Ulrike Ottinger Start Contact Printversion German Version
Twelve Chairs

Clippings
Twelve Chairs
Leslie Felperin, Variety, Los Angeles/New York, Februar 16-22, 2004

Die Schichtungen der Geschichte (German language)
Ein Gespräch mit Ulrike Ottinger zu ihrem Film "Twelve Chairs"
Irene Genhart, Zürichsee-Zeitungen, Zurich, 15. July 15, 2004

Ostap Bender hat die Grenze überquert (German language)
Die deutschen "12 Chairs" wurden in Moskau vorgestellt
Andrej Plachow, Kommersant Nr. 69, Moscow, April 16, 2004

Karikieren der Karikatur? (German language)
Christoph Egger, Neue Zürcher Zeitung, Nr. 169, Zurich, July 23, 2004

Nach Osten! (German language)
Hans-Jörg Rother, Der Tagesspiegel, berlin, February 8, 2004

Der fremde Blick (German language)
Claudia Schwartz, Neue Zürcher Zeitung, Zurich, February 13, 2004

Odessaer Odyssee (German language)
Bettina Lange, MitOstmagazin, No. 13, Berlin, May 2004

Twelve Chairs (German language)
Arthouse Movienews Nr. 83 - August 7, 2004

Buntscheckige Diamantenjagd
(German language)
Nicole Hess, Tages-Anzeiger, Zurich, July 14, 2004












Twelve Chairs
Notorious for docus and avant-garde features sabotaged by punishing running times, helmer Ulrike Ottinger stays true to the form with "Twelve Chairs", a three-hour-plus adaptation of Ilya Ilf and Yevgeny Petrov's oft-Filmsd early Soviet-era novel. A picaresque black comedy set in the '20s about a trio searching the Ukraine for treasure, "Twelve Chairs" mines a rich vein of comedy. Pic is shot deliberately anachronistically, with costumed actors mixing with non-professionals in a modern landscape. More accessible than helmer's usual fare, "Twelve Chairs" could find a place at select fest tables, but won't be putting many paying butts on seats.
      One fateful day, former aristocrat Claudia Ivanova (Svetlana Dyagilyeva) tells first her son-in-law Ippolit Matveyevich Vorobyaninov, then Father Fyodor (Boris Raev) that she hid her best jewels in the seat of one of the 12 salon chairs before they were seized during the Revolution. The two men set off on a race to track down the now-dispersed set of Tsar Alexander II-period chintz seats.
      Vorobyaninov soon hooks up with Ostap Bender (well-known local stage thesp Georgi Deliyev), a con artist as slick as his multi-colored satin suit, who soon starts draining naive Vorobyaninov's meager resources. Vorobyaninov promises Bender a share of the loot if they find the chair, and they set off on the chase, Father Fyodor criss-crossing their path.
      Some of the more entertaining set pieces include a scene where Vorobyaninov blows all his cash at an upscale joint while pitching woo to pretty student Lisa (Oxana Burlai), and a farcical interlude in which Bender poses as a chess grandmaster to pull a sting on some chess-crazy rubes. Often the wittiest lines are in the dry voiceover, lifted from Ilf and Petrov's book but translated into German. (Cast speaks mix of Russian and Ukrainian.)
      Underscoring just how little the more provincial corners of the former Soviet Union have changed in 80 years, Ottinger and her team barely need to dress the small-town set in the Ukraine to make it look like 1927.
      But if brevity is the soul of wit, "Twelve Chairs" is lacking, although many quirky, surrealist moments are provoked by the use of non-professional extras who seem unfazed by the period-garbed actors mixing among them. The grubby, impoverished-looking urban landscape, all peeling paint and smashed buildings, adds a resonance to the source book's satire on capitalistic acquisitiveness. These people seem to have little more now than their great-grandparents had when the Revolution came in 1917, apart from trainers and Coca-Cola.
      Nevertheless, Ottinger films the terrain with great affection, bringing out its tawdry beauty and sharp Mediterranean (or Black Sea if you prefer) light. An acclaimed still photographer, she does own lensing here, favoring arty, pleasingly off-center framing and long-held, tableau-like set ups that create a curious sense of stasis in a film about people always on the move. Music is almost all source throughout.
      For the record, original novel has been adapted several times already in Russia, most recently in 1977 with a 305-minute mini-series, once by Cuban auteur Tomas Gutierrez Alea in 1962, and once by Mel Brooks for a now almost forgotten, of not forgiven, version starring Frank Langella and Ron Moody from 1970.
Leslie Felperin, Variety,Los Angeles/New York, February 16-22, 2004

