Das Verlobungsfest im Feenreiche
Magic farce by Johann Nestroy
Direction and Stage design: Ulrike Ottinger
Production: Steirischer Herbst, Graz 1999
Premiere: September 25th, 1999
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Karl Kraus
Nestroy und die Nachwelt
Zum 50. Todestage
Die Fackel 349/350, 1912
Wenn Kunst nicht das ist, was sie glauben und erlauben, sondern die
Wegweite ist zwischen einem Geschauten und einem Gedachten, von einem
Rinnsal zur Milchstraße die kürzeste Verbindung, so hat
es nie unter deutschem Himmel einen Läufer gegeben wie Nestroy.
Versteht sich, nie unter denen, die mit lachendem Gesicht zu melden
hatten, daß es im Leben häßlich eingerichtet sei.
Wir werden seiner Botschaft den Glauben nicht deshalb versagen, weil
sie ein Couplet war. Nicht einmal deshalb, weil er in der Geschwindigkeit
auch dem Hörer etwas zuliebe gesungen, weil er mit Verachtung
der Bedürfnisse des Publikums sie befriedigt hat, um ungehindert
empordenken zu können. Oder weil er sein Dynamit in Watte wickelte,
und seine Welt erst sprengte, nachdem er sie in der Überzeugung
befestigt hatte, daß sie die beste der Welten sei, und weil
er die Gemütlichkeit zuerst einseifte, wenn's ans Halsabschneiden
ging, und sonst nicht weiter inkommodieren wollte. Auch werden wir,
die nicht darauf aus sind, der Wahrheit die Ehre vor dem Geist zu
geben, von ihm nicht deshalb geringer denken, weil er oft mit der
Unbedenklichkeit des Originals, das Wichtigeres vorhat, sich das Stichwort
von Theaterwerkern bringen ließ. Er nahm die Schablone, die
als Schablone geboren war, um seinen Inhalt zu verstecken, der nicht
Schablone werden konnte.
Die Hochzeit von Nestroy und Kabuki
Ulrike Ottinger über die universale Sprache der Kultur,
das Lachen und was der Jodler mit Japan zu tun hat.
Ein Gespräch mit Mathias Grilj
Lachen Sie gern?
Sehr gern. Das geht doch schon daraus hervor, dass ich im steirischen
herbst einen Nestroy inszeniere.
In Österreich gehen wir eifersüchtig mit unserem Nestroy
um und wollen ihn nicht einmal deutschen Regisseuren überlassen.
Nun kommen Sie als Deutsche mit Japanern nach Graz und spielen ausgerechnet
ihn...
Das ist eine Anmaßung, ja, Sie haben recht. Ich hoffe, daß
die Österreicher so viel Humor haben wie Nestroy, und mir das
nachsehen.
Woher Ihre Liebe zum Osten?
Ich habe mich früh, als so etwas noch befremdlich war, mit fernöstlichen
Ästhetiken beschäftigt. Mit Tanz, Theater, Musik, Film.
Wo immer ich gereist bin und recherchiert habe, bei Leuten, die als
Nomaden leben, habe ich beispielsweise Tonaufnahmen gemacht. Ich finde
es höchst interessant, frühe Musikformen - mögen sie
ganz unabhängig voneinander in den entlegensten Gebieten entstanden
sein - einmal nebeneinander zu hören. Ein steirischer Jodler
hat mit der klassischen Gesangsart des japanischen Nô-Spiels
viel mehr zu tun als zum Beispiel mit der in Europa entstandenen Oper.
Wie kam es zum Nestroy-Projekt?
Das ist eine längere Geschichte der Entscheidungsfindung. Ich
suchte in Japan nach Schauspielern, mit denen ich Alt und Neu kombinieren
könnte, also klassische Darsteller und moderne, die aus dem Naturalismus
und Realismus kommen. Ich wollte diese Spielformen nebeneinander setzen
und dazu einen typischen österreichischen Text inszenieren. Ursprünglich
dachte ich an Herzmanowsky-Orlando, den ich sehr schätze mit
all seinen Verrücktheiten und Verstrickungen von Bürokratie
und Alltagswahnsinn, alles Themen, die mir gut gefallen. Aber dann
stieß ich eben auf diese Zauberposse von Johann Nestroy.
"Das Verlobungsfest im Feenreiche".
Das ist ein sehr frühes Stück von ihm, das noch einen Zauberrahmen
hat. Innerhalb dieses Rahmens wechseln wir vom Feenreich auf die Erde
und erfahren unentwegt Verwandlungen. Und dieser Gedanke des Verwandelns
und ständigen Verwechselns - zum Beispiel auch vom Totenreich
ins Reich der Lebenden-, der ist im klassischen japanischen Theater
etwas Selbstverständliches.
Nestroy wäre verblüfft über diese Verwandtschaft.
Es ist auch interessant, wie er selbst in der revolutionären
Zeit des Vormärz mit den Theatertraditionen umgegangen ist und
in diesem Stück mit einer Vielfalt von Elementen gearbeitet hat.
Nestroy beschreibt ja gesellschaftliche Brüche. Und ebensolche
gab und gibt es in Japan. Die Kollision all dieser Brüche soll
sich in der Aufführung manifestieren: Die Form des Zauberspiels,
die Nestroy für sein Stück gewählt hat, weist in Struktur
und inhaltlichen Facetten Ähnlichkeiten mit dem klassischen Kabuki-Theater
auf. Sie ermöglichen im Zusammenspiel traditioneller und moderner,
östlicher und westlicher Gesten, Sprachweisen und Musiken, Dialoge
der verschiedenen Kulturen.
Klingt kompliziert.
