|
|
 |
Bilder in Szene gesetzt |
| Salzburger Nachrichten,
December 12, 2005 |
"Die Groteske lässt uns die Schwere des Alltags
bewältigen", sagt die Filmemacherin Ulrike
Ottinger. Ihr Werk ist nun in einem Buch dargestellt.
Pia Feichtenschlager Wien (SN). Das schwarzweiße
Foto zeigt zwei Inder in modernen Anzügen. Der
eine ist glatt rasiert, der andere ist bärtig und
hat einen Turban auf dem Kopf. Im Hintergrund sind die
typischen Amsterdamer Häuser entlang der alten
Wasserstraßen zu erkennen. Es ist das erste Foto
Ulrike Ottingers. Als 9-Jährige hat sie es im Jahr
1951 während einer Grachtenfahrt aufgenommen. Dieses
älteste Bild der deutschen Kunstfilmerin enthält
bereits Themen des späteren oeuvres: Reise, Nomadentum,
Aufeinandertreffen von Moderne und Tradition sowie Wechselspiel
von Selbstinszenierung und Blick der Fotografin.
Ottingers "offene" Fotografien, die als dialogische
Arbeit entstehen, sind im Mittelpunkt des Buches "Ulrike
Ottinger - Bildarchive". Darin werden erstmals
Werk und Künstlerin umfassend vorgestellt. Herausgeber
sind Kunsthalle Wien, Ursula-Blickle-Stiftung und Witte
de With. Am Samstag wurde es in der Videolounge der
Kunsthalle Wien vorgestellt.
Das Buch versammelt Fotografien ab 1970. Ein Großteil
davon ist während der Arbeit an ihren opulenten
Spielfilmen ("Madame X", "Bildnis einer
Trinkerin", "Freak Orlando") und Dokumentarfilmen
("China. Die Künste - Der Alltag", "Taiga")
entstanden.
Die Bilder seien nach den Themen gegliedert, "die
mich begleiten", erläutert die Künstlerin
im SN-Gespräch. Also: En Face (Gegenüber),
Landschaft, Theatrum Sacrum, Markt, Rahmen, Farbe, Essen,
Architektur und Alltag. Diese Gliederung wird aber aufgebrochen,
indem die letzten Bilder des jeweiligen Kapitels das
nachfolgende Thema einleiten. Dies ist ein Verweis darauf,
dass die Bilder des Lebens vielschichtig sind und sich
überschneiden; klare Strukturen sind kaum möglich.
"Auf eine chronologische Gliederung wurde ebenso
verzichtet wie auf die Trennung zwischen meiner Inszenierung
und den dokumentarischen Arbeiten, die ja immer auch
eine Form der Inszenierung darstellen", sagt Ottinger.
So sind stark aufgeladene Bilder der Schauspielerin
Tabea Blumenschein neben Reisebegegnungen in China,
der Mongolei oder Indien zu sehen.
Die 1942 in Konstanz, Baden-Württemberg, geborene
Künstlerin versteht sich in ihren dokumentarischen
Arbeiten weniger als Ethnologin. Vielmehr hat sie sich
dem "freien Umgang mit Realität" verschrieben.
"Die Dramaturgie der Stationen ist mit der Reise
identisch; in den Orten offenbart sich die Geschichte",
erläutert Ottinger. Ihre Untersuchungen von Gesellschaft
und Kunst - Theater, Performance oder Collagen - zeigen
den einfachen dokumentarischen Blick ebenso wie den
überhöhten, aufgeblähten Blick, aus dem
sich die Groteske speist. "Die Groteske lässt
uns die Schwere des Alltags bewältigen."
Ulrike Ottingers Fotografien und Filme sind bunt wie
das Leben und die Kunst die von Leben durchtränkt
ist. In der Ursula-Blickle-Videolounge der Wiener Kunsthalle
sind bis 31. Dezember drei ihrer Experimentalfilme zu
sehen: "Usinimage", "Das Exemplar"
und "Superbia. Der Stolz".
Ihr aktueller Film "12 Stühle" erlebte
am Sonntag im Filmcasino in Wien seine Österreich-Premiere.
