Pressestimmen

Svenja Kalucke, Süddeutsche Zeitung 12.03.2001 

 

Die Regisseurin und Bühnenbildnerin der Uraufführung, die Berliner Filmemacherin Ulrike Ottinger, führt virtuos die verschiedenen Kommunikationsebenen des Werkes zusammen: Gesang, Gebärdensprache und Sprechgesang. Elektroakustische Zuspielungen, Erzählerstimme, Hörspielelemente, Bildprojektionen impressionistischer und Edward Munch'scher Gemälde. Das alles diszipliniert sie in einer streng stilisierten, artifiziellen Ästhetik, in kühlen Bildern, mit bisweilen expressionistischen Posen und Stummfilm-Mimik der Darsteller.

Im Stil distanzierter Schau und in der Interpretation knüpft sie dabei an Rainer Werner Fassbinders Film "Fontane Effi Briest" von 1974 an. Fassbinder entdeckte an Fontane eine Widersprüchlichkeit, die er auch an sich selbst feststellte. Denn Fontane kritisiert zwar die lebensfeindlichen gesellschaftlichen Konventionen und Normen seiner Zeit, zugleich aber akzeptiert, festigt und bestätigt er sie auch in seinem Werk. So vergegenwärtigt Fassbinder den Schriftsteller und damit auch sich selbst 1980 leicht resigniert. Gegen diese Resignation verschärft Ottinger den Widerspruch. Sie zeigt ganz subtil, mit dezenten Momenten der Parodie und der Karikatur, mit untertemperierter Ironie und großem Ernst, dass Fontanes Roman auch ein Schmachtfetzen ist, der das Opfer Effi mit Trivialelementen verklärt. Die Brutalität der Gesellschaft und ihrer Familie nach Aufdeckung von Effis Ehebruch, Effis totale soziale Isolation, an der sie jämmerlich zugrunde geht, wird von Fontane überschönt, harmonisiert, versöhnt.

Eine Gesellschaftskritik mittels einer Kritik an der männlichen Kunst- und Literaturproduktion weiblicher Bilder im 19. Jahrhundert.

 

 

Stefan Keim, Die Welt, 13.03.2001 

 

Die Regisseurin Ulrike Ottinger bringt mit klaren, mitfühlenden, manchmal dezent ironischen Bildern so viel Form in die Vielfalt, wie das Stück verträgt und der Zuschauer braucht. Die kleinteilige Komposition entfaltet sich als vielschichtiges Mosaik einer Frauenseele, und erst gegen Ende der zwiestünigen Aufführung wird der Kopf zu voll und der Abend zu lang. Über weite Strecken ist die Musik bedrohlich verhalten, schafft gesprenstische Stimmungen mit vibrierenden Dissonanzen und tonalen Einsprengseln, die gelegentlich in kurze Ariosi münden.

 

 

Pedro Obiera, Westfälischer Anzeiger, 13.03.2001 

 

Das Libretto besteht zwar ausschließlich aus Originalzitaten des Romans, auch die Figauren und die Handlungsstränge bleiben erkennbar. Gleichwohl hebt sich das "musiktheatralische Psychogramm in vier Akten" weit über eine reine Vertonung des Stoffs hinaus. Gezeigt werden die Nervenstränge der zwischen Freiheitswillen und Zwängen zerrissenen Figuren. Die Musik vibriert wie ein klingendes Elektroenevephalogramm. Wenn Ingrid Caven die erschütternde Begegnung der verzweifelten Titelheldin mit ihrer Tochter rezitiert, stellt sich zwar Ergriffenheit ein. Sich mit einer der am Ende ausnahmslos unglücklichen Figuren identifizieren zu können, dazu bleibt keine Gelegenheit ... Alle zappeln im Spinnnetz einer Diktatur unmenscher Ehrenvorstellungen.

Das Ganze wirkt in Duktus und Gestik traumhaft entrückt. Ulrike Ottinger schuf eine perspektivisch verschachtelte Treppenlandschaft, in deren Zentrum die 18 Musiker der "musikfabrik Nordrhein-Westfalen" posieren. Gespenstisch schwerelos wandeln die Protagonisten über die Stufen. Ein ebenso schlichtes wie raffiniertes Bild.