Walther Heissig: Vorwort

Fast scheint es eine Angelegenheit von Frauen geworden zu sein, bis in entlegendste Landschaften der Mongolei vorzudringen und die Lebensgewohnheiten der dort lebenden kleinen turksprachigen Bevölkerungsgruppe der Tuwiner kennenzulernen und durch Aufzeichnungen zu dokumentieren. Diese Ethnie lebt vor allem in der äußersten Nordwestecke der Mongolei im Altai, zusammen mit Kasachen und westmongolischen Gruppen und zu einem kleineren Teil im Norden der Mongolei zwischen dem Chövsgöl-See und der Grenze zur Republik Tuwa.

Schon in den sechziger Jahren hat im Altai Erika Taube von der Universität Leipzig gearbeitet und ihre Forschungen in zahlreichen Aufsätzen niedergelegt. Eine Sammlung tuwinischer Volksmärchen, zumeist von ihr selbst gesammelt und übersetzt, und eine Ausgabe tuwinischer Lieder krönten bisher diese in den Jahren der einstigen DDR unter großen Schwierigkeiten durchgeführten Arbeiten.

Und nun ist Ulrike Ottinger, als Filmemacherin wohlerfahren und mit einer großen Neigung zur Ethnographie, zu anderen Gruppen, den Darchad und den Sojon-Uriangchaj, in der Provinz Chövsgöl gefahren, um zu filmen und aufzuzeichnen, was noch an alten Lebensformen der dortigen Nomaden lebendig ist, ehe diese vom Strom unserer schnellebigen Zivilisation verändert und weggefegt werden. Ein achtstündiger Bericht über diese Tuwiner ist das filmische Ergebnis ihrer Reise. Hier liegt nun auch ihr Tagebuch über die Begegnung mit diesen Nomaden vor. Lebendig, ohne Beschönigung und sehr sachlich geschrieben, zeichnet es alle die Höhen und Tiefpunkte auf, denen sich Ulrike Ottinger in ihrer Arbeit auf dieser Reise gegenübergestellt sah. Sie konnte Lieder und. Erzählungen aufzeichnen, die ihren Bericht bereichern, und ist tief in das Wesen der Menschen eingedrungen.

Ihre Begegnungen mit den Schamanen aber sind wohl die bedeutsamsten Ergebnisse dieser Reise. Neben dem Film liegen darüber nun die Schilderungen von Ulrike Ottinger vor sowie die zugehörigen Texte, deren Übersetzungen in enger Zusammenarbeit mit ihren mongolischen Begleitern und den beiden Schamaninnen erarbeitet wurden. Es hat über diese wohl älteste Religion der Menschheit Aufzeichnungen und Untersuchungen vor allem russischer und mongolischer Gelehrter gegeben, darunter auch solche von den Tuwinern. Aber hier wird die ganze Opferhandlung, die im Bild festgehalten ist, auch noch in einem natürlichen, ungekünstelten Bericht zugänglich, denn der Verfasserin dieses Buches ist es gelungen, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen. Das ist nicht selbstverständlich, hatten es die Schamanen in der Mongolei doch seit Jahrhunderten nicht leicht gehabt. Sie wurden angefeindet, von lamaistischen Missionaren und politischen Eiferern durch Jahrzehnte verfolgt, ihre hölzernen Idole wurden eingesammelt und verbrannt, mit brennendem Hundekot ausgeräuchert und auch die Schamanen selbst wurden manchmal Opfer der Flammen. Trotzdem hat diese Glaubens- und Lebensform bis heute überdauert, und Ulrike Ottinger hat Zugang zu den Schamanen gefunden. Dies beweisen das Buch und ihre Bilder.

Man hat mich, weil ich seit langem mit dem Schamanismus in der viele Tausend Kilometer von den Tuwinern entfernten östlichen Mongolei befaßt bin, gebeten, ein Vorwort zu schreiben. Es muß nicht länger sein: Das vorliegende Buch und seine Bilder sprechen für sich selbst.

Walther Heissig 


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