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zum film bildnis einer trinkerin
psychogramm zweier ungewöhnlicher aber auch extrem unterschiedlicher
frauen
die eine, reich, exzentrisch, ihre gefühle starr und maskenhaft
verbergend, trinkt sich bewußt zu tode, die andere, arm mit
festen plätzen, einschlägiger erfahrung mit trinkgeldbeschaffung,
trinkt sich unbewußter zu tode. sachverständig kommentieren
die drei damen "soziale fragen", "gesunder menschenverstand",
"exakte statistik" , die die rolle von schicksalsgöttinnen
in einer verwalteten, technologisierten, genormten, von massenmedien
geprägten welt spielen.
hintergrund ist berlin, erschlossen in einer grotesken sightseeing
tour (trinkergeographie) und ergänzt durch authentische beiträge
von menschen, die hier leben oder zu gast sind: rocksänger,
schriftsteller, künstler, taxifahrer.
zu den personen:
zwei trinkerinnen aus extrem unterschiedlichen sozialen milieus
- die eine kauft ihr flugticket im office der air france des 16.
arrondissements, die andere verbringt ihre nächte im bahnhof
zoo. die eine also mehr "barfüssige gräfin",
die andere mehr "nächte der cabiria". die eine ist
reich und trinkt sich bewußt zu tode, sie ist ein fall, der
in der statistik nicht erscheint, weil entweder zuhause unter valium
gehalten oder unter verschluß in einer privatklinik, die andere
ist arm und trinkt sich unbewußt zu tode, sie erscheint in
der genormten statistik als typ der haltlosen trinkerin, die immer
wieder betrunken aufgegriffen wird. die eine sucht die anonymität,
die sie als schutz begreift, und verläßt diese nicht
bis zu ihrem tode, die andere ist eine stadtbekannte trinkerin,
typ "zum straßenbild gehörend", mit festen
plätzen, gewohnheiten, einschlägiger erfahrung in trinkgeldbeschaffung
und der kleinen chance, in ihrem milieu etwas länger zu überleben.
die eine ist eine unbekannte trinkerin und wird im buch mit sie
bezeichnet, die andere ist eine stadtbekannte trinkerin und wird
im buch trinkerin vom zoo genannt.
diese beiden trinkerinnen versuchen sich im verlauf der geschichte
- die in stationen unterteilt ist - kennenzulernen. die eine folgt
der anderen wie ein schatten. Sie können zueinander nicht kommen,
nicht weil das soziale milieugefälle zu tief ist - das sich
im verlauf der geschichte übrigens fast aufhebt - sondern weil
der alkohol ihre kommunikationsversuche immer wieder verhindert
oder gar an ihre stelle tritt.
ein film, der seinen ablauf mit der dem perfekten melodrama eigenen
selbstverständlichkeit nimmt, nur unterbrochen durch die drei
von kongreß zu kongreß jettenden damen
1. gesunder menschenverstand, 2. soziale frage, 3. exakte statistik,
die die rolle von schicksalsgöttinnen in einer verwalteten,
technologisierten, genormten, von massenmedien geprägten umwelt
- unserer welt - spielen.
anmerkungen zur formalen ästhetik:
das exzessive, eigentlich normale mitteilungsbedürfnis, das
sich an falschen plätzen artikuliert und dadurch abgewiesen
wird - gegen glaswände rennt, das mitteilungsbedürfnis
der trinkerinnen soll in einstellungen z. b. durch fensterscheiben,
durch das kartenverkaufsfenster am bahnhof zoo, durch das glas der
schwingtür im casino etc. verdeutlicht werden. eine totale
isolation - durch die scheibe - eine sich öfter wiederholende
scene, wie sie krampfhaft versucht, leute anzusprechen, sie sogar
festhält, wenn sie weitergehen wollen, und die sich schließlich
brutal losreißen. man sieht sie manchmal sprechen, sie hat
schwierigkeiten zu artikulieren, sie wird zurückgestoßen,
sie versucht es wieder, immer wieder. diese einstellung z. b. sollte
ohne ton bleiben, isoliert durch die glasscheibe, um den eindruck
der isolatlion zu verstärken.
sie, eine frau von hoher schönheit, von antiker würde
und raphaelischem ebenmaß, eine frau, geschaffen wie keine
andere, medea, madonna, beatrice, iphigenie, aspasia zu sein, betrat
an einem regnerischen novembertag das office der air france im 16.
arrondissement, um ein ticket - aller jamais retour - berlin-tegel
zu lösen.
sie wollte ihre vergangenheit vergessen, vielmehr verlassen, wie
ein abbruchreifes haus. sie wollte sich mit allen ihren kräften
auf eine sache konzentrieren; ihre sache, endlich ihrer bestimmung
zu leben, war ihr alleiniger wunsch.
berlin, eine stadt, in der sie völlig fremd war, schien ihr
der rechte ort, ungestört ihrer passion zu leben. ihre passion
war zu trinken - leben um zu trinken - trinkend leben - das leben
einer trinkerin -
jetzt war also der zeitpunkt gekommen, alles zu verwirklichen
berlin tegel - realität
berlin tegel - bittere realität
(auszug aus dem einleitungstext zu "bildnis einer trinkerin")
wie zeigt man eine solche figur, die sich bewußt zu tode
trinkt und schutz nur noch von ihrer eigenen anonymität, dem
auslöschen ihrer eigenen person erwartet?
ich bat meine darstellerin tabea blumenschein, eine von paranoider
angst ausgelöste verteidigungsrede des trinkens oder betrunkenseins
an ihr eigenes spiegelbild zu richten und danach den inhalt ihres
vollen weinglases gegen sich selbst in der spiegelung zu schleudern.
ich beobachtete sie dabei durch die kamera und fixierte momente,
die mir besonders gut gefielen. sie wiederholte den vorgang des
glasausschüttens, damit ich gelegenheit hatte, mehrere versionen
des schüttens zu fotografieren. spiegel, spiegelungen, glas,
wasser, verwischungen, gläserne trennwände sollen oft
vorkommen, um isolation und das sich-selbst-fremd-sein, verfremdet
sein mit visuellen mitteln zu zeigen. einfache bewegungsabläufe
wie der eben beschriebene des glasausschüttens wirken, in einzelne
bilder zerlegt und in der bewegung eingefroren, ungleich dramatischer,
und in manchen fällen entscheide ich mich auch im film für
das "einfrieren".
ein foto kann man solange betrachten, wie man lust hat. im film
dagegen bewegen sich die einzelnen bilder so rasch, daß man
keine gelegenheit hat, sich über die ursache des gefallens
oder nicht-gefallens klar zu werden. nur die bewegung zählt.
dies wird einem deutlich zu bewußtsein gebracht, wenn man
sich erlaubt, dem durch das tägliche fernsehtraining mit festen
sehgewohnheiten ausgestatteten zuschauer ein bild länger als
gewohnt zu zeigen. er wird es als zumutung empfinden. "ich
möchte gerne, daß sie dieses bild solange sehen können",
wäre meine einfache antwort.
das feststehende bild im film oder die fotografie ist für mich
der augenblick der ruhe und des nachdenkens.
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