Paris Calligrammes

Eine Erinnerungslandschaft von Ulrike Ottinger

Haus der Kulturen der Welt (HKW) Berlin | 23. August – 13. Oktober 2019

Die Filmemacherin, Fotografin und Weltensammlerin Ulrike Ottinger verknüpft in Paris Calligrammes historisches Archivmaterial mit eigenen künstlerischen und filmischen Arbeiten zu einem Soziogramm ihrer Zeit als bildende Künstlerin in Paris.

Durch politische Umbrüche erfasst, war das Paris der 1960er Jahre auch Anziehungspunkt für Kunstschaffende aus aller Welt und pulsierender Energiestrom zwischen Traumabewältigung und Utopie Europas. Von der Aufbruchsphase nach dem Zweiten Weltkrieg über den Algerienkrieg bis hin zu den Protesten der Studierenden von 68 verwebt Ottinger ihre Beobachtungen zu einem Figurengedicht. Erinnerungen an die Pariser Bohème und dekoloniale Bewegungen treffen auf Bilder einer multiethnischen Gesellschaft.

Von der Librairie Calligrammes, einem Treffpunkt deutscher Intellektueller im Exil, bis zur Cinémathèque française, die ihre Liebe zum Kino entzündete, entsteht die Kartografie einer Stadt und ihrer Utopien. In Ulrike Ottingers collagierter Erinnerungslandschaft, der Werkstatt zu ihrem Film Paris Calligrammes (2019), leben diese fort.

Eine begleitende Publikation mit Beiträgen von Aleida Assmann und Laurence A. Rickels sowie umfangreichen Einblicken in Ulrike Ottingers Privatarchiv erscheint im Hatje Cantz Verlag. – Text: Haus der Kulturen der Welt (HKW)

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Ausstellungsansichten
Making-Of
Teaser
Künstlerisches Statement

Paris Calligrammes bezeichnet die Stadt, in der ich als junge Malerin in den 1960er Jahren lebte, und steht zugleich für eine Bilderschrift, die Texte in visuelle Figuren übersetzt. Guillaume Apollinaire, damals wie heute eines meiner künstlerischen Vorbilder, war mit seinem Gedichtband Calligrammes. Poèmes de la paix et de la guerre (Gedichte vom Frieden und vom Krieg) Namensgeber eines kleinen Buchladens in Saint-Germain-des-Prés, von dem aus ich Paris erkundete. Beim Flanieren durch die Stadt überlagerten sich die reale Topografie der Straßen, Quais und Plätze mit ihren Spuren der französischen Dekolonialisierung, des Algerienkriegs und der Studentenrevolte von 1968 mit meiner imaginierten Stadt der bildenden Künste, der Musik und Literatur.

Paris Calligrammes ist der Titel eines Filmes, in dem ich meinen Wegen von der Librairie Calligrammes, dem Treffpunkt der zurückgekehrten deutschen Emigranten und französischen Künstler und Intellektuellen, zu den berühmten Museen und versteckten Künstlerateliers, von den Cafés der Existenzialisten zur Cinématèque française folge, in der ich meine Begeisterung für das Kino entdeckte. Die Zeit bis 1969, als ich die Stadt wieder verließ, wurde für mich persönlich zu einer der prägendsten Phasen und war zugleich auch zeitgeschichtlich eine Epoche der geistigen, politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Ich war mit dem festen Plan, eine große Malerin zu werden, nach Paris gekommen. In meiner Euphorie wollte ich alles Erlebte sofort künstlerisch umsetzen. Die Frage war: wie? Genau diese Frage stelle ich mir jetzt, gut fünfzig Jahre später: Wie erzähle ich die Geschichte einer sehr jungen Künstlerin, an die ich mich erinnere, mit der Erfahrung einer älteren Künstlerin, die ich jetzt bin.