Top of page




Die Schichtungen der Geschichte
Ein Gespräch mit Ulrike Ottinger zu ihrem Film "Zwölf Stühle"

ZWÖLF STÜHLE von Ulrike Ottinger erzählt, einer Novelle von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow folgend, wie sich ein ehemaliger Adelsmarschall und ein Ganove in der noch jungen UdSSR auf die Suche nach einem in einem Stuhl versteckten Schatz machen. Weit mehr als durch die bizarre Story bezirzt Ottingers Roadmovie durch den Hauch des Dokumentarischen: Ottinger hat die 1927 spielende Story ohne gross Kulissen zu bauen in der Ukraine von heute gedreht und erzählt en passant einiges über derzeit herrschende Zustände.

Unterhalten wir uns doch ein wenig über ZWÖLF STÜHLE...
Ja, machen wir das, ich bin ja noch mitten in der Arbeit: Ich mache für 3Sat/ZDF eine Fassung von ZWÖLF STÜHLE in sieben Kapiteln. Das hätte ich mich bei jedem meiner anderen Filme geweigert zu tun, doch bei ZWÖLF STÜHLE geht das problemlos: Der Film folgt einer Stationen-Dramaturgie, wie man sie in östlichen Erzählungen oft trifft. Zudem habe ich die Gelegenheit, ein, zwei kleine Dinge beizufügen, die in der Kinofassung nicht da sind.

Sie haben von Stationen-Dramaturgie gesprochen. Was in ZWÖLF STÜHLE damit einhergeht und man in all Ihren anderen Filmen auch trifft, ist das Moment des Reisens, die Bewegung durch Raum und Zeit. Woher kommt diese Vorliebe?
Es ist wie bei einem Dynamo: Die Bewegung bewegt. Sie bringt immer neue Ein- und Aus-blicke, neue Inspirationen, neue Erkenntnisse; der Stillstand erzeugt das Gegenteil. Die Be-wegung entspricht dem Film als Medium. Ich arbeite sehr bewusst mit diesem Medium und möchte bisweilen ein bisschen darüber nachdenken.

Wenn man ZWÖLF STÜHLE sieht, hat man den Eindruck, nicht nur einen 1927 spielenden Spielfilm zu sehen, sondern auch einen Dokumentarfilm über die Ukraine von heute.
Das wollte ich. Ich beschäftige mich schon lange mit Ost-, Südost- und Mitteleuropa. Als die Grenzen durchlässiger wurden, hat es mich sehr interessiert, dorthin zu reisen. Ich will wissen, was mit diesem Europa los ist, von dem man die ganze Zeit redet, und wie es definiert wird. Unmittelbar vor ZWÖLF STÜHLE habe ich einen dokumentarischen Film gemacht, die Südostpassage: Ich bin mit dem Auto den alten Tangenten gefolgt, die einst Berlin mit Breslau, Budapest, Varna, Odessa oder Istanbul verbanden. Während ich die Südostpassage schnitt, habe ich die ZWÖLF STÜHLE gelesen. Es ist ein Roman aus dem Jahr 1927, den man in Osteuropa auch heute noch sehr gut kennt — ich habe beim Schneiden immer gedacht: Das habe ich alles gesehen, und es stimmt auch noch alles.

Was heißt: Es stimmt noch alles?
Zumindest in der Struktur: Der Roman spielt zwar in einer anderen Zeit. Aber er berichtet von Umbrüchen — dem Übergang der zaristischen Zeit in die Aufbauphase des Sozialismus — und turbulente Umbrüche haben wir heute auch. Das wollte ich zusammenbringen: die Vergangenheit und das Heute, die Dinge, die sich verändert haben, und die Dinge, die sich nicht verändert haben. Das sind die Schichtungen der Geschichte.

