Zwölf Stühle

Ulrike Ottinger hat den Osten schon immer geliebt. Sie hat in der Taiga, in Schanghai, in Osteuropa Filme gedreht: Theatralische Spielfilme und feinfühlige Dokumentarfilme, die seit Jahren Kult sind. Für "Südostpassage", ihren letzten Dokfilm, ist Ottinger von Berlin via Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien nach Odessa gereist. Land und Leute, aber auch die Literatur lernte sie kennen; am meisten fasziniert hat sie Ilja Ilfs und Jewgeni Petrows Roman "Zwölf Stühle". "Zwölf Stühle" heißt nun auch Ottingers neuster Film. Angelegt ist er als Roadmovie: Auf dem Sterbebett gesteht Klawdia ihrem Schwiegersohn Ippolit, dass sie bei Ausbruch der Revolution ihre Juwelen in einen seiner zwölf ehemaligen Salonstühle eingenäht hat. Kaum ist Klawdia beerdigt, bricht Ippolit auf, um das, was zu Zars Zeiten der Familie gehörte, nach der Enteignung nun aber weitum verstreut ist, wieder in seinen Besitz zu bringen. Quer durch die UdSSR, vom verschlafenen Wilkowo über die Dnjeperstadt Nikolajew bis nach Odessa reist er; getrieben von Gier und alsbald begleitet von einem geckenhaften Ganoven. Im Jahre 1927 spielt Ilja Ilfs und Jewgeni Petrows Roman, Ottinger jedoch hat "Zwölf Stühle" in den "natürlichen Kulissen" der Ukraine von heute gedreht. Resultat ist ein bilderprächtiger "Reisefilm". Der gewährt den Zuschauern, wie Ottinger es formuliert, tiefen Einblick in die "dichten Schichtungen der Geschichte" und es fällt in ihm kongenial zusammen, was Ottingers Schaffen kennzeichnet: Ethnografische Sorgfalt und humorvolle Verspieltheit.


Arthouse Movienews Nr. 83 - 7 / 8 / 2004

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