Paris Calligrammes ist meine ins Räumliche übersetzte persönliche Erinnerungslandschaft dieser Zeit. Fotos, Filme, Zeitungsausschnitte, Töne und Musiken sind zu einer dichten Assemblage von Gedächtnissplittern montiert. Ihre Einbettung in eine aus weichen Textilien geformte Stadtstruktur erzählt von den Veränderungen, die Vergangenes auf dem Weg des Erinnerns erfährt. Straßen mit in Stoffcollagen übersetzten Pop-Gemälden, in denen ich mich mit Krieg und Konsumkultur auseinandersetzte, weisen den Weg zu Räumen, die wichtige Fixpunkte für mich waren: Mit Fritz Picard, dem Buchhändler der Librairie Calligrammes, und Walter Mehring, dem scharfzüngigen Exilanten, treten Sie in meine Pariser Welt der Bücher ein. Im Parc Colonial treffen Sie auf die Spuren französischer Kolonialgeschichte oder Sie folgen Pierre Bourdieu und Ré Soupault auf ihre prekären Reisen nach Algerien und Tunis. Wo immer Sie Ihre kleine Flanerie beginnen oder beenden, eines dürfen Sie nicht verpassen: In den Straßen um die heutige Gare du Nord können Sie im besten Friseursalon des Viertels der Kunst des Haare-Flechtens zuschauen; ihre Ergebnisse sind ebenfalls moderne Figurengedichte, in denen sich Geschichte und Gegenwart, Kunst und politisches Statement kondensieren.

Treten Sie also ein in mein Paris der 1960er Jahre, das mir damals zu einem ersten Haus der Kulturen der Welt wurde.

Ulrike Ottinger

Team
Künstlerische Leitung Ulrike Ottinger
Projektleitung Alexandra Engel
Projektkoordination Franziska Janetzky
Projektassistenz Rejane Salzmann, Emma Fleury-Cancouët
Büro Ulrike Ottinger Melanie Martin, Reinhild Feldhaus
   
AUSSTELLUNG  
Gesamtkoordination Gernot Ernst
Stoffwerkstatt Elisabeth Sinn (Leitung), Laura Drescher, Darya Graf, Corinna Kupka, Simon Lupfer, Jankin Haji Mohamad, Minh Hang Nuyen, Anne Charlotte Riedzewski, Lisa Spengler, Heike Scheller, Patrycja Stern, Christian Vontobel
Ausstellungsbau Oliver Büchi, Aiks Dekker, Christian Dertinger, Simon Franzkowiak, Achim Haigis, Matthias Hartenberger, Matthias Henkel, Gabriel Kujawa, Matthias Kujawa, Simon Lupfer, Sladjan Nedeljkovic, Andrew Schmidt, Stefan Seitz, Norio Takasugi
Film- Montage Anette Fleming
   
PUBLIKATION  
Koordination Olga von Schubert
Lektorat Martin Hager
Grafik Tobias Honert & Jan Wirth, Zentrale Berlin
   
KOMMUNIKATION UND KULTURELLE BILDUNG  
Leitung Daniel Neugebauer
Team Svetlana Bierl, Kristin Drechsler, Pakorn Duriyaprasit, Kirsten Einfeldt, Anna Etteldorf, Tarik Kemper, Karen Khurana, Jan Köhler, Marine Lucina, Anne Maier, Kerstin Meenen, Dorett Mumme, Laura Mühlbauer, Céline Pilch, Ralf Rebmann, Josephine Schlegel, Christiane Sonntag, Eva Stein, Franziska Wegener, Sabine Westemeier, Sabine Willig
   
Ulrike Ottinger dankt:
Annette Antignac, Martin Dreyfuß, Christine Frisinghelli, Manfred Metzner, Jutta Niemann, Katharina Sykora, zero one film GmbH, Conny Ziller sowie Bernd Scherer und seinem Team
Pressestimmen

