Odessaer Odyssee

Die eher spärliche Auswahl russischer Filme auf der Berlinale wurde in diesem Jahr durch ZWÖLF STÜHLE von Ulrike Ottinger bereichert. Ihre zweisprachige Verfilmung des 1928 erschienenen gleichnamigen Romans von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow entstand in Zusammenarbeit mit den Odessaer Kinostudios.
[...] Die Reise führt ihre Protagonisten aber nicht nur in räumliche, sondern auch in zeitliche Fernen. Die am Anfang des Films folkloristisch kostümierte Idylle der zwanziger Jahre beginnt zu bröckeln, als zwei alte Mütterchen im Hintergrund Chanel-Plastiktüten feilbieten. Wenig später bewegen sich die Helden schon mitten durch den postsowjetischen Alltag mit all seinen absurden Begleiterscheinungen. Die Handlung des Buches von Ilf und Petrow, die in der Periode der "Neuen Ökonomischen Politik" mit ihrer Wiedereinführung privaten Unternehmertums angesiedelt ist, lässt sich erstaunlich mühelos in die Gegenwart transponieren. Auf ihrer Jagd nach materiellem Glück versuchen sich Bender und Worobjaninow als Heiratsschwindler, Schachgroßmeister, Bettler und in der Reparatur rotblau karierter Plastiktaschen, wobei der "Neue Russe" Bender im zeitlosen Narrenkostüm seinen Gefährten nach Strich und Faden ausnutzt.
Der ironische Ton des deutschen Off-Erzählertextes wird durch die Bilder oft noch unterstrichen. Dabei erlaubt die offene, episodische Struktur der Buchvorlage der Regisseurin, ein Kaleidoskop von Situationen und Figuren zu entfalten. Viele Szenen oszillieren zwischen fast ethnographischer Aufzeichnung mit Laienschauspielern an Originalschauplätzen und bewusst theatralischer Inszenierung. Vorgefundenes wird in symmetrischen, mit unbewegter Kamera festgehaltenen Einstellungen zum Bild, das unabhängig vom narrativen Kontext besteht.
Nicht nur die Protagonisten, auch der Zuschauer begibt sich in Ottingers Film ganz unmerklich auf eine Reise - durch die sowjetische Kinogeschichte. Ein Pfarrer mit Hakennase und Spitzbart erinnert an Eisensteins Iwan Grosnyj, zwei Matrosen marschieren die aus "Panzerkreuzer Potemkin" bekannte Hafentreppe hinunter und Ostap Bender tritt zwischen Fliegerdenkmal und Traktorenfahrt, den filmischen Ikonen der dreißiger Jahre, auf. Mit seinen fließenden Übergängen von Zeit und Raum, Fiktion und Dokumentarischem zeichnet ZWÖLF STÜHLE ein zumindest in künstlerischer Hinsicht originelleres Russlandbild als die hauptstädtische Clipästhetik vieler in letzter Zeit in Russland entstandener Filme.


Bettina Lange, MitOstmagazin, Berlin, Nr. 13 / Mai 2004

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