Die Blutgräfin
Eine Schnitzeljagd im ¾ Takt
Die
Protagonisten dieser schwarzen Komödie sind groteske, ‚unmögliche’
Paare, aus deren Zusammentreffen sich die Spannung der Handlung
entwickelt.
Die Blutgräfin, die schöne und grausame Tigerin in
Menschengestalt, und die ihr zutiefst ergebene und sie grenzenlos
adorierende Zofe Hermine.
Zwei exzentrische Vampirologen in schottischem Karo und Pepita, Professor Nepomuk Nachbiss und Prof. Theobastus Bombastus.
Der
Neffe der Blutgräfin, Rudi Bubi von Strudel zur Buchtelau, ein
vegetarischer Vampir mit Triebhemmung, deshalb in Therapie bei dem
Psychotherapeuten Theobald Tandem, der ihn zur Normalität zurückführen
will.
Oberinspektor Unglaube, eine Wiener Variante von Sherlock
Holmes, und sein junger Assistent Guido Doppler, eine kleine Kopie
seines Meisters.
Die Blutgräfin:
Unerschrocken und von blendender Schönheit, ausgestattet mit den Merkmalen ihres Standes: Noblesse, Eleganz und Ignoranz.
Wie
James Bond unverletzlich und jeder Gefahr gewachsen. Nicht im Auftrag
von ‚Her Majesty’ unterwegs, sondern als Majesty herself.
Ihre Gier nach erotisch gefärbtem Blut stillt sie ohne Skrupel und bei jeder Gelegenheit, ohne Rücksicht auf Ort und Zeit.
Bei
ihrer Jagd nach diesem Lebenselixier ist ihr die ihr in bedingungsloser
Liebe und Adoration ergebene Zofe Hermine behilflich. Sie führt die
Blutgräfin zu den Orten ihrer früheren Bluttaten, damit sie sich ihrer
erinnere, um unverzüglich wieder in ihrer alten Rolle als absolute
Herrscherin des Vampire Empire aktiv werden zu können, denn sie hatte
in Hollywoods Familiengruft viel zu lange geschlafen und dabei einiges
vergessen. Es war Zeit, ihre Erinnerungen aufzufrischen.
Den
Ahnen war es endlich gelungen, die Gräfin aus ihrem Schönheitsschlaf zu
wecken. Mit ihr erwacht die gesamte Vampirunterwelt zu neuem Leben.
Voller Ungeduld klopfen sie an ihre Sargdeckel und steigen aus ihren
Grüften hinauf nach Wien, um endlich das Blut wieder fließen zu lassen:
Die Saison ist eröffnet.
Von geheimnisvollen Zeichen ihrer Ahnen an
die spektakulären Orte ihrer noch spektakuläreren Taten gelockt, treibt
es die Blutgräfin vom Narrenturm zur Nationalbibliothek, vom
Herzgrüfterl zum Heldenberg, vom Prater bis ins Böhmische, überall
findet sie aufs Neue ihre Opfer.
Eine Sightseeing Tour durch Zeit
und Raum, Gegenwart und Vergangenheit, Zukunft und Erinnerung: Als
Revenant nutzt sie ihre grenzenlosen Möglichkeiten souverän; die
Wiederkehr des Bösen nach Wien ist garantiert.
Die Zofe
Hermine, auch die ‚schöne Schläferin’ genannt, hatte im Hotel Königin
von Ungarn all die Jahre mit ihrem Vampirstaubsauger durch die endlosen
Flure gesaugt und dabei nur an ihre heiß geliebte Blutgräfin gedacht,
deren Wiederkehr sie herbeisehnte. Nach deren überraschendem Erscheinen
assistiert sie der Blutgräfin mit Hingabe, was diese je nach Laune
gnädig oder unwillig hinnimmt. Enthusiastisch widmet sie sich
allen Aufgaben, ist gleichzeitig Amme, Liebhaberin, Special
Caterer, Spürhund, Dienstmädchen, Bodyguard, Kupplerin, Gouvernante,
Memory Board, Gesellschafterin, Major domus, kurz: „Mädchen für alles“.
Zusammen sind sie das perfekte couple infernale.
