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Weißer Fleck im Gedächtnis

Peter Zander, Berliner Morgenpost, 6. Juni 2002 


Heute, an ihrem 60. Geburtstag, stellt Ulrike Ottinger ihr jüngstes Werk auf der Documenta vor
Gemacht hätte sie den Film sowieso. Allerdings war völlig unklar, wie ihr Dokumentarfilm finanziert werden sollte. Kaum zu glauben: International wird Ulrike Ottinger gefeiert, in New York etwa gab es eine Ausstellung ihrer Fotografien und eine Retro ihrer Filme im "Museum of Modern Art" (MoMA). Aber in der Heimat gibt es keine Gelder mehr, um ihre Projekte zu fördern. Da kam die Einladung zur Documenta 11 gerade recht. Der künstlerische Leiter, Okwui Enwezor, hatte ihre Werke in New York kennen gelernt und wollte sie bei der weltgrößten Kunstausstellung unbedingt dabei haben. Dafür gabs auch ein klein bisschen Geld. Und weil deutsche Fördergremien immer nur lokal bezogen fördern, die Documenta aber in Kassel stattfindet, gabs sogar noch ein kleines Sümmchen der hessischen Filmförderung. "Das reichte natürlich bei weitem nicht für die Produktionskosten", so Frau Ottinger, "aber geholfen hat es doch." 
      Dass Enwezor sie unbedingt dabei haben wollte, ist nur folgerichtig: Beider Thema ist der Kulturtransfer, ergo das Verhältnis verschiedener Kulturen zueinander. In der Vergangenheit ist die Filmemacherin aus Konstanz, die seit beinahe 30 Jahren in Berlin lebt und arbeitet, in die Taiga gefahren, in die Tundra und die Mongolei. In ihrem letzten großen Werk "Exil Shanghai" ging sie auf Spurensuche nach deutschen Autoren in Chinas Metropole. Für ihr jüngstes Werk "Südostpassage" ist sie etwas näher geblieben, bereiste die Länder Südosteuropas. Die aber scheinen viel weiter weg als Asien: "Alle sprechen von Europa, aber die Häfte davon ist vollkommen vergessen." Sie hat sich auf Spurensuche begeben, fuhr alten Wirtschaftswegen und Kulturtangenten nach, bis hin zu dem einst glänzenden Odessa. Und sie stieß schon bei der Visa auf ungeahnte Schwierigkeiten; vom Mieten eines Autos vor Ort ganz zu schweigen. Heute scheinen diese Landstriche vergessen, ein weißer Fleck auf der Globalisierungskarte. 
      Die Ottinger hat sich einfach ins Auto gesetzt und gefilmt. Aus Kostengründen musste sie auf einen Kameramann verzichten. Auch aufs klassische 35mm-Material. Stattdessen machte sie sich alleine auf, "bewaffnet" nur mit einigen Übersetzern, hat selbst gedreht und sich hierfür eine Digitalvideokamera geliehen: "Nur geliehen!" Eine solche Reise passt bestens ins Documenta-Konzept. Schon bei der letzten unter der Regie von Catherine David, sind Video-Travels entstanden, die im Internet vorgestellt wurden. 
      Ihre Reise hat die Ottinger schon im Sommer 2000 gemacht, kurz vor Enwezors Anfrage. Damit verrät die Dame ungewollt auch eins der gut gehüteten Documenta-Geheimnisse: wie lange im Voraus die Künstler eingeladen werden. Danach erst hat sie ihr Material geschnitten - und erstmals nicht nur die Bilder für sich sprechen lassen, sondern mit Archivaufnahmen, mit Musik der Region, mit Zitaten von Manès Sperber und Joseph Roth kontrastiert. Das glänzende Europa von einst, verlassene, vergessene Landstriche von heute. Erstmals ist ein Film der Ottinger erst am Schneidetisch entstanden. Und er wurde gerade eben noch so fertig. Die Strapazen sind ihr noch anzumerken. Heute wird das dreiteilige Werk (Wroclav-Varna/Odessa/Istanbul) uraufgeführt. Zur Eröffnung der Documenta. Und punktgenau an ihrem 60. Geburtstag. Mitten in den Ausstellungsräumen wird das sechsstündige Werk in einer Black Box laufen, nonstop, als Endlosschleife. Ob er je ins Kino kommen wird oder nur auf DVD, ist fraglich. Vielleicht ist die Documenta die einzige Gelegenheit, den Film wirklich auf großer Leinwand zu sehen. Auch Frau Ottinger will sich in Kassel mal ins Dunkel setzen und schauen, wie ihr Werk so ankommt. Dass die Besucher rein- und rausströmen, damit muss sie schon rechnen. Trotzdem ist es für sie nichts anderes, ob sie ihr Werk im Kino oder auf einer Kunstschau zeigt: "Da zeigen andere auch nur ihre neuen Sachen." Sie hat ja auch schon Filme auf der Biennale vorgestellt. Und ob Filmfestival oder Kunstevent: Lampenfieber hat man sowieso. Zwischen Film und Kunst hat sie, die selbst Kunst studierte und einst in Konstanz eine Galerie leitete, nie getrennt: "Ich fühle mich in allen interessanten internationalen Kontexten wohl." 
      So auch auf der Documenta. Sie ist eine von 118 internationalen, von elf deutschen, von acht Berliner Künstlern. Auch andere Filmemacher sind vertreten: Chantal Akerman, Isaak Julien, Jonas Mekas. Dafür blieben andere, "klassische", ergo bildende Künstler draußen, wie der jetzt schmollende Markus Lüpertz. Ausgetauscht mit anderen Documenta-Künstlern hat sich die Ottinger aber nicht. "Ehrlich gesagt war ich bis letzte Woche noch mit meinem Film beschäftigt. Ich habe jetzt erstmals auf die Liste geguckt, wer da so alles kommt." Und sie war begeistert. Einige Künstler kennt sie schon, andere wird sie vielleicht kennen lernen. Erstmal muss sie ihren Film promoten. "Aber später fahr ich noch mal privat hin. Dann komm ich nur zum Gucken."

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