ZWÖLF STÜHLE verbindet eine epische Erzählweise mit der Präzision der dokumentarischen Beobachtung. Wie machen Sie das?
Wenn ich ein Bild mache, will ich damit etwas ganz Bestimmtes ausdrücken. Das heisst, ein Bild muss ganz sorgfältig gebaut werden. Ich suche Orte, die besonders aussagekräftig sind, und versuche Bilder zu machen, die sich wie Dialoge lesen.
Mich interessiert es zu zeigen, wie die Leute leben und lebten. Ich bin also durch Odessa, die Vorstädte und Dörfer gelaufen und habe Leute, die mir besonders interessant erschienen oder die ungewöhnliche Häuser hatten, angesprochen. So findet man Menschen und Orte, die man gar nicht erfinden könnte.

Die Schauspieler von ZWÖLF STÜHLE kennt man alle nicht. Woher kommen sie?
In Russland und in der Ukraine sind die Hauptdarsteller Stars. Wir wurden auf unserer Reise oft aufgehalten, weil sie so viele Autogramme geben mussten.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig wir eigentlich über diese Länder wissen. ZWÖLF STÜHLE ist ein Odessiter Roman, und die Menschen in Odessa haben etwas sehr Lebendiges und Humorvolles [...] Irgendwie habe ich mich in die Stadt Odessa ein wenig verliebt. Und so habe ich mit bekannten Schauspielern aus Odessa, aber auch mit Laien aus der ganzen Ukraine gearbeitet.
Irene Genhart, Zürichsee-Zeitungen, Zurich, July 15, 2004

Top of page



Kommersant Nr. 69, Moscow, April 16, 2004
Ostap Bender hat die Grenze überquert
Die deutschen "Zwölf Stühle" wurden in Moskau vorgestellt
Im Filmmuseum fand die inoffizielle russische Premiere des deutschen Films Twelve Chairs statt. Andrej Plachow ist der Meinung, dass sich diese Verfilmung des Kultromans vorteilhaft von allen bisherigen abhebt.