Topographien der Gedanken, Peter Geimer, Frankfurter Allgemeine Zeitung – Aktualisiert am 07.09.2019
„Den Typus des Flaneurs schuf Paris“, schreibt Walter Benjamin, und den Flanierenden „leitet die Straße in eine entschwundene Zeit.“ Tatsächlich gibt es wenige Städte, in denen Namen und Spuren der Vergangenheit sich auf engstem Raum so sehr verdichten. [...] Im Haus Nr. 15 befand sich über vierzig Jahre lang die deutsche Buchhand- lung „Calligrammes“, die ihr Gründer Fritz Picard zum Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller gemacht hatte. [...] Unter den regelmäßigen Besuchern war in den sechziger Jahren auch Ulrike Ottinger, die ihre Heimat am Boden- see verlassen hatte, um in Paris Kunst zu studieren. [...] Die sechziger Jahre waren eine bewegte Zeit in Paris. Die Stadt war zur Heimat zahlreicher jüdischer und politischer Immigranten geworden, die ein einzigartiges intellek- tuelles Klima schufen. 1962 war der Algerien-Krieg zu Ende gegangen, wirkte aber bis in den Pariser Alltag hinein nach.[...]
Es ist eine Besonderheit der Schau, dass man beim Durchstreifen der Räume nicht darüber nachdenken muss, ob es eine historische Dokumentation oder eine Kunstausstellung ist – die Unterscheidung wird bedeutungslos, weil beides sich auf selbstverständliche Weise zusammenfügt. [...] Die Buchhandlung „Calligrammes“ existiert schon lange nicht mehr. Doch ist die Ausstellung kein Ort der Nostalgie. Sie hält das Vergangene in Bewegung – so wie auch Paris die Dinge im Gedächtnis behält und auch nach ihrem Verschwinden noch als Bild oder Name aufbe- wahrt.

Ulrike Ottinger – die Weltensammlerin in Paris, Wolfgang Bager, Südkurier, 02. September 2019
„[Der] nach dem Krieg von dem Literaten Fritz Picard gegründete[n] Buchhandlung ist der erste Raum der Aus- stellung gewidmet. Ein Ort, von dem Ulrike Ottinger sagt, hier habe bei ihr „die explosionsartige Erweiterung des Verständnisses der Welt“ stattgefunden.
Die Ausstellung zeigt, welche ungeheuren Eindrücke auf die junge Frau vom Bodensee eingestürmt sind – zu einer Zeit im Spannungsfeld von Kolonialismus und Rassismus, in der die Traumata des Indochina- und Algerienkriegs analysiert werden, wo zurückkehrende deutsche Emigranten einen Neuanfang suchen und der Vietnamkrieg erste Vorboten einer sich anbahnenden studentischen Revolte schickt. [...]
Es gelingt der Berliner Schau mit einem Mix aus historischer Dokumentation mit Fotos und Filmen aus Algerien ei- nerseits und deren künstlerischer Verarbeitung durch Ottinger andererseits den Kern ihres Schaffens sichtbar und verständlich zu machen. Gerade das Ineinanderfließen von Dokument und Kunst, von Realität und surrealistischer Verfremdung in fast allen ihren Arbeiten wird hier erkennbar.“

Verfilzte Stadt. Ulrike Ottinger inszeniert ihr Paris der Sechziger, von Stefan Ripplinger, neues deutschland, 31.08.2019
„Paris ist 1969 mit seinem Hallen-Viertel abgerissen und danach in Plastik wiederaufgebaut worden. Wer heute hinfährt, könnte es glauben. Das Stadtleben wird seit einiger Zeit von der Firma Airbnb simuliert. Umso reizvoller ist es, noch einmal in die Zeit vor 1969 einzutauchen. Das erlaubt eine Ausstellung der vielseitigen Ulrike Ottinger im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Sie meidet die Sentimentalität anderer zeitweiliger Bewohnerinnen von Paris, wie Margarethe von Trotta oder Alice Schwarzer, und lässt ihre Subjektivität immer gerade so weit wuchern, bis sie Sprossen treibt. [...]“

