramaturgie angelegt ist. Zusammen fügen sie sich zum ästhetischen Äquivalent einer experimentellen Musik, die nicht nur auf Harmonien, sondern auch Diskontinuitäten gründet.
Auszug aus: Ulrike Ottinger, Parallel-Texte