Der fremde Blick

Panorama und 34. Forum des jungen Films


Auffallend häufig sehen die Filme an der diesjährigen Berlinale die Welt mit fremden Augen. Nicht zuletzt das Eigene wird mit Vorliebe dem anderen Blick ausgesetzt: So sucht die Fiktion nach dem Wirklichen, der Dokumentarfilm inszeniert den Traum vom Leben, und der Fokus auf die Vergangenheit holt die Gegenwart ans Licht. Selten gelingt indes das Spiel mit dem Blickwechsel so souverän wie in ZWÖLF STÜHLE von Ulrike Ottinger, einer im Forum gezeigten Verfilmung des "Klassikers" von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Die deutsche Regisseurin schlägt aus der Geschichte zweier Lebemänner in der frühen Sowjetzeit jenes Fünkchen Wahrheit, nach dem sich die Mentalität einer Gesellschaft über die Perestroika hinaus buchstäblich in die neue Zeit rettete.
Die Geschichte über einen proletarisierten Adeligen und einen Ganoven, die in einer burlesken Schatzsuche dem Ideal vom Helden der Arbeit ihre individuelle Überlebensstrategie aus List und Improvisationsgeist entgegenstellen, ist eine stilsichere Parabel auf die postsowjetische Gesellschaft. Ottinger giesst Vergangenheit und Gegenwart, literarische und filmische Motive, russische Darsteller und deutsch gelesene Romanauszüge, malerische Schwarzmeerküste und farbenprächtigen Hyperrealismus mit einer Gelassenheit in Form, als würde sich all dies wirklich vor unseren Augen abspielen.


Claudia Schwartz, Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 13. Februar 2004

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