Ulrike OTTINGER > Filme > Zwölf Stühle > Pressestimmen > Karikieren der Karikatur?

Karikieren der Karikatur?

"Zwölf Stühle" von Ulrike Ottinger nach Ilf und Petrow


Die deutsche Filmemacherin Ulrike Ottinger hat sich als Liebhaberin und - mit ihren grossen Dokumentarfilmen - auch als Meisterin des langen, ja sehr langen Films erwiesen. So war "China. Die Künste - der Alltag" (1985) auf viereinhalb Stunden ausgelegt, um fünf Minuten noch übertroffen von "Exil Shanghai" (1997), während "Taiga" (1992), in 38 Kapitel aufgefächert, gar volle 501 Minuten in Anspruch nahm. Die 198 Minuten ihres jüngsten Films sind also nicht das Problem. Das Problem von "Zwölf Stühle" ist vielmehr eine Inszenierung, die sich als möglicherweise unfähig, jedenfalls aber unwillig erweist, auch nur ansatzweise so etwas wie einen Fluss in die Erzählhandlung zu bringen.
      Immer wieder fürs Kino adaptiert, ist der 1927 erschienene satirische Roman von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow auch als Filmstoff nahezu ein Klassiker. Nur notdürftig kaschierte 1938 "13 Stühle" mit Hans Moser und Heinz Rühmann die Vorlage. 1962 hat der Kubaner Tomás Gutiérrez Alea "Las doce sillas" vorgelegt, 1970 Mel Brooks "The Twelve Chairs", kurz darauf folgten die sowjetischen Produktionen unter der Regie von Leonid Gajdaj (1971) und von Mark Sacharow (1977). Ulrike Ottinger hatte, wie sie schreibt, im Zusammenhang mit einem Filmprojekt ("Südostpassage") einige Länder der GUS bereist und war dabei auf den Roman gestoßen. Für "Zwölf Stühle" nun lässt sie Einwohner etwa eines Dorfs an der moldawisch-rumänischen Grenze, von Odessa - aus dem die Autoren stammten und wo die Handlung von Roman und Film zur Hauptsache spielt - oder von Feodosija auf der Krim auftreten, mit entsprechendem Amateureffekt.
      Der Roman, meint die Filmautorin, halte den "im Umbruch befindlichen ehemaligen (?) GUS-Staaten einen präzisen allegorischen Spiegel" vor. Falls dem tatsächlich so sein sollte - im Film wird trotz dokumentarischen Elementen nichts davon erkennbar. Nie wird glaubwürdig der Eindruck erweckt, was als satirische Glossierung der Zustände in der Sowjetunion von 1927 angelegt war, entspreche auch heutigen Verhältnissen. Eine Lenin-Statue oder das von der Kinoorgel angedeutete "Lied von der Arbeitereinheitsfront" genügen da nicht. Auch das "historisierende" exaltierte Spiel der Darsteller liefe dem zuwider; das Gestikulieren und Augenrollen, wie es sich in satirischen Sequenzen auch bei Kosinzew/Trauberg oder bei Eisenstein findet, besass dort präzises Timing. Hier ist es bloss Karikieren der Karikatur. Was hätte wohl ein Boris Barnet oder heute ein Könner wie etwa der tadschikische Regisseur Bachtiar Chudojnasarow aus dem Stoff gemacht?
      So schleppt sich denn die Geschichte von der angeblich rasenden Hatz nach den Juwelen, die in einem von zwölf Salonstühlen versteckt sein müssen, die ihrerseits in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden, trotz unablässigem Wechsel der Schauplätze in ermüdender Gleichförmigkeit dahin: als stolpernde, krakeelende, endlose Balgerei. Ganz selten mag es immerhin zu einer luftigleichten Überwindung der Sphären kommen. Etwa dort, wo die beiden immer wieder neu düpierten Jäger des verlorenen Schatzes, der tumbe Adelsmarschall und mehr oder weniger rechtmässige Erbe sowie der ihn piesackende gerissene Gauner im Flickenkostüm des Arlecchino, von Kindern mit Tannzapfen beworfen werden und alsbald auf das fröhliche Spiel eintreten. Und punktuell kann sich dokumentarischer Mehrwert einstellen, etwa beim rührend ungelenk auf eine Mauer gepinselten Logo von Ford.


Christoph Egger, Neue Zürcher Zeitung Nr. 169, Zürich, 23. Juli 2004

Zurück