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Buntscheckige Diamantenjagd

Auf Juwelensuche quer durch die Ukraine: Die deutsche Regisseurin Ulrike Ottinger verfilmt den russischen Klassiker "Zwölf Stühle" als vergnügliches Welttheater.


Historische Kontraste


[…] Die deutsche Film- und Theaterregisseurin Ulrike Ottinger hat der Roman jetzt zu einem Stück Welttheater inspiriert, das in einer reizvollen Mischung aus Burleske und Groteske die literarische Vorlage und die aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Dialog zueinander bringt.
Wir begleiten die bunten Vögel auf ihrer Tour quer durch die heutige Ukraine bis nach Odessa, ans Schwarze Meer und auf die Krim; die in historischen Kostümen gewandeten Schauspieler kontrastieren dabei mit der Kulisse aus verfallenen Industrieanlagen und Prachtbauten der vorletzten Jahrhundertwende. Das Herstellen von Gegensätzen ist eines der Hauptmerkmale der über dreistündigen Inszenierung, die von der Theatererfahrung der Filmregisseurin zehrt: Berufsschauspieler (wie der ukrainische Volksschau-spieler Georgi Delijew als Ostap Bender) und Laiendarsteller; fiktionales Inszenieren und dokumentarisches Festhalten; historische Kostümierung und Originalschauplätze - in der Gegenüberstellung unterschiedlicher Realitäten wird auch erkennbar, was die Regisseurin am Stoff besonders interessiert hat. Es sind die Parallelitäten, die sich zwischen dem Übergang vom Zarenreich zum Sozialismus und dem aktuellen Transformationsprozess in Osteuropa ergeben und durch die Verfremdung sichtbar gemacht werden. […]


Die Liebe zu den weißen Flecken


[…] In herrlich komponierten Tableaus fängt die auch als Fotografin tätige Ottinger die Weiten der ukrainischen Landschaft und Alltagsszenen ein — im Altersheim, auf der Mülldeponie, an der Versteigerung, im Theaterschiff. Die Idee kam der Regisseurin, die für ihre überlangen Dokumentar- (Taiga) und unkonventionellen Spielfilme (Johanna d'Arc of Mongolia) bekannt ist und die in den Siebzigerjahren mit Szenengrößen wie Rosa von Praunheim oder Nina Hagen zusammenarbeitete, während der Postproduktion zu ihrem Film Südostpassage (2002). Während sie die sechsstündige Dokumentation über die verfallenen Imperien Südosteuropas schnitt, bekam sie den Roman von Ilf und Petrow in die Hände. Und sofort wusste Ottinger, dass sie den filmischen, fotografischen und literarischen Miniaturen aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und Istanbul ihre erste Literaturverfilmung nachschicken würde. Beide, der Dokumentarfilm wie die ZWÖLF STÜHLE, lesen sich jetzt wie eine Liebeserklärung an die - wie es im Untertitel zur Südostpassage heißt - "neuen weissen Flecken auf der Landkarte Europas".

Nicole Hess, Tages-Anzeiger vom 14. Juli 2004

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