Als
die Blutgräfin wieder zu entschwinden droht, dehnt Hermine ihre
bedingungslose Liebe mehr und mehr auch auf deren blutjungen Neffen,
Bubi, aus, der aber nicht will Doch mit Widerspenstigen und
Eigenwilligen hat sie bereits Erfahrung, da kennt sie alle Tricks.
Der
Neffe der Blutgräfin, Rudi Bubi von Strudel zur Buchteleau, Woywode von
Siebenbürgen, aus einer Nebenlinie der Báthory, den von Neu-Báthory:
Bubi,
fein- und kunstsinnig, ist ein schüchterner Rebell. Er lehnt die
Familientradition ab, gibt seine erstklassige militärische Laufbahn auf
und wird zum vegetarischen Vampir mit Vertigo. Seine Familie versucht
alles, um das schwarze Schaf – oder wie einige meinen: das grüne Schaf
– von seinem Irrweg abzubringen. Besonders Bubis schöne, übermächtige
Tante, die Blutgräfin, versetzt ihn deshalb in panische Angst Aber Bubi
kämpft tapfer gegen seinen bösen Familientrieb und wendet sich
vertrauensvoll an den Psychotherapeuten Theobald Tandem. Dieser erkennt
Bubis Triebhemmung. Er will ihn mit allen Mitteln, auch ungeeigneten,
zur Normalität zurückführen und von seiner Höhenangst befreien. Während
Bubi sich in seinen Therapeuten verliebt, versucht dieser ihn zum
Fleisch zu bekehren und treibt ihn in die Arme der von Bubi in jeder
Hinsicht gefürchteten Zofe. Doch alle Versuche, in dem geliebten
Psychotherapeuten etwas Wärme und Verständnis zu finden, scheitern. Und
der Kontakt zur Zofe und der Blutgräfin führt schließlich zu seinem
eigenen Ende, denn in einem dramatischen Showdown wird er einfach
‚weggebissen’.
Dr. Theobald Tandem, ein vom Freudianismus zum
Behaviourismus konvertierter Opportunist, lebt in vollkommenem
Einverständnis mit sich selbst. Er hört lieber sich als seinen
Patienten zu. Er hat Allmachtsphantasien und glaubt bei Allen Alles
heilen zu können.
Prof. Nepomuk Nachbiss und Prof. Theobastus
Bombastus sind in jeglicher Hinsicht exzentrische Vampirologen. Sie
treten wie Pat und Patachon immer zusammen auf. Theobastus Bombastus
ist klein und hat die Figur eines Quadrats, das in ein gewagtes
Schottenmusterkaro gekleidet ist. Er ist sehr furchtsam. Dagegen
erinnert die Statur von Nepomuk Nachbiss an einen langen, dünnen Faden
mit einer ungeheuren Nase. Er bevorzugt Pepitaanzüge, ist
geistesgegenwärtig und charmant.
Ihr abseitiges Interessensgebiet
hat die beiden fest zusammengeschweißt, obwohl sie nicht immer einer
Meinung sind. In ihrem Forschungseifer schrecken sie auch vor
unkonventionellen Methoden nicht zurück. Das bringt sie in
Schwierigkeiten, wie in der Psychiatrie im Steinhof, wo ihre irrwitzige
Maskerade in Zwangsjacken endet, oder auf dem Riesenrad, wo sie einem
Vampirmord beiwohnen und selbst in Gefahr geraten. Das Objekt ihrer
Begierde entzieht sich ihnen jedoch immer wieder, und am Ende sind sie
um viele Erfahrungen reicher, haben aber statt der Blutgräfin in
flagranti nur ihre Regenschirme in der Hand.
Diese
Enttäuschung teilen sie mit dem Oberinspektor Unglaube, der mehrfach
ganz kurz davor steht, die Zofe und die Blutgräfin dingfest zu machen,
aber immer etwas zu spät am Tatort erscheint. So sind nach dem
Vampirball nur die Fledermäuse noch nicht ausgeflogen.
An seiner
Seite ist stets Guido Doppler, sein ihm nacheifernder Assistent, sein
alter ego. Er kleidet sich exakt wie der Oberinspektor und übt vor dem
Spiegel dessen Gesten ein. Er sieht wie die Miniatur des Inspektors
aus, dem er wie ein Schatten folgt.
Ulrike Ottinger