Wie Eschers Bilder laufen lernen und Ulrike Ottinger sich an Paris erinnert, Ute Thon, art Ausgabe Nr. 10/2019 01.10.2019
[...] im HAUS DER KULTUREN DER WELT in Berlin kann man sich derzeit in einem Künstleruniversum verlieren. Dort hält Ulrike Ottinger, die Grande Dame des deutschen Avantgarde-Kinos, Rückschau auf das Paris der sechziger Jah- re, wo sie als junge Malerin wichtige Impulse bekam. Fixpunkt ihrer »L’education intellectuelle« war der Buchladen Librairie Calligrammes, in dem sich Situationisten, Dadaisten und Marxisten trafen. In Paris erlebte sie aber auch die politischen Verwerfungen, Algerienkrieg, Rassismus, Studentenrevolte. Als sie 1968 in die süddeutsche Provinz zurückkehrte, ließ sie das Malen sein, gründete einen Filmklub und wurde später Filmemacherin. Die Ausstellung verwebt mit historischen Fotos, Tagebuchnotizen, poppigen Stoffbildern und Videos ihre Pariser Jahre zu einem persönlichen Mosaik. Es ist das begehbare Storyboard zu ihrem neuesten Film, Paris Calligrammes, der erst nächs- tes Jahr Premiere haben wird.

ART IN BERLIN, Daniela Kloock
[...] Ob in Venedig, Wien oder London, Buenos Aires, New York oder Tel Aviv, an Ulrike Ottinger kommt niemand vorbei. Eine unermüdliche „Traumfabrikantin“ ist sie, eine wagemutige Reisende, deren künstlerische Zauber- schachtel sich nie zu leeren scheint.
Einmal mehr beweist dies die derzeitige Ausstellung „Paris Calligrammes“ im Haus der Kulturen der Welt (HKW). Diesmal jedoch führt Ulrike Ottinger uns nicht in ferne, fremde Welten, sondern in ihre eigene Vergangenheit: das Paris der 1960er Jahre. Aus der komfortablen Bodenseeidylle war sie 1961 in die französische Metropole gezogen. Hier sammelte sie Eindrücke und Impulse, hier kam sie mit all dem in Kontakt, was in den folgenden Jahren ihre künstlerische Produktivität beeinflusste. Die Ausstellung gibt somit nicht nur einen Einblick in die Arbeitsweise der Künstlerin, sondern funktioniert auch wie eine Art Soziogramm der damaligen Zeit. Gleichzeitig wirkt sie überra- schend gegenwärtig – was vor allem mit den politischen Themen zusammenhängt. Die in klarem filzartigen Blau ausgeschlagenen Räume fokussieren drei Schwerpunkte: die prägenden Begegnungen, das ethnologische Studi- um und die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Vermächtnis Frankreichs. [...]

Flanieren und studieren, Katrin Bettina Müller, taz, 07.0 9.2019
[...] Einerseits ist die Schau kleinteilig, Bücher liegen aus, es gibt Postkartensammlungen, exotische Motive aus Saigon, Comics zum Vietnamkrieg aus einer französischen Tageszeitung, Drehbuchseiten mit Textauszügen. Man bleibt hängen an Details, bekommt das Ganze nicht zu fassen. Aber findet dann doch vieles wieder in Ottingers alten und neuen Bildern. Die Ausstellung ist auch lesbar als ein Glossar dazu, als eine Anhäufung dessen, was sie als junge Frau beschäftigt hat und bis heute für sie als Künstlerin und Filmemacherin wichtig geblieben ist.

Weltensammlerin an der Seine, der tagesspiegel, Friederike Horstmann, 23.08.2019
„In der Tradition der Flânerie sucht die Ausstellung „Paris Calligrammes. Eine Erinnerungslandschaft von Ulrike Ottinger“ Orte auf, die für die Künstlerin persönlich bedeutsam waren. [...] „Paris Calligrammes“ fügt sich zu nichts Ganzem. Schon der Filmtitel deutete auf Zerstreuung hin, sie spiegelt sich auch in der Ausstellung. Mit ihrer wun- derbaren Materialsammlung ist sie gleichwohl etwas Eigenständiges und viel mehr als eine installative Verräumli- chung der Filmrecherchen.“

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