      Der Film wurde erstmals vor zwei Monaten im Forum der Berlinale gezeigt. Und die anwesenden russischen Journalisten hatten einiges daran auszusetzen: Er sei nicht lustig und schwärze zudem unser geliebtes Land an - besoffene Männer unter einer Lenin-Statue, Dreck auf den Straßen, ungepflegte alte Frauen. Als ob die Regisseurin Ulrike Ottinger den Geschmack jener beschränkten deutschen Zuschauer habe treffen wollen, die mit unverhohlener Genugtuung auf den Ruin des Sozialismus und das Ende seiner spezifischen Reize blicken.
      Doch das Gegenteil ist der Fall.
      Erstens geht es hier gar nicht um den Sozialismus, sondern um ein hybrides Gebilde wie die Neue Ökonomische Politik - oder wohl more noch um den heutigen Kapitalismus, wie er sich in der Ukraine manifestiert. Und insbesondere in Odessa, dessen kaufmännisch-anarchischem Geist bislang kein Gesellschaftssystem beizukommen vermochte. Trotz Verwüstung und Eklektizismus ist diese Stadt mit ihrer Jugendstil-Architektur und dem allgegenwärtigen Schatten Eisensteins nach wie vor wunderschön. Und die illustren Helden der Twelve Chairs fügen sich mühelos ein in die modernen Straßen mit ausländischen Autos und Reklameschildern wie "Liberty-Schuhe aus Italien".
      Zweitens hat Ulrike Ottinger nie für das breite Publikum gearbeitet. Ihr Schaffen geht weit über ein vulgär-pragmatisches Verständnis des Mediums Film hinaus, und es schließt Installationen und Photographserien, Operninszenierungen und Performances mit ein. In all ihrer Art sind die Prinzipien der Avantgarde und der Moderne mit traditionellen Strukturen des Barock und anderer klassischer Stilrichtungen verschmolzen. Als Modell hat im vorliegenden Fall ein Hochstapler-Roman gedient - was auch die provozierende Länge des Films erklärt. Er dauert more als drei Stunden, doch ohne jemals langweilig zu werden.
      Ulrike Ottinger hat sich einem Konzept der Welt verschrieben, in dem unterschiedliche Kulturen und Subkulturen in einem starken Spannungsfeld zusammenwirken. Zu ihren Lieblingscharakteren gehören Berliner Randfiguren und mongolische Nomaden, Zwerge und Transvestiten. Diese Exotik und Groteske waltet auch in den Twelve Chairsn. Bevor sich Ottinger des Romans von Ilf und Petrow angenommen hat, ist sie durch Polen, Ungarn und die Ukraine gereist und hat Orte ausfindig gemacht, an denen der Geist der "europäischen Hinterhöfe" am deutlichsten zu spüren ist. Zum Beispiel in Wilkowo, einem kleinen Dörfchen an der moldawisch-rumänischen Grenze, einem ehemaligen Handelszentrum am Kreuzpunkt zweier Dnjepr-Zuflüsse, das ein wenig mit Venedig zu vergleichen ist. Ulrike Ottinger hat die inneren Bezüge zu Paris, der Côte d'Azur, Rio de Janeiro oder den reichen Bürgerhäusern von Philadelphia - Bezüge, die uns immer wie sowjetischer Provinzhumor reinsten Wassers erschienen sind - in einen breiten kulturellen Kontext gestellt und ernsthaft und mit deutscher Gründlichkeit analysiert.
      Sie hat gar nicht erst versucht, die Dialoge zu übersetzen, sondern sie in volltönendem Russisch erklingen lassen, hat sie mit Untertiteln versehen und mit einem deutschen Off-Kommentar kombiniert. Sie hat keine deutschen, sondern Odessiter Schauspieler engagiert und mit ihnen einen Film gedreht, von dem viele Generationen sowjetischer und postsowjetischer Filmregisseure vergebens geträumt haben. Denn sie haben sich dem Roman nur auf Zehenspitzen zu nähern gewagt und mit dieser Haltung die Zuschauer auf Jahrzehnte vom Geschmack einer solchen Prosa abgebracht; so wurde man ihres Stils so überdrüssig, dass er nur noch auf Ablehnung stieß. Selbst Kira Muratowa, die wie sonst niemand in Odessa zu Hause ist, lässt wohlweislich die Finger von diesem literarischen Leichnam. Man kann sich vorstellen, was herauskäme, wenn sich unsere hoch dekorierten Schauspieler zum hundertsten Male Bender und Panikowskij vornehmen würden: Sie würden sofort loslegen und sich à la Stanislawskij winden im Bemühen, sich gegenseitig zu übertrumpfen.
      Ulrike Ottinger war unbelastet von solchen Ängsten, und ihre Schauspieler (die sowohl aus dem Muratowa-Umkreis wie aus der "Maski"-Show kommen), allen voran Georgij Deliev und Gennadij Skarga, sind hier goldrichtig.
      Aber das größte Verdienst der Regisseurin besteht darin, dass sie den Schlüssel gefunden hat, um den Roman in die universelle Filmsprache zu übersetzen. Das Sujet eines in Chairsn verborgenen Schatzes ist so alt wie die Welt, und es ist auch immer wieder verfilmt worden, so auch auf der anderen Page des Ozeans. Doch der spezifische Odessiter Humor von Ilf/Petrow galt immer als unübersetzbar, und somit schienen auch die Figuren des Romans, insbesondere Ostap Bender, unter Ausreiseverbot zu stehen. Nun haben sie ein Schengener Visum erhalten.
Andrej Plachow, Kommersant Nr. 69, Moscow, April 16, 2004

