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Filmgeschichten vom Rande Europas

Bettina Fraschke, Hessische Niedersächsische Allgemeine, 12. September 2002


Wie nah, wie fremd. Ulrike Ottinger erzählt mit der Kamera Geschichten aus Osteuropa. Odessa, Istanbul, Breslau. Geschichten von wunderschönen, bröckelnden Villen, Geschichten von zerteilten Rinderköpfen auf einem Markt, Geschichten von alten Frauen, die in Kittelschürzen ihre Hunde ausführen. 
Erste Erkenntnis: Die alltäglichen menschlichen Lebensäußerungen unterscheiden sich von Kultur zu Kultur nur wenig. Und doch sind unsere östlichen Nachbarn uns immer noch allzu unbekannt. So nah, so fremd. "Eine Reise zu den neuen weißen Flecken auf der Landkarte Europas" untertitelt Ottinger ihren Film. Die 1942 geborene deutsche Filmemacherin bleibt mit ihrem Werk "Südostpassage", das in der Binding-Brauerei gezeigt wird, ihrem Stil treu. Fast ohne Kommentar vertraut sie auf die Erzählkraft ihrer Bilder. Eine rastlos streunende Kamera fängt Gesichter ein. Eindrucksvoll und beschämend etwa, wenn auf einer Wiese in Odessa Menschen stehen, die sich Zettel mit Wohnungsgesuchen ans Revers geheftet haben - lebende Litfaßsäulen auf dem Vorstadt-Bolzplatz.
Eine Reise an Europas Rand. Sechs Stunden dauert ihr Film. Unmöglich, ihn am Stück auf der Ausstellung anzuschauen. Aber man setzt sich immer wieder davor wie ein Reisender, der aus einem Eisenbahnfenster stets neue Städte sieht, und lässt sich immer wieder eine andere Geschichte erzählen. Aus einer nahen, fremden Welt.

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