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Seide statt Plastik. Christina Bylow, Berliner Zeitung, 11.02.2009

Ulrike Ottinger dokumentiert koreanische Hochzeitsrituale

 

Die Kordeln dürfen nicht geknotet werden, das bringt Unglück. Also liegt die in rotes Seidenpapier eingeschlagene Hochzeitstruhe in einer Tragekonstruktion aus kunstvoll ineinander verschlungenen weißen Bändern - so wird sie von einem Boten vom Haus des Bräutigams zu den Eltern der Braut gebracht. Blau und rot sind die Geschenke verpackt: Tücher und Stoffe, darunter Baumwolle für die Windeln, in die das erste Kind gewickelt werden soll. Hochzeiten dienen der Reproduktion. In Korea sind sie keine Privat-, sondern eine Familienangelegenheit.
Was genau mag das Ritual der Hochzeitstruhe bedeuten? Eine Anerkennung dafür, dass die Eltern bereit sind, ihre Tochter gehen zu lassen? Ein Beweis für Reichtum und das Traditionsbewusstsein der Familie des Bräutigams?
Ulrike Ottinger, die große Essayistin und Poetin des Dokumentarfilms, beobachtet, sie erklärt nicht. In ihrem neuen Werk "Die koreanische Hochzeitstruhe" betrachtet sie die Verkäuferin in einem der unzähligen Hochzeitsläden in Seoul beim Packen der Truhe, sie begleitet den Boten bis ins Haus der Brauteltern durch die engen Straßen der koreanischen Hauptstadt.
Drei von vierzehn Millionen Einwohnern leben hier vom "Hochzeitsbusiness". Frisöre, Kleidergeschäfte, Geschenkwarenläden und vor allem Fotografen. Ohne sie könnte eine Hochzeit gar nicht stattfinden. Sie arrangieren die Familien für statische Gruppenbilder, jeder kennt seine Rolle, und wenn nicht, zupfen ihn allgegenwärtige Assistenten zurecht. "Hochzeiten", sagt Ulrike Ottinger, "provozieren alle Beteiligten, sich zu zeigen und damit etwas von sich herzuzeigen." Hochzeiten offenbaren Fantasien und Wünsche. Auch deshalb kommen sie in Ulrike Ottingers Filmen so häufig vor. Was sie zeigen, ist alt und neu, überliefert und aus der westlichen Kultur herausgepickt. Mendelssohns Hochzeitswalzer aus den Lautsprecherboxen, Sahnebaiser-Kleider und schillernde Trachten, ein wahres Fest des Eklektizismus zwischen West und Ost, Plastik und Seide, Kram und Kostbarkeit. Ottinger sammelt und ordnet ihre Bilder mit der ihr eigenen Ruhe und Liebe zu den Protagonisten.
Zu Beginn erzählt sie in ihrem süddeutsch eingefärbten Tonfall das Märchen von zwei alten Ginseng-Wurzeln, die sich in einen Jungen und ein Mädchen verwandelten, um unter Menschen zu leben und sie zu verstehen. Diese Geschichte beschreibt komprimiert, was Ulrike Ottinger seit mehr als drei Jahrzehnten mit ihrem Werk unternimmt - mit ihrem Gespür für das, was "im Alten neu und im Neuen alt ist".

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