Top of page



Karikieren der Karikatur?
"Zwölf Stühle" von Ulrike Ottinger nach Ilf und Petrow
Die deutsche Filmemacherin Ulrike Ottinger hat sich als Liebhaberin und - mit ihren grossen Dokumentarfilmen - auch als Meisterin des langen, ja sehr langen Films erwiesen. So war "China. Die Künste - der Alltag" (1985) auf viereinhalb Stunden ausgelegt, um fünf Minuten noch übertroffen von "Exil Shanghai" (1997), während "Taiga" (1992), in 38 Kapitel aufgefächert, gar volle 501 Minuten in Anspruch nahm. Die 198 Minuten ihres jüngsten Films sind also nicht das Problem. Das Problem von "Zwölf Stühle" ist vielmehr eine Inszenierung, die sich als möglicherweise unfähig, jedenfalls aber unwillig erweist, auch nur ansatzweise so etwas wie einen Fluss in die Erzählhandlung zu bringen.
      Immer wieder fürs Kino adaptiert, ist der 1927 erschienene satirische Roman von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow auch als Filmstoff nahezu ein Klassiker. Nur notdürftig kaschierte 1938 "13 Stühle" mit Hans Moser und Heinz Rühmann die Vorlage. 1962 hat der Kubaner Tomás Gutiérrez Alea "Las doce sillas" vorgelegt, 1970 Mel Brooks "The Twelve Chairs", kurz darauf folgten die sowjetischen Produktionen unter der Regie von Leonid Gajdaj (1971) und von Mark Sacharow (1977). Ulrike Ottinger hatte, wie sie schreibt, im Zusammenhang mit einem Filmprojekt ("Südostpassage") einige Länder der GUS bereist und war dabei auf den Roman gestoßen. Für "Zwölf Stühle" nun lässt sie Einwohner etwa eines Dorfs an der moldawisch-rumänischen Grenze, von Odessa - aus dem die Autoren stammten und wo die Handlung von Roman und Film zur Hauptsache spielt - oder von Feodosija auf der Krim auftreten, mit entsprechendem Amateureffekt.
      Der Roman, meint die Filmautorin, halte den "im Umbruch befindlichen ehemaligen (?) GUS-Staaten einen präzisen allegorischen Spiegel" vor. Falls dem tatsächlich so sein sollte - im Film wird trotz dokumentarischen Elementen nichts davon erkennbar. Nie wird glaubwürdig der Eindruck erweckt, was als satirische Glossierung der Zustände in der Sowjetunion von 1927 angelegt war, entspreche auch heutigen Verhältnissen. Eine Lenin-Statue oder das von der Kinoorgel angedeutete "Lied von der Arbeitereinheitsfront" genügen da nicht. Auch das "historisierende" exaltierte Spiel der Darsteller liefe dem zuwider; das Gestikulieren und Augenrollen, wie es sich in satirischen Sequenzen auch bei Kosinzew/Trauberg oder bei Eisenstein findet, besass dort präzises Timing. Hier ist es bloss Karikieren der Karikatur. Was hätte wohl ein Boris Barnet oder heute ein Könner wie etwa der tadschikische Regisseur Bachtiar Chudojnasarow aus dem Stoff gemacht?
      So schleppt sich denn die Geschichte von der angeblich rasenden Hatz nach den Juwelen, die in einem von zwölf Salonstühlen versteckt sein müssen, die ihrerseits in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden, trotz unablässigem Wechsel der Schauplätze in ermüdender Gleichförmigkeit dahin: als stolpernde, krakeelende, endlose Balgerei. Ganz selten mag es immerhin zu einer luftigleichten Überwindung der Sphären kommen. Etwa dort, wo die beiden immer wieder neu düpierten Jäger des verlorenen Schatzes, der tumbe Adelsmarschall und mehr oder weniger rechtmässige Erbe sowie der ihn piesackende gerissene Gauner im Flickenkostüm des Arlecchino, von Kindern mit Tannzapfen beworfen werden und alsbald auf das fröhliche Spiel eintreten. Und punktuell kann sich dokumentarischer Mehrwert einstellen, etwa beim rührend ungelenk auf eine Mauer gepinselten Logo von Ford.
Christoph Egger, Neue Zürcher Zeitung Nr. 169, Zurich, July 23, 2004

