"Mongolia - Mexico - Europa"

Hans-Thoma-Kunstmuseum Bernau / 15. August – 15. November 2021

Das Land Baden-Württemberg würdigt das Lebenswerk von Ulrike Ottinger mit dem Hans-Thoma-Preis 2021.

Der Preis ist die bedeutendste Auszeichnung, die das Land im Bereich der Bildenden Kunst vergibt. Er ist traditionell verbunden mit einer Einzelausstellung im Hans-Thoma-Museum in Bernau im Schwarzwald. „Ulrike Ottinger ist eine der aktuell einflussreichsten Künstlerinnen aus Baden-Württemberg“, sagte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski. „Der Reichtum ihres künstlerischen Wirkens ist geradezu unerschöpflich. [...] Gegen alle Konventionen [gelang es ihr] einen sehr eigenständigen und bildstarken Stil zu entwickeln, der bis heute aktuell und für viele Künstlerinnen und Künstler inspirierend ist“.

Die Preisverleihung findet am Sonntag, den 15. August 2021 um 10:30 Uhr in Bernau statt.

Ab 15:30 Uhr kann dann die neu eröffnete Hans-Thoma-Preisträgerausstellung von Ulrike Ottinger: "Mongolia - Mexico - Europa" besichtigt werden.

Die Ausstellung ist vom 15.08.2021 bis 15.11.2021 im Hans-Thoma-Kunstmuseum, Rathausstraße 18, 79872 Bernau im Schwarzwald zu sehen.

Öffnungszeiten:

Mi - Fr: 10:30 - 12:00 Uhr und 14:00 - 17:00 Uhr

Sa, So, Feiertag: 11:30 - 17:00 Uhr

Mo und Di geschlossen

 

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreiches Künstlerbuch im Verlag Distanz, Berlin.

Die Buchhandelsausgabe ist über den DISTANZ Verlag erhältlich.

Eine Museumsausgabe ist auch über Ulrike Ottinger erhältlich.
 

→ Link zur Ausstellung

 

 

Mongolia – Mexico – Europa / Einführungstext von Ulrike Ottinger

Mongolia – Mexico – Europa


Kann man Kulturen wie die mongolische, die über Epochen hinweg genau so unterschiedliche Einflüsse in sich aufnahm wie die mexikanische, miteinander vergleichen? Und kann man sie in ein- und demselben Denk/Raum mit Europa zusammenbringen?
Ich finde ja, denn nur im nahen Vergleich sind die Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zu erkennen. Obwohl alle drei durch Meere oder Kontinente getrennt sind, gibt es Verbindendes, denn räumliche Distanz ist nicht unbedingt ein Hinderungsgrund für Nähe. Verbindendes ist nicht immer offensichtlich, taucht in den unerwartesten Zusammenhängen oder an anderer Stelle wieder auf.
Die Mythen kommen in unzähligen Varianten an unterschiedlichsten Orten zum Vorschein, nehmen lokale Ereignisse auf oder verschweigen sie, werden in umgekehrter Reihenfolge erzählt und sind überhaupt allen Arten von Veränderungen unterworfen. Denn nur in der permanenten Transformation überleben sie. Meine Gegenüberstellung von Portraits aus Mexico und der Mongolei zeigt die Menschen in ihrem Umfeld, eröffnet ungewöhnliche Einblicke in ihre Kulturen, ihre Vorstellungen, ihr Denken. Sie zeigen dies durch die Gestaltung ihres Alltags oder die rituellen Handlungen bei ihren Festen und den dabei verwendeten Werkzeugen und Ritualgegenständen; wobei Objekte des alltäglichen Gebrauchs gleichzeitig rituelle Bedeutung haben können.
Einige dieser Handlungen, Gegenstände und Symbole finden sich in meinem Europa-Objekt wieder: die Zeltform, der mächtige Stier oder der magische Kern auch in der abendländischen Kultur. Ich habe der Ausstellung und dem Buch das Motto Aby Warburgs vorangestellt, mit dem er seinen Reisebericht zu den Pueblo Indianern Neu-Mexikos und Arizonas „Das Schlangenritual“ eröffnet:


„Es ist ein altes Buch zu blättern,
Athen-Oraibi alles Vettern“.1

 

Fußnote:
1 Warburg, A. (1992) Das Schlangenritual.
Ein Reisebericht, 9. Weiterer Nachweis des Zitats:
Warburg, Aby (1920): Heidnisch-antike Weissagung
in Wort und Bild zu Luthers Zeiten. In: Ders. (1979)
Ausgewählte Schriften und Würdigungen (ASW).
Wuttke (Hg.), S. 201.

