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Jörg Magenau, in: Freitag, Berlin 10/97

[…] Nüchterner, ergreifender ist Ulrike Ottingers Dokumentation über das EXIL SHANGHAI, einen bisher kaum bekannten Ausschnitt der Geschichte. Shanghai war bis zur japanischen Besatzung 1942 der weltweit letzte Zufluchtsort mit offenen Grenzen. Hier lebten Angehörige vieler Nationen in friedlicher Koexistenz, hierher flohen viele europäischen Juden und versuchten, ein neues Leben aufzubauen, bis sie von den Japanern 1943 ins Ghetto gesperrt wurden.

Daneben gab es eine alteingesessene Schicht sephardischer Juden, meist steinreiche Kaufleute, die der spätkolonialistischen Elite zugehörten. Mit den Exilanten kamen sie nur selten in Berührung. Aus Interviews mit ihnen, mit deutschen, österreichischen und russischen Juden, aus Photos, Dokumenten und Filmaufnahmen vom heutigen Shanghai entsteht das Bild einer vitalen Stadt und eines nur wenig bekannten Kapitels der Exilgeschichte: ein Leben zwischen Dekadenz und Ghetto.

Die Bilder aus der Gegenwart - Straßenszenen, Marktgeschehen oder Schiffe im Hafen - wirken dabei wie eine Oberflächenhaut, die erst in den Erzählungen der lnterviewpartner ihre historischeTiefendimension gewinnt. Der Film funktioniert als Medium der Erinnerung, und die Erinnerungen sind Türen in eine unbekannte Welt. Ottinger findet eigene, eindrucksvolle Bilder. Sie spürt auf, trägt zusammen und blendet die verschiedenen Zeitebenen virtuos übereinander, so daß Geschichte sichtbar und stofflich fühlbar wird. Die Musik dient ihr nicht [...] als Gefühlsquetsche, sondern ist ein autonomerTeil des Geschichtsmosaiks, manchmal auch ironischer Kommentar. Etwa dann, wenn zum Bericht vom Hafen das alte Lied erklingt: ,,lrgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bißchen Glück, und ich träume davon jeden Augenblick." So gelingt Ottinger etwas ganz Seltenes: Erinnerungen vielschichtig und lebendig zu machen. Sie beschwört keine Gespenster sondern öffnet und weitet den Blick.

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