Top of page



Nach Osten!
Forum: Ulrike Ottingers Neuverfilmung "Zwölf Stühle"
Ein Mekka für alle sowjetischen Schachspieler, eine Metropole, größer und schöner als Moskau malt der große Kom-binator im Dorfclub an die Wand. Nur Fantasie und Eigeninitiative müssten sie aufbringen. Ihm selbst fehlt es daran nicht. Nur muss er oft Prügel dafür einstecken, so auch im Dorf, wo er die kleine Barschaft des Vereins an sich bringt, damit er und sein Auftraggeber Wo-robjaninow wieder von der Stelle kommen.
An Fantasie und kühnen Visionen fehlte es nicht, als Ilja Ilf und Jewgeni Petrow 1928 ihren Schelmenroman ZWÖLF STÜHLE veröffentlichten. Die vorübergehende Rekapitalisierung des Handels und der Kleinproduktion hatte die Gelüste nach Reichtum wiederbelebt. Warum sollte da nicht eine Aristokratin ihrem Schwiegersohn, dem Standesbeamten Worobjaninow (etwa: "schlauer Fuchs"), auf dem Sterbebett das Versteck ihrer Brillanten in einem von zwölf Stühlen verraten? Der wiederum schlüpft in die Maske eines Detektivs, stößt auf den Tunichtgut Ostap Bender und jagt mit ihm dem Schatz hinterher, quer durch die Ukraine bis nach Odessa. Ihnen folgt Vater Fjodor, dem die Alte dummerweise auch gebeichtet hat.
Ilf und Petrows weltberühmtes Buch wurde bereits mehrmals verfilmt. Ulrike Ottinger, die sich schon für ihren Dokumentarfilm Südostpassage in die Ukraine begab, fand in Georgi Delijew und Genadi Skarga zwei clowneske Mimen, die der Inszenierung in russischer Sprache (mit deutschen Untertiteln und von Peter Fitz gelesenen Romanauszügen) zu doppeltem Witz verhelfen: dem des Romans und dem des Films, der die Moral der Sowjetzeit ins Gestern zurückverweist.
Ottingers Film verschränkt die Zwanzigerjahre des Romans mit der neurussischen Gegenwart, in der sich nur die Gerissenen nach oben arbeiten. Gut drei Stunden schickt sie ihre Helden zudem durch Bilder von Städten und Landschaften, deren Schönheit und Farbenpracht einem den Atem verschlägt. Ilf und Petrow hätten es sich nicht träumen lassen, dass ihr satirisches Pathos einmal der Erinnerung des Vergangenen statt der Beschwörung der Zukunft dienen würde. Am Ende, wenn sich Worobjaninow seines Kompagnons entledigt, steht uns die Gegenwart bar jeder Romantik vor Augen. Der Reichtum ist aufgebraucht.
Hans-Jörg Rother, Der Tagesspiegel, Berlin, February 8, 2004

Top of page



Der fremde Blick
Panorama und 34. Forum des jungen Films
Auffallend häufig sehen die Filme an der diesjährigen Berlinale die Welt mit fremden Augen. Nicht zuletzt das Eigene wird mit Vorliebe dem anderen Blick ausgesetzt: So sucht die Fiktion nach dem Wirklichen, der Dokumentarfilm inszeniert den Traum vom Leben, und der Fokus auf die Vergangenheit holt die Gegenwart ans Licht. Selten gelingt indes das Spiel mit dem Blickwechsel so souverän wie in ZWÖLF STÜHLE von Ulrike Ottinger, einer im Forum gezeigten Verfilmung des "Klassikers" von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Die deutsche Regisseurin schlägt aus der Geschichte zweier Lebemänner in der frühen Sowjetzeit jenes Fünkchen Wahrheit, nach dem sich die Mentalität einer Gesellschaft über die Perestroika hinaus buchstäblich in die neue Zeit rettete.
Die Geschichte über einen proletarisierten Adeligen und einen Ganoven, die in einer burlesken Schatzsuche dem Ideal vom Helden der Arbeit ihre individuelle Überlebensstrategie aus List und Improvisationsgeist entgegenstellen, ist eine stilsichere Parabel auf die postsowjetische Gesellschaft. Ottinger giesst Vergangenheit und Gegenwart, literarische und filmische Motive, russische Darsteller und deutsch gelesene Romanauszüge, malerische Schwarzmeerküste und farbenprächtigen Hyperrealismus mit einer Gelassenheit in Form, als würde sich all dies wirklich vor unseren Augen abspielen.
Claudia Schwartz, Neue Zürcher Zeitung, Zurich, Februar 13, 2004

