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Der Verlorene

Peter Lorre, 1951

 

„Schweigen als dauerhafte und zuverlässige Abmachung“


Allein dieser Satz umreißt das Leitmotiv des Films und beschreibt treffend das Nachkriegsverhalten in Deutschland. Schweigen als Allheilmittel gegen Schuldgefühle, Strafen, mögliche Nachteile und Verunsicherungen: gegen Erkenntnis der Wahrheit. Das Schweigen in Komplizenschaft wurde zur gesellschaftlich akzeptierten Lüge, in der viele sich gemütlich einzurichten begannen.

Die Nürnberger Prozesse waren 1949 übereilt zu Ende gegangen. Den USA ging es eher darum, die Deutschen auf ihren geradezu hysterischen Antikommunismus der beginnenden McCarthy Ära einzuschwören. Man glaubte, dies gelänge besser, wenn die Nazis nicht weiter verfolgt und die Deutschen zu Mitstreitern gemacht würden.

In dieser politischen Grundstimmung kam einer, der die Situation mit einem Film - und all seinen Möglichkeiten, in Bilder- und Wortschichten zu arbeiten - analysierte. Dieser Film sprach, worüber niemand sprechen wollte, und wurde totgeschwiegen. So kam es, daß Peter Lorres Rückkehr nach Deutschland keine wurde und ihr Ende zusammen mit dem Film fand, der nur zehn Tage in deutschen Kinos lief. Die Wahrheit, zumal in künstlerisch so adäquater und dadurch brisanter Form, wollte niemand sehen. Die Dialoge benannten, was niemand hören wollte.

Dieser Film hat viele Sprechweisen: Dialoge zwischen Schatten und Mensch, Schatten und Licht, Mensch und Hintergrund, Erscheinen und Verschwinden, Abhängigkeit und Komplizenschaft, Mord und Selbstmord. Die Menschen betreten die Räume oft nur als furchtsame oder angsteinflößende Schatten.

Die Bilder der Gegenwart verweisen in beklemmender Weise auf die verdrängten der Vergangenheit. Am Anfang geht Lorre als Arzt eines Flüchtlingslagers müde und schleppend auf den Gleisen zu seiner Arbeitsstätte. Auf denselben Gleisen geht er später in den Selbstmord. Den vieltausendfachen Mord hat Lorre so mitinszeniert, nicht nur als Assoziationsebene. So macht er deutsche Geschichte mit all ihren Auswirkungen und Facetten vom Vernichtungslager bis zum Flüchtlingslager sichtbar: Vom Arzt und Wissenschafter Dr. Rothe, der an kriegswichtiger Forschung in privilegierter Situation - aber gleichwohl bespitzelt - als Komplize der Nazis arbeitet, zum Schatten seiner selbst als Nachkriegslagerarzt unter dem falschen Namen Dr. Neumeister. Sein Gegenspieler, Spitzel und Assistent von damals, begegnet ihm "ganz zufällig" und wird wieder sein Assistent. Lorre: "Sie haben mir damals geholfen, ich soll Ihnen heute helfen?" Auch Hösch ist ohne Papiere unter dem falschen Namen Novak, aber ohne Identitätsverlust wieder aufgetaucht. Ein Opportunist, den keine Wendung in Verlegenheit bringt. Mit lauter Stimme - seine Diktion verrät seine Vergangenheit - plant er seine Zukunft. Obwohl Verlierer, will er Sieger sein. Seine muntere Stimme plant das Vorankommen, wichtigstes Thema der Fünfziger Jahre. Die Körperhaltungen und Sprachebenen der beiden Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein: der unvergleichliche Lorre mit seinen traurigen Augen, der leisen, resignierten Stimme, die die schrecklichen Wahrheiten ausspricht: "Allmächtiges Gefühl Angst. Angst tötet jedes andere Gefühl" und zu seinem ehemaligen Assistenten sagt: "Sie sind mir fast sympathisch, seit Sie Angst haben. - Keine Angst, alles bleibt draußen, auch die Furcht..."

Verstörend ist auch die Haltung der Mutter seiner Geliebten, die nie etwas übel nimmt, selbst die Ermordung ihrer Tochter durch Dr. Rothe nicht, die als Selbstmord ausgegeben wird, woran sie unmöglich glauben kann. Sie sagt: "Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen." Auch hier die Komplizenschaft des Opfers mit dem Mörder, den sie sogar bittet, weiter bei ihr wohnen zu bleiben. Eine höchst bedrückende Perspektive, übertragen auf die komplexen Auswirkungen der Naziverbrechen auf die deutsche Gesellschaft.

Nur Außenseiter erkennen den Mörder. Eine Prostituierte schreit: "Totmacher!" und rettet sich so, denn die Nachbarn treibt die Neugier und Schadenfreude aus ihren Türen, nicht die Absicht, Hilfe zu leisten. Ein Betrunkener sagt zu Lorre in der vollbesetzten U-Bahn: "Ich kenne Sie". Mit der Beharrlichkeit und Unbedenklichkeit des nicht mehr kontrollierten Verstandes wiederholt er: "Ich kenne Sie. So ein Gesicht vergißt man nicht. Kennen Sie mich?". Als er keine Antwort erhält, legt er den Finger auf den Mund und sagt: "Psst! Feind hört mit! Kennen Sie mich? Sie kennen mich nicht? Ich kenne Sie!" Andere Fahrgäste werden involviert und wollen den Lästigen zum Schweigen bringen. Eine geniale Groteske über Scheinidentitäten.

Fliegeralarm: "Alle Mann in den Heldenkeller!" Lorre bleibt mit einer liebeshungrigen Soldatenfrau, die gerade noch auf die letzte U-Bahn gesprungen war, allein zurück. Lorre: "Wir sind die Letzten." Er tötet sie. Wie beim Mord an seiner Geliebten wird zuvor eine Zigarette zerdrückt, getötet, ausgelöscht. Novak hat sich vollgefressen, gesoffen und schläft. "Aufwachen, aufwachen!", ruft Lorre, der Novak seine Mördergeschichte erzählt hat, und dann wieder zu sich: "Keiner hört zu!". Dann tötet Lorre ein letztes Mal, diesmal mit Absicht. Er wiederholt den Leitspruch des selbstzufriedenen Novak "Nur immer rechtzeitig zur Seite springen" und tötet ihn mit seinen eigenen Worten und seinem eigenen Revolver.

Mit diesem Film ist deutsche Nachkriegsgeschichte so präzise gezeigt worden, wie es nur einem möglich ist, der selbst Opfer war und einen Täter spielt, der weiß, daß er Schuld hat. Lorre hat damit auch seine eigene Geschichte als Schauspieler und seine harten Erfahrungen als Emigrant thematisiert und sie mit dem Film auf spannende Weise verwoben. Der Film diagnostiziert, was fortan Lorres Schicksal bleiben sollte: Er fand keinen Ort mehr.
© Ulrike Ottinger, in: European Coordination of Film Festivals (Hg.), 15 by 15. The European Film Heritage, Bruxelles 2000 (englische und französische Übersetzungen in der gleichen Ausgabe).