Ulrike Ottinger
TAIGA
Eine Reise ins nördliche Land der Mongolen
NISHEN Verlag, Berlin, 1992
Erika Taube
Nachwort
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Zwei Frauen begegnen sich in der Einsamkeit des
Gebirgswaldes im Norden der Mongolei. Für einen Augenblick sind
beide zutiefst erschrocken. Die eine muß der anderen wie ein
Wesen aus einer jenseitigen Welt erscheinen - hier gibt es noch solche
andere Welten. Aber dann lacht diese eine der anderen einfach zu,
und wenig später sitzen die beiden beieinander auf dem Waldboden,
tauschen ihre Schnupftabakdosen aus - das gehört hier zum Begrüßungszeremoniell
seit langer Zeit - und nennen sich ihre Namen. "Meen adym Dolma",
sagt jene, die auf dem Rentier gekommen war. "Minij ner Ulrike
Ottinger", sagt die, die so anders aussieht als die Menschen
hierzulande.
Ein glücklicher Name für das Vorhaben der Deutschen, denn
"Ottinger" wird von den Tuwinern als "ot tengger"
verstanden, und das bedeutet "Feuergottheit" - ein bei ihnen
höchstverehrtes Wesen. Die mongolisierten Darchad verstehen diesen
nun als "Sternenhimmel". Wer einen solchen Namen trägt,
ist nicht zu fürchten. So hat dieser Name ihr wohl oft den Zugang
zu den Menschen hier erleichtert. Aber ich denke mir, noch mehr war
es ihr freundliches Lachen, das Ulrike Ottinger diesen Zugang erschloß
und sie manches erleben und sogar filmen ließ, was zum Eigensten
dieser Menschen gehört. Wo die Sinne noch nicht abgestumpft sind,
spürt man genau, was einer für ein Mensch ist, und kann
fein unterscheiden zwischen Aufrichtigkeit und Oberflächlichkeit
- die Sprache ist dabei gar nicht so wichtig. Die Darchad und Sojon-Uriangchaj
hatten es nicht mit einer Oberflächlichen zu tun - zu ihrem und
unserem Glück.
"Taiga" heißt in der Sprache der Tuwiner "Gebirgswald"
oder "Waldgebirge", und so führt dieses Buch denn auch
in den nördlichsten Landstrich der Mongolei, wo die Steppenregion
ausläuft und die Taigaregion beginnt. Es handelt vor allem von
den heute mongolischsprachigen Darchad und den turksprachigen Tuwinern
aus dem Stamm der Sojon-Uriangchaj. Letztere werden heute im allgemeinen
als Tsaatan bezeichnet, und das heißt "Leute, die Rentiere
haben" oder einfach "Rentier-Leute", so wie ihre mongolischen
Nachbarn sie nennen - eine Gepflogenheit, die aufgegeben werden sollte.
Völker und ethnische Einheiten muß man bei dem Namen nennen,
den sie selbst für sich gebrauchen (in der Sowjetunion wurde
dieses Prinzip einst durchgesetzt), und nicht so, wie es dem Fremden,
der nicht selten der über sie Herrschende war, mundgerechter
ist, oder wie es besser zu politischem Kalkül paßt - z.B.
um der Verschleierung wahrer ethnischer Identitäten zu dienen.
Wenn man die Tuwiner (Dyva) in der Mongolei tatsächlich "Dyva"
genannt hätte, dann hätten sie, wie die Kasachen, Anspruch
auf Unterricht in der Muttersprache für ihre Kinder gehabt. In
der Westmongolei, wo ich Feldforschungen bei den dort im Altai lebenden
Tuwinern trieb, ist dieses Grundrecht erst seit 1989 verwirklicht,
und wenn ich in der Hauptstadt Ulaanbaatar von ihnen als von den Dyva
sprach, wurde ich bis vor wenigen Jahren immer korrigiert. Tatsächlich
tauchte der Name Tsaatan zum ersten Mal 1935 in der "Ünen",
der Parteizeitung des Landes, auf. Das spricht dafür, daß
es politische Gründe gab für die bewußte offizielle
Sprachregelung durch Ignorierung der Eigenbezeichnung Sojon-Uriangchaj
oder - die größere Zugehörigkeit ausdrückend
- Dyva. Die Betroffenen haben die Fremdbenennung immer als diskriminierend
empfunden. Unter meinen Aufzeichnungen habe ich die Äußerung
einer Frau von den Sojon-Uriangchaj gegenüber dem mongolischen
Journalisten Tsch. Baatar, die in diesem Zusammenhang aufschlußreich
ist. Sie sagte: "Warum nennen uns die Mongolen immer Tsaatan,
Rentier-Leute? Die Menschen in der Gobi nennt man doch auch nicht
Temeeten, Kamel- Leute! Wir halten Rentiere, aber wir sind Tuwiner."
