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„Chamissos Schatten“, Die Geschichte des Seeotter-Mädchens

von Daland Segler, Frankfurter Rundschau, 31.07.2017

 

Sie würde am liebsten „auf einem Schiff leben und immer unterwegs sein“, hat sie einmal gesagt. Bei ihrem jüngsten Werk hat sich Ulrike Ottinger diesem Traum für einige Wochen annähern können. Denn sie hat rund drei Monate lang eine der entlegensten Gegenden des Planeten besucht, die eine Brücke zwischen Amerika und Asien bildende Inselkette der Aleuten.

Wie ihre ethnographisch gefärbten Filme zuvor, etwa über die Mongolei, zeichnet sich auch Ottingers neue Arbeit durch die Faszination für eine wenig berührte Landschaft und die von ihr geprägten Menschen aus, vor allem aber durch die fast meditative Art der Filmerzählung.

Die Reise von der Alaska vorgelagerten Insel Kodiak westwärts nimmt den entschleunigten Rhythmus der Schiffspassage auf; die (von Ottinger geführte) extrem ruhige Kamera weidet sich geradezu an der Landschaft, die den Europäer an die norwegischen Lofoten erinnern mag: Steil aus dem Meer aufragende Berge, oft in tief hängende Wollen gehüllt und mit Schneefeldern gekrönt. Dass die Aleuten, die als „Wiege der Stürme“ gelten, ein für Menschen extrem fordernder Lebensraum sind, verblasst angesichts der faszinierenden Ansichten.


In beinah jeder Einstellung ist der Formwille der Regisseurin sichtbar, die einst als Malerin begonnen hatte. Die Bilder dieses unwirtlichen Landstrichs sind von geradezu betörender Schönheit, die Kadrierung ist meisterhaft. Da werden die zum Trocknen aufgehängten Lachs-Filets zu einer roten Rippenstruktur, die rostigen Reste einer Zugmaschine vom ersten Goldrausch in Nome verweisen auf die Aussichten des aktuellen Versuchs, hier Edelmetall zu finden, und die schweigenden Moschusochsen im Nebel müssen aus einer Fantasy-Welt herübergewandert sein.
Zum Eindruck der Ruhe trägt auch der sorgfältige Umgang mit dem Ton bei: Lange Sequenzen ohne Kommentar wechseln ab mit Zitaten von Steller, Chamisso oder Anmerkungen Ottingers selbst; für die fremden Texte hat sie renommierte Sprecher gewinnen können.

Ulrike Ottinger nutzt bei diesem Meisterwerk das ethnologische Prinzip der teilnehmenden Beobachtung mit Gesprächen mit den Bewohnern. Oft blickt die Kamera aber auch herab vom Fährschiff „Tustumena“ auf die Wartenden an den Kais. Schilderungen der Einheimischen, historische Zeugnisse wie Zeichnungen und Texte verweisen auf die Geschichte der Aleuten, die nach der „Entdeckung“ durch die Expedition des Kapitäns Vitus Bering (mit Steller an Bord) Beute der Russen wurden: Erst kamen um 1794 die Mönche, dann die Pelztierjäger, die Menschen und Tiere, Seeotter zumal, grausam dezimierten.


Ottinger erzählt dazu das Märchen vom Seeotter-Mädchen und ihrer tragisch endenden Liebe zu einem Aleuten-Mann; Seeotter galten den Einheimischen als „verwandelte menschliche Wesen“. Und so wie die Kamera den sich im Wasser zwischen den Tangpflanzen aalenden possierlichen Tieren minutenlang zusieht, so beobachtet sie später auch mit erstaunlicher Geduld die Fischer, wie sie aus dem Netz einen Lachs nach dem anderen herausholen, ausnehmen, filetieren und den wartenden Seeadlern den Abfall zuwerfen.


Teilen und gemeinschaftlich handeln sei ein Grundprinzip dieser Kultur, erläutert Ottinger, einer Kultur, derer sich die heutigen Bewohner mit Hilfe von Ethnologen und Sprachforschern erst wieder versichern müssen. Zu den besonders anrührenden Augenblicken gehört denn auch das Gespräch mit Alma Smithheisler aus dem Ort Teller, die mit ihren Enkeln „Little Papa“ und Pinjaq Alice am Rockzipfel vom Leben der „Eskimos“ erzählt und am Ende für die Frau hinter der Kamera ein „Eskimo-Lied“ singt und gar nicht mehr damit aufhören mag.

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