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Grenzgänge und Mauersprünge

Berliner Dokumentarfilme von Jürgen Böttcher, Ulrike Ottinger u.a. über ein geschleiftes Monument von Weltruhm

[…] Ottinger, die oberflächenhaft dem Exotismus zugeordnet wird, geht [in ihrem dreistündigen Reisefilm Countdown] nicht anders vor, als in ihrem überragend sorgfältigen Dokument China, die Künste, der Alltag, der 1986 im Forum lief. Countdown ist der einzige westdeutsche Beitrag zur sich zwangsläufig ergebenden Reihe „Mauersprünge & Grenzgänge“. Zudem trägt er einen Titel der amerikanischen Militärsprache, der den Sekunden vor Abschuß einer Rakete gilt. Die Analogie trägt soweit, als daß hier Umkehrbewegungen, Temperaturverluste simuliert werden, die Berlins dauerhaft prekärer Eigenschaft als Transitstation gerecht werden.
Im ästhetischen Zentrum dieser Reise-Recherche steht ein theoretischer Satz zur Verlangsamung. Alle Fernsehbilder arbeiten mit dem Diktum der Beschleunigung. Jürgen Böttcher und Ulrike Ottinger, einst Maler, bevor sie das Medium Film entdeckten, plädieren für eine bedachtsame Verzögerung in unserer Wahrnehmung, die erst die Voraussetzung zum Wahrgenommenen schafft. In einem Videoclip werden Wünsche geweckt, in einer langsam geschwenkten Einstellung werden Denkbilder wach. Nicht von ungefähr beziehen sich die Zwischentitel in Ottingers Film, der ohne gesprochenen Kommentar und fast ohne Dialoge auskommt, auf Texte von Walter Benjamin, den Krisensymptomatiker der dreißiger Jahre, auf den jetzt sich zu besinnen der Besinnungslosigkeit Einhalt geböte. 
Countdown bilanziert nicht so sehr die Lücken in der Mauer, sondern die in unserem Geschichtsbewußtsein. Das ist eine Reise in die verlorene Vergangenheit, die mit dem Einsteinturm des Architekten Mendelsohn in Potsdam eröffnet, zum Innehalten auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee einlädt, als seien schon da die Zeichen zu lesen, die zum Coutdown im Geschichtsbewusstsein führten. Der scheinbar stumme Film, der intensiv mit Straßen- und Umweltgeräuschen arbeitet, die Kamera zumeist auf fahrende Autos, Schiffe, Schwebebahnen setzt, zählt jene zehn Tage vor der Währungsunion im Juni 1990.
Das Tempo ist gedrosselt, sorgsam sind die Schwenks vertikal von unten nach oben, von oben diagonal nach rechts unten gezogen, um in dieser Bewegung ein Bild des Zusammenhangs herzustellen. Berlin ist eine fremde Stadt, in der nicht das Sozialarbeiterkonzept der multikulturellen Erscheinung abgefilmt wird, sondern in der das Nächstliegende wie das Fernste gezeigt wird. Je näher man auf das Wort Deutschland sähe, montiert Alexander Kluge in einen seiner Filme, desto ferner sähe es auf uns zurück. Nicht nur die Mauer ist, wie Ottinger hier im Titel aufschreibt, ein Abenteuerplatz. Das entmauerte Berlin samt seinem hier erfahrenden Umland ist ein abenteuerliches Gelände, läßt man sich auf die ruhigen, beunruhigenden Blicke auf das Zonenrandgebiet der Metropole ein.


Karsten Witte, Frankfurter Rundschau, 7. März 1991

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