Ulrike Ottinger Start Contact Printversion German Version
En Face
Ursula Blickle Foundation
Traumwandelnde Schamanin
Ursula Blickle Stiftung stellt das Werk von Ulrike Ottinger vor

Zauberfee bunt schillernder Absurditäten, Hohepriesterin wild züngelnder Fantasien, Domina epochenübergreifender Ungeheuerlichkeiten, über Abgründen traumwandelnde Schamanin und bei alledem - eine Bildpoetin von hohen Graden: Das alles könnte man über Ulrike Ottinger sagen, die vielleicht am ehesten als Regisseurin bekannt ist und deren Arbeit doch mehr umfasst als die Produktion von Filmen. In den 60er Jahren hat sie in Paris als freie Künstlerin gearbeitet, hat bei dem Schule bildenden Ethnologen Claude Levi-Strauss, dem Philosophen Louis Althusser und dem Soziologen Pierre Bourdieu studiert. Sie schloss Freundschaft mit Menschen wie Walter Mehring, dem Schriftsteller, oder Claire Goll, der Dichterin, die in einem ihrer lyrischen Texte schrieb: "Wie viele Passanten und Blumen / Kommen vor das Objektiv deiner Augen / Sammler ultravioletter Blicke!"
Die Zeilen passen zu Werk und Arbeitsweise von Ulrike Ottinger. Die Ursula Blickle Stiftung in Kraichtal-Unteröwisheim widmet der Künstlerin derzeit eine Ausstellung, die allein schon deshalb den Besuch lohnt, weil Ottinger zwar auf der documenta X (1997) und der documenta 11 (2002) vertreten war, ansonsten aber in Deutschland eher punktuelle Würdigung erfuhr. Hier wird eine Lücke geschlossen. Doch auch sonst ist die Präsentation ebenfalls sehenswert. Denn sie bietet einen facettenreichen Überblick über einen Fundus an Bildern, Szenen und Ideen, der durch seine großzügige spielerische Freiheit ebenso überzeugt, wie durch die Gründlichkeit und Präzision, mit der Ottinger zur Sache geht.
Ihrem Film "Madame X - Eine absolute Herrscherin" (1977) hat sie ein Motto von Oscar Wilde vorangestellt: "Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare." Ihm ist Ottinger an den üppigen Tafeln der Genüsslichkeit und über die sattgrünen Weiden Zentralasiens hinweg gefolgt. Und wenn sie 1999 für den Steirischen Herbst in Graz "Die Hochzeit von Netsroy und Kabuki" feierte, also spezifisch österreichisches und spezifisch japanisches Volkstheater gleichsam miteinander verheiratete, dann zeigt sich in dieser transkulturellen Verknüpfung einiges von ihrer Arbeitsmethode - alles zwischen Hoch und Niedrig, Schrill und Ernsthaft, Banal und Heilig aufzugreifen, zu notieren und poetisch aufzuladen.
Immer wieder begegnet man in Kraichtal Bildern der sinnlich-exzessiven Darstellerin Tabea Blumenschein, die oft mit Ulrike Ottinger, aber auch mit Herbert Achternbusch oder der Gruppe "Die tödliche Doris" zusammengearbeitet hat. Man begenet Kino-Altstar Eddie Constantine, sieht Veruschka von Lehndorff in Ottingers Streifen "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse", trifft auf Bilder aus Mexiko und der Mongolei, wird manchmal an Federico Fellini erinnert. Man entdeckt, dass Ottinger in manchem den visuellen Ultraorgiastiker Matthew Barney vorwegnimmt und ist Bild um Bild erstaunt, wie tief sie in Oberflächen eindringt. So weit, dass es nicht selten unter die Haut geht.
Michael Hübl, Badische Neueste Nachrichten, December 5, 2005




En face - das Portrait in den Filmen und Fotografien von Ulrike Ottinger



[…] Unter dem Titel "En face - Das Portrait in den Filmen und Fotografien von Ulrike Ottinger" wurden vor allem zahlreiche mitunter äußerst faszinierende Fotografien versammelt, die in ihrer Perfektion weit jenseits eines während der Filmdreharbeiten gemachten Schnappschusses liegen. Immerhin hat sich die am Bodensee geborene - und heute in Berlin lebende - Künstlerin zwar vor allem mit ihren Filmen einen Namen gemacht.

Dessen ungeachtet zeugen jedoch auch ihre Fotoarbeiten von dem hohen ästhetischen Anspruch, den sie an ihr eigenes Schaffen legt. Mit einem Wort: Abbildungen aus Filmen wie "Bildnis einer Trinkerin" oder "Freak Orlando" sind mehr als sterile "Outtakes" - es sind eigene Fenster in eine abstrakte Welt gesellschaftlicher, geographischer oder historischer Randzonen. Denn dies vor allem fasziniert Ulrike Ottinger, seitdem sie im Paris der sechziger Jahre ihre Karriere als freischaffende Künstlerin begann. So interessieren sich ihre assoziierenden Streifzügen nur zu gerne für die Erforschung der Peripherien von Städten, Ländern und Gesellschaften. Vor diesem Hintergrund entfalten sich Glanz und Elend der Menschen, Realitäten und Scheinwelten, Oberflächen und Tiefen. Dass Ottingers Ästhetik hier einen skurrilen Hang zum Theatralischen und zur pervertierenden Überhöhung banaler existentieller Wirklichkeiten hat, kann unkundige Betrachter zwar im ersten Moment verwirren. Sobald jedoch die Botschaft hinzter dem Gezeigten klar wird, erschließt sich der Sinn auf verblüffende Weise.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Film "Superbia - Der Stolz", dessen absurd erscheinende Überzeichnung der ersten der sieben Todsünden eine wunderbare Persiflage auf die eingeschnittenen Realszenen aberwitziger Militärparaden darstellt, die - zumeist in sogenannten Bananenrepubliken - vor den Potentaten und Diktatoren vorbeidefilieren. Ganz ausgezeichnet wird hier die Absurdität der Realität vorgeführt - ein faszinierendes Schauspiel, das die Besucher der Ausstellungseröffnung ebenso zu begeistern wusste wie die diversen Portraits, die sie - Ulrike Ottinger ist vor allem auch eine leidenschaftliche Sammlerin des Augenblicks - auf ihren Flanierzügen durch die Welt fotografiert hat. "En Face" ist noch bis zum 18. Dezember in der Ursula Blickle Stiftung zu sehen. Das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Heiko P. Wacker, Willi - Bruchsaler Stadtmagazin 12/2005

Exhibition:

November 13 - December 8, 2005

Traumwandelnde Schamanin
Badische Neueste Nachrichten, 5.12.2005

En face
Bruchsaler Stadtmagazin 12/2005





Ursula Blickle Foundation