Ausstellungsansichten
Pressemitteilung

Auszug aus der Pressemitteilung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden vom 13.08.2021:

"Die Jury unter dem Vorsitz von Kunststaatssekretärin Petra Olschowski überzeugte die konzentrierte, langjährige Praxis der Künstlerin, die kontinuierlich und auf höchstem künstlerischen Niveau tiefgründige und einprägsame Werke schafft.
„Ulrike Ottinger ist eine der aktuell einflussreichsten Künstlerinnen aus Baden-Württemberg, ihr künstlerisches Schaffen ist außergewöhnlich reich und faszinierend vielfältig. Ulrike Ottinger hat in verschiedenen Kunstgenres Werke von internationaler Gültigkeit geschaffen: in der Filmkunst, der Fotografie, in Malerei und Skulptur und im Bereich der Inszenierung. Mit ihrem unkonventionellen, unverwechselbaren Schaffen hat sie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler inspiriert. Ihr Stil ist eigenständig und bildstark. In ihrer Kunst verlässt sie gewohnte Erzählstrukturen und Konventionen und ersetzt sie durch komplexe Reflexionen über Geschlecht, Identität und Macht.“ (Petra Olschowski, August, 2021)


Mongolia – Mexico – Europa
In der anlässlich der Preisverleihung konzipierten Ausstellung im Hans-Thoma-Kunstmuseum hat Ulrike Ottinger die Ausstellungsräume in eine vielschichtige begehbare Installation transformiert. Mongolia – Mexico – Europa zeigt Malereien, Skulpturen, Fotografien, Filme und dokumentarisches Material aus unterschiedlichen Schaffensperioden, vor allem die Ergebnisse Ulrike Ottingers Reisen an entlegene Orte der Welt. Sie stellt die unterschiedlichen Kulturen aus Mongolei und Mexiko gegenüber, vergleicht diese mit Europäischem und schafft damit neue Denkräume.
In Ihren Portraits werden alltägliche Vorstellungen und Handlungen aufgezeigt, so zeigen sich Schamaninnen und Schamanen der Mongolei, wie die mexikanische Community in San Antonio,
Texas, mit ihren kunstvoll gestalteten ritualgegenständen und Kleidungsstücken. Einige dieser Handlungen, Gegenstände und Symbole finden sich in Ulrike Ottingers Europa-Objekt wieder: die Zeltform, der mächtige Stier oder der magische Kern auch in der abendländischen Kultur.
Ihre Werke sind Ausdruck eines aufmerksamen neugierigen Blicks, der sich sensibel mit der Vergangenheit und deren Auswirkungen auf die Gegenwart auseinandersetzt.
Die Künstlerin zeigt im Hans-Thoma-Kunstmuseum, wie im Nahen Vergleich unterschiedlicher Kulturen Unterschiede und vor allen Dingen Gemeinsamkeiten sichtbar werden, denn räumliche Distanz ist nach Ulrike Ottinger nicht unbedingt ein Hinderungsgrund für Nähe."

→ Link zur vollständigen Pressemitteilung

Laudatio Hans-Thoma-Preisverleihung
Laudatio anlässlich der Hans-Thoma-Preisverleihung an Ulrike Ottinger

Sehr geehrte Frau Ministerialdirigentin Dr. Claudia Rose, sehr geehrter Herr Bürgermeister Alexander Schönemann, sehr geehrte Museumsdirektorin Margret Köpfer, liebe Ulrike Ottinger,

Ulrike Ottinger und die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden haben eine Gemeinsamkeit: Mit einer Verortung in Baden-Württemberg teilen wir uns in unserem kunstbezogenen Schaffen denselben Lebensraum. Geboren und aufgewachsen ist sie in Konstanz, künstlerisch tätig, sei es im Bereich der bildenden Kunst oder des Films, war und ist sie immer noch fast überall. Ihr Werk ist in den unterschiedlichsten Medien, wie Malerei, Fotografie, Film, Szenografie oder in Buchform gefasst. Als Malerin avancierte sie zu einer der bedeutendsten Repräsentantinnen der Pop-Art in Europa. Ihre international renommierten Filme lassen eintreten in traumhafte und extravagante Welten. Gleichzeitig archivieren ihre dokumentarischen Filme bedeutsame Geschehnisse und erzählen somit eine Geschichte von historischen und biographischen Realitäten. Und, wir haben noch eine weitere Gemeinsamkeit: Ulrike Ottingers Werk beleuchtet genau die Themen, mit denen auch wir uns auseinandersetzen. Sei es der feministische Blick auf vergangene und aktuelle Zeitgeschehen oder die Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichten. Wir fühlen uns über ihr Oeuvre verbunden, welches für uns ein Zeugnis ihrer charakterstarken, brillanten, erfahrenen Persönlichkeit ist.   

