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Übergang ohne Ende

Barbara Schweizerhof, Die Tageszeitung, 7. Februar 2003

 

Warten, schauen: Sieht man Ulrike Ottingers sechsstündigen Reisefilm "Südostpassage", ist es, als würde man selbst durch Polen, Ungarn, Odessa, Istanbul streifen und die neuen Mikro-Ökonomien dieses "neuen Europas" erkunden.
     Im Forum gibt es diese seltsame Tradition, jedes Jahr mindestens einen Film mit extremer Überlänge zu zeigen. Viele Berlinale-Veteranen verbinden mit diesem Format die intensivsten Erfahrungen: Claude Lanzmanns "Shoa", Marcel Ophüls' "Hotel Terminus", Béla Tarrs "Sátántangó", Jaques Rivettes "Out 1: Noli me tangere" waren hier zu sehen. Auch Ulrike Ottingers stets formatsprengende Werke wurden schon mehrfach in dieser undeklarierten Untersektion vorgeführt; zuletzt 1997 ihre sehr berührende, viereinhalbstündige Dokumentation "Exil Shanghai".
     Mit all diesen Extra-Large-Filmen hat es eine eigene Bewandtnis, sorgt doch die Länge allein schon für eine gewisse Bindung zwischen Zuschauer und Werk. Meist ist es das eigentümliche Tempo, das die Filme anschlagen: Sie sind in der Regel extrem langsam, was dazu führt, dass man nach einer Stunde entweder gelangweilt das Kino verlässt oder aber wie hypnotisiert weiter schaut und schaut.
     Ulrike Ottingers 363-minütige "Südostpassage" ist darin dem Reisen sehr ähnlich. Denn auch beim Reisen überlässt man sich einem anderen Zeitgefühl. Abseits von Museumsbesuchen und anderen Freizeitsportarten besteht das eigentliche Reisen ja vor allem aus Warten - auf den nächsten Bus, auf den nächsten Zug, auf den Reisegefährten. Da sitzt man dann, der nächste Bus kommt erst in zwei Stunden oder zwei Tagen, das eröffnet die schöne Möglichkeit, einfach nur zu schauen: wie sich der Platz vor dem Bahnhof mit Schulkindern füllt, wie auf dem Markt die alten Frauen ihre selbst gepflückten Beeren und Pilze auspacken, wie von den Gebäuden der Putz bröckelt. 
     Wer diese Momente des Reisens liebt, kommt in Ottingers Film auf seine Kosten. Es ist, als wäre man tatsächlich auf "Südostpassage", würde von Wroclaw nach Varna zuckeln, durch Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien fahren (Teil I); tagelang durch Odessa (Teil II) und fast wochenlang durch Istanbul (Teil III) streifen. Immer als Passant, als Tourist mit diesem hungrigen Blick für die Kleinigkeiten des Alltags der Anderen, wo der eigene nur noch aus Bewegung besteht. Der Vorteil, wenn man dabei im Kino sitzt, besteht darin, dass man sogar noch mehr Zeit und Muße zur Betrachtung und zur Reflexion hat, als wenn man selbst unterwegs wäre.
     So gehen einem während der "Südostpassage" ständig Fragen durch den Kopf, die der Film durch seine Bilder stellt, aber natürlich nie beantwortet. Was hat es auf sich mit diesen seltsamen Ökonomien, in denen arme Menschen an Straßenrändern fast wertlose Produkte in geringsten Mengen feilbieten: zwei Gläser Marmelade, ein Plastikspielzeug, drei Kugelschreiber? Wo sind die Bürger hin, die einst die Jugendstilvillen in Eger bewohnt haben? Wer hat die Macht in diesen Ländern, in denen Alte und kleine Kinder sich auf abgelegenen Märkten ihren Lebensunterhalt verdienen müssen?
     Die Bilder von diesen "neuen weißen Flecken Europas", wie Ottinger es im Untertitel benennt, ähneln sich: Straßenhandel, verfallene Häuser, neugierig in die Kamera schauende Menschen. Manchmal werden Fragen gestellt, ein paar Leute erzählen etwas von sich, von den heutigen Zeiten, was sie so machen, wer sie sind. Im Verlauf verdichten sich die pittoresken Beobachtungen zu regelrechten Strukturanalysen.
     Es sind vor allem die Frauen, die sich in diesen Mikro-Ökonomien bewegen; dass die Männer in diesen Gegenden auf seltsame Weise unbrauchbar und meist abwesend sind; dass eine Stadt wie Odessa im Alltag von Frauen regiert wird, dass diese Frauen aber real gar keine Macht haben und keinen Einfluss nehmen. Erst in Istanbul ist das wieder anders. Von den neuen "Russenmärkten" der Peripherie wendet sich Ottingers Blick schließlich den alten orientalischen, männlich dominierten Basaren im Stadtinnern zu. 
     In fast unheimlicher Weise macht Ottingers Film das merkwürdige Doppelgesicht dieses "neuen Europas" sichtbar: Auf der einen Seite herrscht die große Verwahrlosung, die heruntergekommenen Bauten illustrieren bestens das soziale Gefüge und umgekehrt. Auf der anderen gibt es überall glänzend neue Werbeflächen und abgetrennte Inseln einer Luxusökonomie, die sich aus reiner Spekulation nährt. Aus dem Off erklingen dazu von Zeit zu Zeit literarische Auszüge, zum Beispiel aus Elias Canettis Autobiografie, sie sorgen für Melancholie. Vom viel beschriebenen und gelobten Gemisch von Völkern und Sprachen sind nur noch Rudimente übrig. Ein ganzer Landstrich scheint gefangen im Purgatorium des ständigen Übergangs - das Alte geht schon lang nicht mehr und das Neue auch nicht.

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