Top of page



Odessaer Odyssee
Die eher spärliche Auswahl russischer Filme auf der Berlinale wurde in diesem Jahr durch ZWÖLF STÜHLE von Ulrike Ottinger bereichert. Ihre zweisprachige Verfilmung des 1928 erschienenen gleichnamigen Romans von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow entstand in Zusammenarbeit mit den Odessaer Kinostudios.
[...] Die Reise führt ihre Protagonisten aber nicht nur in räumliche, sondern auch in zeitliche Fernen. Die am Anfang des Films folkloristisch kostümierte Idylle der zwanziger Jahre beginnt zu bröckeln, als zwei alte Mütterchen im Hintergrund Chanel-Plastiktüten feilbieten. Wenig später bewegen sich die Helden schon mitten durch den postsowjetischen Alltag mit all seinen absurden Begleiterscheinungen. Die Handlung des Buches von Ilf und Petrow, die in der Periode der "Neuen Ökonomischen Politik" mit ihrer Wiedereinführung privaten Unternehmertums angesiedelt ist, lässt sich erstaunlich mühelos in die Gegenwart transponieren. Auf ihrer Jagd nach materiellem Glück versuchen sich Bender und Worobjaninow als Heiratsschwindler, Schachgroßmeister, Bettler und in der Reparatur rotblau karierter Plastiktaschen, wobei der "Neue Russe" Bender im zeitlosen Narrenkostüm seinen Gefährten nach Strich und Faden ausnutzt.
Der ironische Ton des deutschen Off-Erzählertextes wird durch die Bilder oft noch unterstrichen. Dabei erlaubt die offene, episodische Struktur der Buchvorlage der Regisseurin, ein Kaleidoskop von Situationen und Figuren zu entfalten. Viele Szenen oszillieren zwischen fast ethnographischer Aufzeichnung mit Laienschauspielern an Originalschauplätzen und bewusst theatralischer Inszenierung. Vorgefundenes wird in symmetrischen, mit unbewegter Kamera festgehaltenen Einstellungen zum Bild, das unabhängig vom narrativen Kontext besteht.
Nicht nur die Protagonisten, auch der Zuschauer begibt sich in Ottingers Film ganz unmerklich auf eine Reise - durch die sowjetische Kinogeschichte. Ein Pfarrer mit Hakennase und Spitzbart erinnert an Eisensteins Iwan Grosnyj, zwei Matrosen marschieren die aus "Panzerkreuzer Potemkin" bekannte Hafentreppe hinunter und Ostap Bender tritt zwischen Fliegerdenkmal und Traktorenfahrt, den filmischen Ikonen der dreißiger Jahre, auf. Mit seinen fließenden Übergängen von Zeit und Raum, Fiktion und Dokumentarischem zeichnet ZWÖLF STÜHLE ein zumindest in künstlerischer Hinsicht originelleres Russlandbild als die hauptstädtische Clipästhetik vieler in letzter Zeit in Russland entstandener Filme.
Bettina Lange, MitOstmagazin, Berlin, No. 13 / May 2004