Erst vor zwei Jahren konnten wir in den Kinos durch ihren Film Paris Calligrammes einen Einblick gewinnen in Ulrike Ottingers prägende Zeit als junge, aufstrebende Künstlerin in Paris. Den Film bezeichnet sie selbst als Soziogramm, da sie ihre Erfahrungen von früher aus ihrer heutigen Perspektive schildert. Als Zuschauer*innen lassen wir uns nicht nur von dem Charme der Pariser Szenerie in den Bann ziehen. Auch die politischen Unruhen Ende der 60er Jahre, die Ulrike Ottinger selbst miterlebte und die sie tief trafen, vermitteln einschneidende Eindrücke, aus denen wir lernen können. Radikalisierung kann entgegengewirkt werden durch Austausch, Offenheit und dem Willen voneinander zu lernen. Vermutlich war deswegen auch die deutsch-französische Buchhandlung Librairie Calligrammes, gegründet 1951 von Fritz Picard, der 1938 aus Deutschland nach Paris geflohen war, ein prägender Ort für ihr Werk. Die Librairie Calligrammes war nicht nur ältester und wichtigster Umschlagplatz für deutschsprachige Literatur, sondern auch ein Ort der Zusammenkunft, der intellektuellen Ideen und Diskussionen. Ulrike Ottinger prägte diesen Ort als Kulturprotagonistin. Die Umbrüche, die sie miterlebte, zeichneten sich auch in ihrem Medium der Kunst ab. So schloss sie vorerst mit der Malerei ab und wandte sich dem Film zu. Nachdem sie 1969 in Zusammenarbeit mit dem Filmseminar der Universität Koblenz den filmclub visuell gründete, wurde das Filmemachen fester Bestandteil ihrer künstlerischen Sprache.

 

Das Darstellen von starken, weiblich gelesenen Identitäten war, während der Anfänge ihres Wirkens im Bereich des Films, eine Perspektive, die zuvor von keinem aufgezeigt wurde. Sie begeistert mit einer unkonventionellen und sogleich in ihrer Ästhetik unverwechselbaren technischen Art der Filmproduktion. Ihre Perspektive als intellektuelle und spirituelle Person wird durch ihr Schaffen zugänglich gemacht. So weist ihr Film Madame X – Eine absolute Herrscherin auf weibliche Standhaftigkeit hin. Aus dem Film Freak Orlando lässt sich die Erkenntnis ziehen, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzlichkeit, mit den eigenen Schwächen und Eigenarten unsere eigenen Stärken hervorbringt.

 

Es ist nicht nur der künstlerische Aspekt, der bezeichnend ist für ihr Werk. Ihre fotografischen Werke halten Szenerien des Alltags, aber auch aufregende, abenteuerliche Situationen fest. Ihr Auge für Details und ihre Gabe zur richtigen Zeit am richtigen Ort einen Schnappschuss zu machen geben den Betrachter*innen ihrer Fotografien das Gefühl dabei zu sein. Sich das Werk von Ulrike Ottinger anzusehen ist wahrlich ein Erlebnis, eine Wonne! Ihre Fotografien vom Leben in der Mongolei und in Mexiko zeigen unterschiedliche kulturelle Kontexte. Eine Gegenüberstellung zu europäischen Kontexten eröffnet einen Raum für Austausch. Die Ergebnisse ihrer weltweiten Reisen sind von internationaler Signifikanz, unter anderem in den Diskursen der Ethnologie und der Anthropologie. Ihre Kunst wird in aktuellen Diskussionen in queerfeministischen, historischen und politischen Kontexten thematisiert. Einige ihrer Bilder entstehen auch im Rahmen von Filmarbeiten. Dadurch werden auch über dieses Medium die faszinierenden und surreal anmutenden Welten Ulrike Ottingers erfahrbar.

Ihre Aussage „Filmemachen ist wie Atmen”, zeigt ihre starke Sensibilität für Synchronisation der Akteur*innen vor und hinter der Kamera. Obwohl Ulrike Ottinger als Vorreiterin der avantgardistischen Filmkunst schon lange international bekannt ist, wurde ihr Werk bisher noch nicht gebührend in Baden-Württemberg gewürdigt. Mit der Preisverleihung durch das Land Baden-Württemberg und der damit verbundenen Ausstellung wird dies nun auch hier nachgeholt.

Für uns bedeutet Ulrike Ottinger das Atmen!

 

Çağla İlk und Misal Adnan Yıldız

 

Direktion

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

 

Link zur Laudatio als pdf

 

Preisverleihung

Bernau, 15.08.2021: Claudia Rose übergibt Hans-Thoma-Preis 2021 an Ulrike Ottinger

Pressestimmen