Ulrike OTTINGER > Filme > Zwölf Stühle > Texte > Christine N. Brinckmann: Ulrike Ottingers pikareskes Universum

Ulrike Ottingers pikareskes Universum

Schon in früheren Filmen hat Ulrike Ottinger einen pikaresken Stil entwickelt: Verzicht auf psychologisch gezeichnete Charaktere, eine episodische Struktur ohne übergreifende Spannungskurve, dafür üppiges Detail, das den Figurenreigen temporär in eine Komposition bindet, bis sich ein neues Ambiente, neue Farbtöne, neue Umstände auftun. Auch gibt es schon früh satirische Elemente sowie die Lust am Heterogenen, Grotesken, Barocken.
     Grundsätzlich ist die Pikareske eine Gattung des Barock. Sie entstand im Spanien des 16. Jahrhunderts, nicht zuletzt als ideologisches Gegenstück zum Ritterepos mit seinen hehren Zielen und Charakteren. So ist der Picaro ein Held der niederen Klassen, der sich mit Flexibilität durchs Leben schlägt und aus allem Vorteil zu ziehen trachtet, sei es pekuniär oder amourös. Mit satirischem Blick durchwandert er die zeitgenössische Welt. Er gewinnt Freunde und verliert sie wieder, lässt sich treiben, muss die Flucht ergreifen und drängelt sich erneut in Kontexte, in denen er nichts zu suchen hat. Seine Nähe zum Narren, der naiv und schlau zugleich ist, oder zum listigen Trickster ist evident. Der Picaro erfährt keine innere Wandlung. Schon die episodische Form verhindert seine Psychologisierung: Sie ist offen für Additionen und Kürzungen und enthält in ihrer barocken Fülle oft weit mehr Ereignisse, als einem Einzelnen widerfahren könnten.
     Mit Zwölf Stühle hat Ottinger einen Roman verfilmt, der seinerseits pikareske Züge trägt. Er schickt seine Figuren durch die Nachwehen der russischen Revolution, und mit Staunen erlebt man, wie erfinderisch sie sich gebärden. An krassen Gegensätzen, Chaos, Ungleichzeitigkeit herrscht in diesem Land kein Mangel. Die Figur des Picaro ist aufgefächert in einen enteigneten Großbürger und einen schlitzohrigen Gauner — ein ungleiches, aber in Gier vereintes Paar, das von einer dritten Figur, einem glücklosen Popen, flankiert wird. Um alle drei gruppieren sich bizarre Nebenfiguren, die in unterschiedlichster (aktueller) Art auf die neue Gesellschaftsform reagieren. Ottinger vermag diesen Stoff mit Witz und Fabulierlust, aber auch scharfer Beobachtung und unerschöpflicher Phantasie zu inszenieren. Hier kann sie ihre apsychologische, scharf beobachtende Erzähltechnik einbringen, kann veritable Nummern ausgestalten, Poetisches mit Action mischen, Stilisiertes mit dem Absurden. Heterogene Elemente aus Shakespeare, der Commedia dell'arte, dem Stationendrama, der Tragikomödie, Gogol, Eisenstein, dem Italowestern, dem Dokumentarfilm, der Avantgarde oder auch der romantischen Landschaftsmalerei sind verwoben. 
     Entsprechend greift sie in die Vollen, und ihr ukrainisches Ensemble hält mit: Ottinger gibt den Schauspielern viel Raum für Spontanes, beherrscht jedoch die Erzählung auf souveräne Weise. Jede Nummer ein überraschendes, präzis genutztes Tableau, jede Einstellung ein opulentes Gemälde. Im Spannungsfeld von statischer Komposition, die den Blick zum Verweilen einlädt, und quirliger Performanz, die den Rahmen sprengen könnte, vollzieht sich der narrative Rhythmus. Dem entspricht im Ganzen die doppelte Bewegung vom Erfüllen einer numerischen Vorgabe - der Suche nach den zwölf Stühlen, Stück für Stück und darüber hinaus - und dem Sich-Entfalten in der Eigengesetzlichkeit der Episoden. Eine solche Struktur braucht einen langen Atem. Ulrike Ottingers Film dürfte nicht kürzer sein, denn der Geist der Pikareske entfaltet sich in der Fülle: auch der Zeit.


Christine N. Brinckmann
Auszug aus dem Katalog des 34. Internationalen Forums des Jungen Films

Zurück