Vorwort von Rainer Rother

Der jüngste Film Ulrike Ottingers, PRATER, ist eine Exkursion in die Kulturgeschichte und eine Wanderung durch die Gegenwart der alten, wenn auch nicht ehrwürdig zu nennenden Wiener Institution. PRATER ist aufgeladen mit historischen Reminiszenzen, die sich mit eigenem Recht behaupten inmitten eines Films der genauen Beobachtung, welche der heutigen Nutzung eines sich immerzu erneuernden Ortes schillernden Vergnügens gilt. Der Film lädt seine Zuschauer zu einer Reise ein, und die Offerte wird ganz augenfällig inszeniert: Schon die ersten Bilder bitten den Betrachter hinein in diese Welt. Ein riesenhaftes mechanisches Monstrum, mit einem in geradezu liebenswert naiver Ausformung schrecklichen Antlitz - wie ein Genrebild von der beängstigenden Gestalt schaut es aus -, bittet wortlos aber doch eindeutig: "Hereinspaziert!" So eröffnet Ulrike Ottinger ihren Film, der diese dem Schaustellergewerbe eigene Aufforderung für sich übernimmt. Und die entsprechenden Einstellungen sind von auffallender Schönheit. Denn statt schon hier den Riesen in seiner ganzen gruseligen Pracht zu zeigen, macht sich die Regisseurin seine Funktion als Animator eines durchaus wählerischen Publikums in spezifisch filmischer Weise zunutze. Die Kadrage der Filmbilder zeigt den Kopf des Riesen, sein unheilvolles Grinsen am oberen und seitlichen Rand des Bildfeldes, in das sich dann seine Hand von unten hineinbewegt: Die Geste des "Hinein!" ist hier in der Bildkomposition aufbewahrt.

PRATER hat einen Auftakt, der zweierlei vereint: einerseits eine Geste filmisch aufzugreifen, die unverbrüchlich zum Wesen des Vergnügungsparks gehört, dieses "Hereinspaziert!" also zu zitieren. Zweitens aber geschieht dies in fotografisch höchst reflektierter Weise; der Film zeigt nicht einfach nur, er formt das Zitat mit seinen Mitteln: Anverwandlung der Offerte in die Zeitstruktur des Films.

Ulrike Ottinger ist, dies kleine Beispiel mag das belegen, eine Regisseurin, die ihre Werke vom Bild her konzipiert. Schon ihre Arbeits- und Drehbücher erfreuen sich an der Erkundung von Bildwelten, dem Sammeln von Belegen aus kulturgeschichtlichen Zusammenhängen, der Analyse von ästhetischen oder historischen Korrespondenzen. Man sieht es diesen Büchern förmlich an, dass die aus ihnen hervorgehenden Filme eines nicht sind, nie sein können: Bebilderungen einer Handlung.

Dass wir unsere Ausstellungsreihe "film.kunst" mit ihren Fotografien beginnen, ist daher eine glückliche Wahl. Wie diese Ausstellung, in deren Zentrum das fotografische Werk Ulrike Ottingers steht - ergänzt um Exponate wie die phantasievollen Kostüme, die unerschöpflichen Arbeits- und Drehbücher sowie Beispiele aus der Privatsammlung der Regisseurin, von ihr in Zusammenhang mit den Filmen ausgewählt und zusammengetragen - werden auch künftige Folgen von "film.kunst" Filmemacherinnen und Filmemachern gewidmet sein, die neben und begleitend zu ihrem filmischen Werk in weiteren Kunstformen tätig sind.

Der Kunst-Status des Films war lange umstritten. Fraglich war, ob Film überhaupt als seriös gelten konnte. Eine Akzeptanz als siebte Kunst, das schien eine Forderung zu sein, die sich nicht würde einlösen lassen - wegen der unverkennbar spekulativen Züge zunächst, der Nähe zum Jahrmarkt gewissermaßen, dann wegen der seriellen Produktion, die mit der Etablierung der Filmindustrie einherging, wegen der bloßen Variation erfolgreicher Muster, wegen der Konventionalität als dem Garanten für einen Publikumserfolg. Doch schon länger, und dies ganz unübersehbar, eröffnet Film mit den ihm eigenen Mitteln auch vielen bildenden Künstlern eine Ausdrucksmöglichkeit, in die sie ihre Erfahrungen einfließen lassen können. Nach den verschiedenen Avantgardebewegungen seit den zwanziger Jahren, nach der Phase der Videokunst arbeiten bildende Künstler auch heute weiterhin mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Films und treten zugleich mit audiovisuellen Installationen hervor, zeigen sich mit eigenen Werken in der klassischen bildenden Kunst, in der Literatur, in der Fotografie, inszenieren Theaterstücke und Opern. In Museen der bildenden Kunst sind Videoboxen und Filmprojektionen inzwischen fester Bestandteil der Ausstellungsarchitektur. Und die Filmemacher ihrerseits präsentieren ihr Werk längst nicht mehr ausschließlich im Kinosaal, sondern in eigenständigen künstlerischen Installationen. Diesen Grenzüberschreitungen, und damit dem befruchtenden Neben- und Ineinander der Künste, wird sich unsere Ausstellungsreihe "film.kunst" zukünftig widmen. Ulrike Ottinger, die in unseren Räumen eine solche, die Disziplinen überschreitende und sehr eigenwillig-verführerische Präsentation konzipiert hat, gilt unser besonderer Dank.

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