Und wird sehr vergnüglich. Etwas sehr Leichtes. Nicht ganz zwei
Stunden lang - mit Tanz, mit japanischer Musik ebenso wie mit Jodlern,
mit Schattenspiel und Schuhplattlern und ständigem Rollenwechsel.
Können Sie sich vorstellen, wie die Verbindung der streng vorgeschriebenen
Gesten des Kabuki mit der witzigen Nestroyschen Sprache auf der Bühne
wirkt? Wenn zum Beispiel Libgart Schwarz mit all ihrer Keckheit und
ihrer hohen professionellen Stilistik sämtliche Figuren mit deren
Stimme spricht, vom Flötenton der hohen Fee Regina bis zum Dialekt
des Schladriwuxerl.
Eine komödiantische Rolle...
... die sich Netsroy wahrscheinlich auf den Leib geschrieben hat.
Und andererseits ist da Herr Hanayagi, der Frauendarsteller, mit der
ungeheurer präzisen Gestik und Mimik. Der Frauendarsteller hat
übrigens mit unserem aktuellen Verständnis von Transvestiten
nichts zu tun. Es ist einfach ein Rollenfach, das man in Japan studiert.
Könnte man Sie nicht verdächtigen, mit exotischen Effekten
zu kokettieren?
Diese Sorge habe ich nicht. Ich würde nur im deutschen Sprachraum
kaum einen Schauspieler finden, der diese interessante Gestik hätte
für einen Nestroy-Text. Genau diese Tatsache, daß japanische
Schauspieler und Musiker an der Realisierung des Stücks mitgestalten,
schließt aus, dass sie zu exotischer Kulisse werden.
Aber es kommt doch zu einer Hochzeit zwischen Nestroy und Japan.
Durchaus, aber ich vermische das nicht. Vielmehr setze ich ein Mosaik
zusammen, wo man jedes Steinchen fünfmal in die Hand nehmen muß,
bis es hineinpaßt. Es ist eine hochkomplexe Arbeit, bis jedes
Steinchen im Bild das andere stützt.
Man macht es sich schwer, damit es leicht wird?
So ist es. Bei den Proben hätte ich Lust, auf die Bühne
zu springen und alles vorzuspielen, wie man es in der Regie normalerweise
macht. Ich muß mich aber zurücknehmen, weil die japanische
Theater-Gestik in mancher Hinsicht anders ist als bei uns. Die Unterschiedlichkeit
darf nicht verwaschen werden. Wir fragen einander ständig: Was
würdet Ihr in dieser Situation tun? Eine Geste, mit der hier
im Volksstück die Eifersucht dargestellt wird, die steht in Japan
schon für Hysterie. Wir müssen jedes Detail in Form bringen.
Und die Übersetzung, die Yoko Tawada macht...
...deren Theater beim herbst zu sehen war...
...ist nicht nur Transponierung aus einer Sprache in die andere. Sie
muß auch den spezifischen Rhythmus berücksichtigen, in
dem ein Kabuki-Schauspieler spricht. Das wiederum muß dem Rezitativ
von Libgart Schwarz entsprechen. Wir arbeiten uns sorgsam durch jedes
Wort, durch jede Bedeutung und jeden Rhythmus in beiden Sprachen durch.
In diesem Zwang zur Genauigkeit lernen wir viel voneinander.
Sie sind auch Fotografin, Sie sind berühmt geworden als Filmemacherin,
haben mehr als ein Dutzend Filme gedreht. Das Theater hat einen anderen
Blick als der Film.
Wenn ich Filme mache, muß ich für jeden Film die richtige
Form finden, sei es ein Spielfilm oder ein Dokumentarfilm. Im Theater
stellt sich dieselbe Aufgabe: Jedes Thema hat eine ganz bestimmte
Form, und sie zu finden betrachte ich als meine eigentliche künstlerische
Arbeit. Das ist ein sehr langer Prozeß. Dazu gehören Sprache,
Musik, Kostüme, Licht und Rhythmus. Dazu gehört der Umgang
mit der Zeit.
Zu Ihrer künstlerischen Arbeit gehört das Sammeln von
Material.
Ganz stark. Ich recherchiere viel. Ich muß mir Wissen aneignen,
aus dem sich wieder neue Fragen ergeben. Dadurch wird die Sache natürlich
oft schwerer und komplexer. Aber den kindlichen Gestus des genialischen
Künstlers habe ich nicht. Oder vielleicht nicht mehr.
Ihre Vorbereitungen für Nestroy?
Die sehe ich im Zusammenhang mit meinen Studien zur Ethnografie und
zu vergleichenden Religionswissenschaften. Es gibt - bei aller Verschiedenheit
- auch so etwas wie eine universale Sprache der Kulturen, auf allen
Kontinenten entdecken wir das. Japanische Kagura-Masken - Kagura ist
ein Fest, bei dem Religion und Theater vereint sind-, die korrespondieren
wunderbar mit alten Fastnachtsmasken im alpenländischen Raum.
Als ich gestern den Schauspielern meine umfangreiche Materialsammlung
gezeigt habe, die uns zum Informieren und Phantasieren hilft, war
ein Schauspieler sehr angetan vom Bild eines Grasmantels, den er als
typisch japanisch erkannt hat.
Gut, und?
Es war ein alter steirischer Grasmantel.
aus dem Programmheft
Stab / Besetzung
Direction and Stage design: Ulrike Ottinger
Costumes: Gisela Pestalozza
Cast:
Libgart Schwarz
Takeshi Miyajima
Tetsuro Nonami
Tsutomu Izawa
Masakatsu Hanayagi
Emiko Yoshimura
Yoshie Sakamoto
Takanojo Senda
Yukiko Goto
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