Top of page


Zwölf Stühle
Ulrike Ottinger hat den Osten schon immer geliebt. Sie hat in der Taiga, in Schanghai, in Osteuropa Filme gedreht: Theatralische Spielfilme und feinfühlige Dokumentarfilme, die seit Jahren Kult sind. Für "Südostpassage", ihren letzten Dokfilm, ist Ottinger von Berlin via Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien nach Odessa gereist. Land und Leute, aber auch die Literatur lernte sie kennen; am meisten fasziniert hat sie Ilja Ilfs und Jewgeni Petrows Roman "Zwölf Stühle". "Zwölf Stühle" heißt nun auch Ottingers neuster Film. Angelegt ist er als Roadmovie: Auf dem Sterbebett gesteht Klawdia ihrem Schwiegersohn Ippolit, dass sie bei Ausbruch der Revolution ihre Juwelen in einen seiner zwölf ehemaligen Salonstühle eingenäht hat. Kaum ist Klawdia beerdigt, bricht Ippolit auf, um das, was zu Zars Zeiten der Familie gehörte, nach der Enteignung nun aber weitum verstreut ist, wieder in seinen Besitz zu bringen. Quer durch die UdSSR, vom verschlafenen Wilkowo über die Dnjeperstadt Nikolajew bis nach Odessa reist er; getrieben von Gier und alsbald begleitet von einem geckenhaften Ganoven. Im Jahre 1927 spielt Ilja Ilfs und Jewgeni Petrows Roman, Ottinger jedoch hat "Zwölf Stühle" in den "natürlichen Kulissen" der Ukraine von heute gedreht. Resultat ist ein bilderprächtiger "Reisefilm". Der gewährt den Zuschauern, wie Ottinger es formuliert, tiefen Einblick in die "dichten Schichtungen der Geschichte" und es fällt in ihm kongenial zusammen, was Ottingers Schaffen kennzeichnet: Ethnografische Sorgfalt und humorvolle Verspieltheit.
Arthouse Movienews Nr. 83 - 7 / 8 / 2004
Top of page



Buntscheckige Diamantenjagd
Auf Juwelensuche quer durch die Ukraine: Die deutsche Regisseurin Ulrike Ottinger verfilmt den russischen Klassiker "Zwölf Stühle" als vergnügliches Welttheater.
Historische Kontraste
[…] Die deutsche Film- und Theaterregisseurin Ulrike Ottinger hat der Roman jetzt zu einem Stück Welttheater inspiriert, das in einer reizvollen Mischung aus Burleske und Groteske die literarische Vorlage und die aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Dialog zueinander bringt.
Wir begleiten die bunten Vögel auf ihrer Tour quer durch die heutige Ukraine bis nach Odessa, ans Schwarze Meer und auf die Krim; die in historischen Kostümen gewandeten Schauspieler kontrastieren dabei mit der Kulisse aus verfallenen Industrieanlagen und Prachtbauten der vorletzten Jahrhundertwende. Das Herstellen von Gegensätzen ist eines der Hauptmerkmale der über dreistündigen Inszenierung, die von der Theatererfahrung der Filmregisseurin zehrt: Berufsschauspieler (wie der ukrainische Volksschau-spieler Georgi Delijew als Ostap Bender) und Laiendarsteller; fiktionales Inszenieren und dokumentarisches Festhalten; historische Kostümierung und Originalschauplätze - in der Gegenüberstellung unterschiedlicher Realitäten wird auch erkennbar, was die Regisseurin am Stoff besonders interessiert hat. Es sind die Parallelitäten, die sich zwischen dem Übergang vom Zarenreich zum Sozialismus und dem aktuellen Transformationsprozess in Osteuropa ergeben und durch die Verfremdung sichtbar gemacht werden. […]
Die Liebe zu den weißen Flecken
[…] In herrlich komponierten Tableaus fängt die auch als Fotografin tätige Ottinger die Weiten der ukrainischen Landschaft und Alltagsszenen ein — im Altersheim, auf der Mülldeponie, an der Versteigerung, im Theaterschiff. Die Idee kam der Regisseurin, die für ihre überlangen Dokumentar- (Taiga) und unkonventionellen Spielfilme (Johanna d'Arc of Mongolia) bekannt ist und die in den Siebzigerjahren mit Szenengrößen wie Rosa von Praunheim oder Nina Hagen zusammenarbeitete, während der Postproduktion zu ihrem Film Südostpassage (2002). Während sie die sechsstündige Dokumentation über die verfallenen Imperien Südosteuropas schnitt, bekam sie den Roman von Ilf und Petrow in die Hände. Und sofort wusste Ottinger, dass sie den filmischen, fotografischen und literarischen Miniaturen aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und Istanbul ihre erste Literaturverfilmung nachschicken würde. Beide, der Dokumentarfilm wie die ZWÖLF STÜHLE, lesen sich jetzt wie eine Liebeserklärung an die - wie es im Untertitel zur Südostpassage heißt - "neuen weissen Flecken auf der Landkarte Europas".

Nicole Hess, Tages-Anzeiger, July 14, 2004

Top of page