Director's statement: Die Blutgräfin

Im Hotel Königin von Ungarn lebt seit langer Zeit die Zofe Hermine. Wegen ihrer träumerisch-verlangsamten Bewegungen, mit denen sie Tag für Tag in Begleitung ihres Vampyr-Staubsaugers durch die endlosen Flure saugt, wird sie „die schöne Schläferin“ genannt. Sie scheint auf etwas zu warten. Nur der alte Nachtportier weiß um ihr Geheimnis.

 

Ihre Herrin war nach grauenhaften Vorfällen, die vor Jahrzehnten ganz Wien in Angst und Schrecken versetzt hatten, plötzlich verschwunden und blieb seither wie vom Erdboden verschluckt. Ihr unerwartetes Wiederauftauchen aus der Unterwelt hat eine ungemein belebende Wirkung auf die Schlafwandlerin. Gemeinsam mit ihrer adorierten Blutgräfin La Comtesse Sanglante, the World Champion Lady Vampire of all Times, Tigerin in Menschengestalt, Hyäne von Csejte, erinnert sie sich ihrer früheren Abenteuer, und sie begeben sich aufs Neue auf ihre nächtlichen Streifzüge durch ein schaurig-schönes Wien mit seinen Katakomben, Narrentürmen, Caféhäusern und Grüften, in denen die Herzen, Augen und Eingeweide der Herrscher und ihrer Helden ruhen.

 

Das alte und das neue Wien mit seinen imposanten Sehens- und Merkwürdigkeiten wird zum Schauplatz ihrer Jagd- und Beutezüge, die sie schon bald aus der Stadt hinaus bis nach Böhmen und Ungarn führen. Die Landschaft liegt im Schnee, und wo immer die sechsspännige rote Kutsche vorbeikommt, blicken entsetzte Gesichter auf die Reisenden, und die Bauern auf den Feldern bekreuzigen sich. Widerwillig begleitet sie ein aus der Art geschlagener, vegetarischer Vampyr, streng beobachtet von seinem Therapeuten. Verfolgt von zwei enthusiastischen Vampyrologen, begegnen sie vergnügungssüchtigen Burschen der schlagenden Verbindung Vampyria, einer schönen Bibliothekarin, einer noch schöneren Nonne, einem nervösen Geheimrat, Feldmarschällen, Hofräten und der kleinen Gräfin unter dem Glassturz. Daraus gewinnen sie verblüffende Erkenntnisse über ihre Urahnen.

 

Beflügelt von ihrem Liebeswahn, fesselt die schöne Schläferin den schüchternen vegetarischen Vampyr an sich, indem sie seinen Therapeuten wegbeißt. Einer der musikalischen und visuellen Höhepunkte des Films ist der Vampyrball mit seinen seltsamen Ritualen, wozu ein Damenorchester aufspielt. Am Ende eines dramatischen Show-downs beim Mitternachtssouper auf dem Riesenrad hoch über Wien vollzieht sich das Unausweichliche. Die Blutgräfin, noch schöner und aufs Neue verjüngt, beißt ein letztes Mal zu, während ein blutroter Komet am Nachthimmel erscheint.

 

Die Farbe Rot dominiert in allen Formen, Facetten und Materialien. Reflektierende Perlen, Brokat, stumpfer Filz, Tüll, Rips, Seide, Samt, Moiré, glühend illuminierte Beinhäuser, Feuersbrünste, Kerzenleuchter aus Murano, rot marmorierte Wendeltreppen, Wachsherzen, rote Erikas, Granatkolliers, Tartar und Blutwurst, dazu der ganz besondere Saft aus rubinroten Kelchen. Selbst die Fledermäuse haben rote Augen.

 

Die Besonderheit dieses Vampirfilms liegt im Reigen der Protagonisten, die sich wie bei einer Schnitzeljagd immer wieder an neue Orte locken lassen, deren bizarre reale Geschichte Teil der Spielfilmhandlung ist. So entsteht ein Dramolett in Form eines Comics.

 

Wie weit reichen die Schrecken der Nacht in unseren Tag – oder sind es unsere Tagträume, die uns begegnen?

 

(Ulrike Ottinger)