Ulrike OTTINGER > Filme > Zwölf Stühle > Pressestimmen > Ostap Bender hat die Grenze überquert

Ostap Bender hat die Grenze überquert

Die deutschen "12 Stühle" wurden in Moskau vorgestellt


Im Filmmuseum fand die inoffizielle russische Premiere des deutschen Films Zwölf Stühle statt. Andrej Plachow ist der Meinung, dass sich diese Verfilmung des Kultromans vorteilhaft von allen bisherigen abhebt.

 

Der Film wurde erstmals vor zwei Monaten im Forum der Berlinale gezeigt. Und die anwesenden russischen Journalisten hatten einiges daran auszusetzen: Er sei nicht lustig und schwärze zudem unser geliebtes Land an - besoffene Männer unter einer Lenin-Statue, Dreck auf den Straßen, ungepflegte alte Frauen. Als ob die Regisseurin Ulrike Ottinger den Geschmack jener beschränkten deutschen Zuschauer habe treffen wollen, die mit unverhohlener Genugtuung auf den Ruin des Sozialismus und das Ende seiner spezifischen Reize blicken.
Doch das Gegenteil ist der Fall.
Erstens geht es hier gar nicht um den Sozialismus, sondern um ein hybrides Gebilde wie die Neue Ökonomische Politik - oder wohl mehr noch um den heutigen Kapitalismus, wie er sich in der Ukraine manifestiert. Und insbesondere in Odessa, dessen kaufmännisch-anarchischem Geist bislang kein Gesellschaftssystem beizukommen vermochte. Trotz Verwüstung und Eklektizismus ist diese Stadt mit ihrer Jugendstil-Architektur und dem allgegenwärtigen Schatten Eisensteins nach wie vor wunderschön. Und die illustren Helden der ZWÖLF STÜHLE fügen sich mühelos ein in die modernen Straßen mit ausländischen Autos und Reklameschildern wie "Liberty-Schuhe aus Italien". 
Zweitens hat Ulrike Ottinger nie für das breite Publikum gearbeitet. Ihr Schaffen geht weit über ein vulgär-pragmatisches Verständnis des Mediums Film hinaus, und es schließt Installationen und Fotoserien, Operninszenierungen und Performances mit ein. In all ihrer Kunst sind die Prinzipien der Avantgarde und der Moderne mit traditionellen Strukturen des Barock und anderer klassischer Stilrichtungen verschmolzen. Als Modell hat im vorliegenden Fall ein Hochstapler-Roman gedient - was auch die provozierende Länge des Films erklärt. Er dauert mehr als drei Stunden, doch ohne jemals langweilig zu werden.
Ulrike Ottinger hat sich einem Konzept der Welt verschrieben, in dem unterschiedliche Kulturen und Subkulturen in einem starken Spannungsfeld zusammenwirken. Zu ihren Lieblingscharakteren gehören Berliner Randfiguren und mongolische Nomaden, Zwerge und Transves-titen. Diese Exotik und Groteske waltet auch in den ZWÖLF STÜHLEN. Bevor sich Ottinger des Romans von Ilf und Petrow angenommen hat, ist sie durch Polen, Ungarn und die Ukraine gereist und hat Orte ausfindig gemacht, an denen der Geist der "europäischen Hinterhöfe" am deutlichsten zu spüren ist. Zum Beispiel in Wilkowo, einem kleinen Dörfchen an der moldawisch-rumänischen Grenze, einem ehemaligen Handelszentrum am Kreuzpunkt zweier Dnjepr-Zuflüsse, das ein wenig mit Venedig zu vergleichen ist. Ulrike Ottinger hat die inneren Bezüge zu Paris, der Côte d'Azur, Rio de Janeiro oder den reichen Bürgerhäusern von Philadelphia - Bezüge, die uns immer wie sowjetischer Provinzhumor reinsten Wassers erschienen sind - in einen breiten kulturellen Kontext gestellt und ernsthaft und mit deutscher Gründlichkeit analysiert.
Sie hat gar nicht erst versucht, die Dialoge zu übersetzen, sondern sie in volltönendem Russisch erklingen lassen, hat sie mit Untertiteln versehen und mit einem deutschen Off-Kommentar kombiniert. Sie hat keine deutschen, sondern Odessiter Schauspieler engagiert und mit ihnen einen Film gedreht, von dem viele Generationen sowjetischer und postsowjetischer Filmregisseure vergebens geträumt haben. Denn sie haben sich dem Roman nur auf Zehenspitzen zu nähern gewagt und mit dieser Haltung die Zuschauer auf Jahrzehnte vom Geschmack einer solchen Prosa abgebracht; so wurde man ihres Stils so überdrüssig, dass er nur noch auf Ablehnung stieß. Selbst Kira Muratowa, die wie sonst niemand in Odessa zu Hause ist, lässt wohlweislich die Finger von diesem literarischen Leichnam. Man kann sich vorstellen, was herauskäme, wenn sich unsere hoch dekorierten Schauspieler zum hundertsten Male Bender und Panikowskij vornehmen würden: Sie würden sofort loslegen und sich à la Stanislawskij winden im Bemühen, sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Ulrike Ottinger war unbelastet von solchen Ängsten, und ihre Schauspieler (die sowohl aus dem Muratowa-Umkreis wie aus der "Maski"-Show kommen), allen voran Georgi Delijew und Genadi Skarga, sind hier goldrichtig.
Aber das größte Verdienst der Regisseurin besteht darin, dass sie den Schlüssel gefunden hat, um den Roman in die universelle Filmsprache zu übersetzen. Das Sujet eines in Stühlen verborgenen Schatzes ist so alt wie die Welt, und es ist auch immer wieder verfilmt worden, so auch auf der anderen Seite des Ozeans. Doch der spezifische Odessiter Humor von Ilf/Petrow galt immer als unübersetzbar, und somit schienen auch die Figuren des Romans, insbesondere Ostap Bender, unter Ausreiseverbot zu stehen. Nun haben sie ein Schengener Visum erhalten.


Andrej Plachow, Kommersant Nr. 69, Moskau 16. April 2004

Zurück