Hier zieht Ottinger ein Stück russischer Literatur
aus den 20er Jahren von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow
wie einen Reißverschluss stückweise in die
heutige Ukraine.
|
PRESS RELEASE
Book Presentation
Ulrike Ottinger:
Image Archive. Photographs 1970-2005
December 1, 2005, 7 pm, Kino Arsenal 1
in attendence of Ulrike Ottinger
Introduction Prof. Dr. Gertrud Koch
|
Gemeinsam mit dem Filmmuseum Berlin feiern wir das
Erscheinen von Ulrike Ottinger: Bildarchive. Fotografien
1970-2005, dem ersten umfassenden Künstler- und
Werkbuch von Ulrike Ottinger und begrüßen
dazu die Künstlerin im Kino Arsenal. Wir freuen
uns, dass Gertrud Koch, eine der Autorinnen, eine
Einführung hält.
Als Kino der Stationen betitelten wir
2001 eine Hommage an Ulrike Ottinger, deren filmisches
Werk wir im Arsenal und im Forum seit vielen Jahren
begleiten: In seiner Eigenschaft als ein Medium,
das aus Einzelbildern und Sequenzen besteht, aus der
Spannung zwischen Stillstand im Bild und der Bewegung
der Bilder, entspricht der Film einer der ältesten
Dramaturgien, der der Stationen. So zu lesen
in Ulrike Ottingers Text Stationen Kino
Kleine Geschichte des Erzählens in freien Bildern.
Diese Geschichte ist nun in ihrem Buch zusammengefasst.
Ulrike Ottinger: Bildarchive. Fotografien 1970-2005
verfolgt das fotografische OEuvre der Künstlerin
über einen Zeitraum von 35 Jahren, von 1970 bis
heute. Das Buch veranschaulicht eine Auswahl des umfangreichen
Bilderarchivs oder des Bilderfundus der Künstlerin,
Fotografien, die teils während der Arbeit an
den Filmen, als Recherche zu den Filmen, aber vor
allem auch als eigenständiges und ausdrucksstarkes
Werk entstanden sind, das lange Zeit ein wenig im
Schatten der Filme stand. Während manche ihrer
Filme oft langsame, geradezu andachtsvolle Bilder
sind, die an Tableaux Vivants erinnern, scheinen ihre
Fotos dynamisch, wie angehaltene Bewegungen, und inkorporieren
monadenhaft Geschichten, die vor unseren Augen zu
leben beginnen. (Gerald Matt)
Was liegt näher, als ein solches Werk in all
seinen Dimensionen zu präsentieren? So ist für
2006 eine umfangreiche Fotoausstellung im Filmmuseum
geplant, ergänzt durch Kostüme aus der Sammlung
des Hauses und korrespondierend mit Filmvorführungen
im Arsenal. Sind die Fotos die Stationen der Entstehung
des filmischen Werkes oder können die Filme dazu
beitragen, beim Gang durch die Ausstellung an einzelnen
Orten in der Mongolei, der Ukraine oder im West-Berlin
der 80er Jahre innezuhalten? Ist das Dokumentarische
im Theatralischen oder das Bühnenhafte in den
Landschaften zu finden? In ihren Filmen und Fotografien
tauchen unbekannte Gesichter aus den Peripherien unseres
geografischen und gesellschaftlichen Horizonts auf,
aber auch literarische und historische Persönlichkeiten
wie Dorian Gray und Johanna von Orleans sowie exzentrische
Freaks ihre Kostüme verleihen ihnen die
Überhöhung, die sie brauchen, um aus der
Gleichförmigkeit aufzublitzen.
Die Buchpräsentation, begleitet von Ausschnitten
aus CHINA. DIE KÜNSTE - DER ALLTAG (1985), soll
einen ersten Lichtstrahl auf eine in Planung befindliche
Gesamtschau werfen.
Ulrike Ottinger: Bildarchive. Fotografien 1970-2005
wurde gemeinsam von der Ursula Blickle-Stiftung, dem
Witte de With und der Kunsthalle Wien koproduziert,
es erscheint anlässlich der Ausstellung En
Face in der Ursula Blickle-Stiftung im Kraichtal
(13.11.-18.12.05) und wurde bereits von Ulrike Ottinger
und Catherine David anlässlich der Ausstellung
Bild Archive (2004) im Witte de With,
Center for Contemporary Art, in Rotterdam konzipiert.
|
|
Further Informations:
Christine Sievers | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
030 269 55 143 oder cs@fdk-berlin.de
Kino Arsenal 1 & 2
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin
www.fdk-berlin.de
|
|
 |
|
 |