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Friedrich Abendroth: Clara in Revision – Elfriede-Jelinek-Premiere in Stuttgart, 14.05.1983 in: Presse

 

Die bundesdeutsche Kritik hat mit der Uraufführung der "Clara S." von Elfriede Jelinek recht wenig anfangen können. Die Bonner Premiere wurde vor Jahresfrist, gelinde gesagt, zwiespältig aufgenommen. Die in Berlin lebende avantgardistische Filmemacherin Ulrike Ottinger hat jetzt, beraten durch die Dramaturgin Regine Friedrich, ein Regieteam und wohl auch durch die Autorin selbst, eine Neuinszenierung versucht, die nach der Premiere in Stuttgart auch beim Festival in Avignon (auf französisch) gezeigt werden soll. Von den üblichen Buhrufen abgesehen, die Claras Sakrileg mit Schumanns Totenmaske (aus Schaumgummi) empörte, hat das Premierenpublikum durchaus beifällig, wenn auch nicht eben enthusiastisch zugestimmt.
Daß dem Beifall nach mehr als zweieinhalb Stunden pausenloser Spieldauer eine gewisse Erschöpfung anzumerken war, ist dem einzigen wirklichen Fehler der Regie zuzuschreiben: ihrer unnötigen, "serielle" Wiederholungen nicht scheuenden Langatmigkeit, die gegen Ende der Aufführung zur Langeweile wurde. Vielleicht hätte man Elfriede Jelinek auch noch energischer zum Streichen eines Textes zwingen müssen, bei dem der Autorin offensichtlich jeder Satz unentbehrlich schien. 
Dieses Stück ist insofern "neues Theater", als es einen um Verständnis bemühten Kritiker zumindest in dieser kongenial erscheinenden Inszenierung zur Umkehr der Reihenfolge seiner Rezeption zwingt. Diese in eine kaum aufzählbare Fülle von Bildelementen umgesetzte Geschichte der stilisierten Clara Schumann muß man zunächst sehen und nochmals sehen. Dann soll man zunächst die Assoziationen wirken, ja wuchern lassen, nach Art eines "Rohrschach-Tests". Sodann kann man versuchen, sie gedanklich zu ordnen. Und lesen soll man den Text, wenn überhaupt, erst ganz am Ende.
Folgt man dieser Methode, die sich eigentlich schon seit Strindbergs "Traumspiel" empfiehlt, dann gerät man in den Bann einer Bildwelt, die trotz ihrer Überraschungseffekte und Schockelemente bei Ulrike Ottinger nichts Zufälliges, nichts Selbstzweckhaftes kennt. Diese "Clara S.", durch die sich gegen alle Chaotik ringsum dank glänzender Sprechkunst durchsetzende Monika Schwarz verkörpert, ist die von einer egozentrischen Männerwelt unterjochte und in Jahren der ertragenden Unterjochung angesäuerte Klavierlehrerin mit dem deutschen Hang "zum Höheren". Sie wird von zwei auf den ersten Blick kontrastierenden Welten bedroht, deren unterirdische Korrespondenz, von der Autorin politisch klar gesehen, in der Bildsprache deutlich gemacht wird. 
Die selbstmitleidvolle Autistik des "Nur-Künstlers" Schumann ist die eine Seite der Medaille, die Selbstfeier des von Impotenz bedrohten Sexualathleten d'Annunzio die andere. Die innerlich morsche, morbide Welt der italienischen Reaktion, auf deren Nährboden der Faschismus des komödiantischen Supererotikers Mussolini gedeihen konnte, wird durch Ulrike Ottinger in ein gleichermaßen surreales wie zeitgenössisches Bühnenbild eingebracht. Es ist mit kruden Realitätspartikeln (einer Body-Building-Gymnastin von steriler Makellosigkeit etwa) durchsetzt. Helga David ist da als alternde, laszive Geliebte und Kupplerin d'Annunzios am überzeugendsten. Eine glänzende Idee: der Sexualprotz und Barde des Faschismus ist in makabrem Paradox durch eine Frau, das langbeinige Mannequin Veruschka Gräfin Lehndorff, besetzt.
Eine Vision geht aus der anderen hervor: obszöne Groteske, Gruseltheater im Irrenhaus um den Patienten Schumann (in Gipsmaske durch Reent Reins erschütternd tönend), Dokumentarfilm faschistischer Traumerfüllung: ein Hexensabbat. Gewiß auch aus einer sehr persönlichen Besessenheit der Elfriede Jelinek geboren: Aber welche Dichtung der letzten Jahrhunderte war das nicht, seit Büchner, Strindberg, Beckett?
Ein Glücksfall für die Autorin ist und bleibt die regieführende Partnerin. Man wird künftig über "Clara S." nur nach Kenntnis dieser Inszenierung kompetent sprechen können.

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