Ulrike OTTINGER > Filme > Exil Shanghai > Pressestimmen > Veronika Rall, in: Frankfurter Rundschau, 20.2.1997

Veronika Rall, in: Frankfurter Rundschau, 20.2.1997

Lange hat man Zeit, die Gesichter zu betrachten, viel Raum wird dem gewandten Ausdruck gegeben, in dem diese Mehrfach-Emigranten erzählen, die von Geschichten übersprudeln


EXIL SHANGHAI weiß viel und kommt daher ohne Didaktik aus. Kein erklärender Text aus dem Off stört den Betrachter, man darf sich selbst ein Bild machen vom Ort und den Menschen, die dort leben und lebten. Fragmente, Details geben Einblick in Strukturen. Der Film hält die poetische Kameraführung, die Ottingers Arbeit auszeichnet, in den Interviews wie in den Aufnahmen der gegenwärtigen Stadt, als ob jene strenge Ordnung der Dinge fernöstliche und europäische Ästhetik mischte. Vorsichtig werden Tagebücher auf einen roten Tisch gebreitet, auf dem sich, wie zur Zierde, ein Kakadu tummelt; so sorgfältig wie die Photographien ausgepackt werden, cadriert sie die Kamera.

Der Film leitet sein Publikum zärtlich, er läßt uns in die Bilder gleiten, die eine Originalmusik aus den dreißiger und vierziger Jahren wunderbar ergänzt. So stellen sich ungeahnte Verbindungen her, Trauer paart sich mit Melancholie, denn es ist nicht nur eine Geschichte des Leids und der Flucht, die EXIL SHANGHAI erzählt. Manch einer, so stellt insbesondere das Ende klar, wäre gern in der exterritorialen Stadt geblieben, hätte das Transitäre zugunsten einer Bleibe im Exotischen aufgegeben. Diese Faszination im Präsens eingefangen zu haben, macht Ottingers Film zu mehr als einem historiographischen Dokument, nämlich zu einer Sinfonle der Großstadt, in der sich das Fremde und das Eigene klangvoll mischen.

Zurück