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Die Schichtungen der Geschichte

Ein Gespräch mit Ulrike Ottinger zu ihrem Film "Zwölf Stühle"

 

ZWÖLF STÜHLE von Ulrike Ottinger erzählt, einer Novelle von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow folgend, wie sich ein ehemaliger Adelsmarschall und ein Ganove in der noch jungen UdSSR auf die Suche nach einem in einem Stuhl versteckten Schatz machen. Weit mehr als durch die bizarre Story bezirzt Ottingers Roadmovie durch den Hauch des Dokumentarischen: Ottinger hat die 1927 spielende Story ohne gross Kulissen zu bauen in der Ukraine von heute gedreht und erzählt en passant einiges über derzeit herrschende Zustände.

Unterhalten wir uns doch ein wenig über ZWÖLF STÜHLE...
Ja, machen wir das, ich bin ja noch mitten in der Arbeit: Ich mache für 3Sat/ZDF eine Fassung von ZWÖLF STÜHLE in sieben Kapiteln. Das hätte ich mich bei jedem meiner anderen Filme geweigert zu tun, doch bei ZWÖLF STÜHLE geht das problemlos: Der Film folgt einer Stationen-Dramaturgie, wie man sie in östlichen Erzählungen oft trifft. Zudem habe ich die Gelegenheit, ein, zwei kleine Dinge beizufügen, die in der Kinofassung nicht da sind.

Sie haben von Stationen-Dramaturgie gesprochen. Was in ZWÖLF STÜHLE damit einhergeht und man in all Ihren anderen Filmen auch trifft, ist das Moment des Reisens, die Bewegung durch Raum und Zeit. Woher kommt diese Vorliebe?
Es ist wie bei einem Dynamo: Die Bewegung bewegt. Sie bringt immer neue Ein- und Aus-blicke, neue Inspirationen, neue Erkenntnisse; der Stillstand erzeugt das Gegenteil. Die Be-wegung entspricht dem Film als Medium. Ich arbeite sehr bewusst mit diesem Medium und möchte bisweilen ein bisschen darüber nachdenken.

Wenn man ZWÖLF STÜHLE sieht, hat man den Eindruck, nicht nur einen 1927 spielenden Spielfilm zu sehen, sondern auch einen Dokumentarfilm über die Ukraine von heute.
Das wollte ich. Ich beschäftige mich schon lange mit Ost-, Südost- und Mitteleuropa. Als die Grenzen durchlässiger wurden, hat es mich sehr interessiert, dorthin zu reisen. Ich will wissen, was mit diesem Europa los ist, von dem man die ganze Zeit redet, und wie es definiert wird. Unmittelbar vor ZWÖLF STÜHLE habe ich einen dokumentarischen Film gemacht, die Südostpassage: Ich bin mit dem Auto den alten Tangenten gefolgt, die einst Berlin mit Breslau, Budapest, Varna, Odessa oder Istanbul verbanden. Während ich dieSüdostpassage schnitt, habe ich die ZWÖLF STÜHLE gelesen. Es ist ein Roman aus dem Jahr 1927, den man in Osteuropa auch heute noch sehr gut kennt — ich habe beim Schneiden immer gedacht: Das habe ich alles gesehen, und es stimmt auch noch alles.

Was heißt: Es stimmt noch alles?
Zumindest in der Struktur: Der Roman spielt zwar in einer anderen Zeit. Aber er berichtet von Umbrüchen — dem Übergang der zaristischen Zeit in die Aufbauphase des Sozialismus — und turbulente Umbrüche haben wir heute auch. Das wollte ich zusammenbringen: die Vergangenheit und das Heute, die Dinge, die sich verändert haben, und die Dinge, die sich nicht verändert haben. Das sind die Schichtungen der Geschichte.

ZWÖLF STÜHLE verbindet eine epische Erzählweise mit der Präzision der dokumentarischen Beobachtung. Wie machen Sie das?
Wenn ich ein Bild mache, will ich damit etwas ganz Bestimmtes ausdrücken. Das heisst, ein Bild muss ganz sorgfältig gebaut werden. Ich suche Orte, die besonders aussagekräftig sind, und versuche Bilder zu machen, die sich wie Dialoge lesen.
Mich interessiert es zu zeigen, wie die Leute leben und lebten. Ich bin also durch Odessa, die Vorstädte und Dörfer gelaufen und habe Leute, die mir besonders interessant erschienen oder die ungewöhnliche Häuser hatten, angesprochen. So findet man Menschen und Orte, die man gar nicht erfinden könnte.

Die Schauspieler von ZWÖLF STÜHLE kennt man alle nicht. Woher kommen sie?
In Russland und in der Ukraine sind die Hauptdarsteller Stars. Wir wurden auf unserer Reise oft aufgehalten, weil sie so viele Autogramme geben mussten.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig wir eigentlich über diese Länder wissen. ZWÖLF STÜHLE ist ein Odessiter Roman, und die Menschen in Odessa haben etwas sehr Lebendiges und Humorvolles [...] Irgendwie habe ich mich in die Stadt Odessa ein wenig verliebt. Und so habe ich mit bekannten Schauspielern aus Odessa, aber auch mit Laien aus der ganzen Ukraine gearbeitet.
Irene Genhart, Zürichsee-Zeitungen, Zürich, 15. Juli 2004

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