Beide - die Darchad und die Sojon-Uriangchaj - sind bisher nur wenig
erforscht. Nachdem nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts der russische
Forschungsreisende G. N. Potanin unter anderem auch Material über
die Darchad publiziert hatte, sammelte in den zwanziger Jahren der
burjatische Gelehrte G. D. Sandshejev Material zu ihrer Sprache und
Folklore, das er 1931 in Leningrad herausgab. 1978 veröffentlichte
die Moskauer Mongolistin K. N. Jatskovskaja "100 Lieder des Darchad
G. Davaadshij". Es ist wohl derselbe Dawaadshij, dem auch Ulrike
Ottinger mit ihrer Mannschaft begegnete. Er ist einer von den drei
Darchad-Sängern, und sie beschreibt ihn als ehrwürdigen
Alten, aus dessen Liedersammlung sie ein paar Proben darbietet. Dem
mongolischen Ethnographen S. Badamchatan verdanken wir schließlich
eine erste zusammenfassende Studie über "Die Nationalität
der Darchad von Chövsgöl" sowie einige Einzeluntersuchungen,
zum Beispiel über das Zeremoniell zur Belebung der Schamanentrommel,
deren französische Übersetzung in den in Paris erscheinenden
"Etudes mongoles" (Cahier 17, 1986) zu finden ist. Dort
wurde auch - vom gleichen Autor - die Übersetzung der ersten
ethnographischen Studie zu den Sojon-Uriangchaj veröffentlicht
(Cahier 18, 1987) über "Die Lebensweise des Tsaatan-Volkes
von Chövsgöl", die bereits 1962 in Ulaanbaatar erschienen
war. Bekannt sind mir schließlich noch zwei Aufsätze mongolischer
Linguisten zur Sprache der Sojon-Uriangchaj.
Die Darchad, ursprünglich turksprachig wie die Sojon-Uriangchaj
heute noch, waren schon zu Potanins Zeit sprachlich mongolisiert.
Allerdings gebrauchten - nach Potanins Auskunft - ihre Schamanen damals
noch während des Schamanierens die einstige Muttersprache, einen
tuwinischen Dialekt. Dieses Phänomen, das Potanin auch für
die ebenfalls mongolisierten Uriangchaj der Westmongolei beschrieb,
wurde mir hundert Jahre später noch immer von diesen berichtet.
Diese Bemerkungen zeigen, wie sehr es zu begrüßen ist,
daß gerade Ulrike Ottinger, die bereits mit ihrem Film "Johanna
d'Arc of Mongolia" ihr feines Gespür für diese ferne
nomadische Welt bewiesen hat, einen breiteren Leserkreis mit den Darchad
und Sojon-Uriangchaj bekannt macht. Eigentlich hatte sie eine Arbeit
mit den Rentiere haltenden Ewenken im Norden Chinas geplant, die nicht
durchführbar war, was angesichts des vorliegenden Buches durchaus
nicht zu bedauern ist. Denn auch mit der Taiga-Region um den Chövsgöl-See
und ihren Bewohnern hatte sie sich schon lange vertraut gemacht, so
daß die nötige Änderung ihres Vorhabens sie nicht
unvorbereitet traf. Das Buch bezeugt es.
Als ich das Manuskript bekommen hatte, las ich es in einem Zug. Nie
hatte ich den Eindruck, es sei auch nur das geringste zugefügt,
um die Beschwernisse einer solchen Reise, einer solchen Unternehmung
zu betonen oder um irgendwelcher anderen Effekte willen. Manchmal
sah ich alles sehr deutlich vor mir, erinnerte mich an die gleiche
Art von Überwältigtsein angesichts solcher Landschaften,
wie es Ulrike Ottinger etwa von einem frühen Morgen beschreibt.
Und einmal, als sie vom Tingis-Fluß erzählt, roch ich plötzlich
diese Art Feuer im Freien, und die Atmosphäre einer solchen Situation
war ganz gegenwärtig.
Aber auch an vielen Details ist die Genauigkeit der Beobachtung zu
erkennen. Wenn etwa die Schamanin darauf achtet, daß der Ärmel
des Schamanengewands nach der Séance zugebunden wird, so geschieht
das, weil durch den Ärmel böse Kräfte eindringen und
später Schaden zufügen können. Bei den fast anderthalb
Tausend Kilometer entfernt im Altai lebenden Tuwinern heißt
es daher: "Das Unheil ist schon im Ärmel", wenn alles
so aussieht, als nähme ein Unglück seinen Lauf. Immer wieder
wird der Leser und Betrachter mit den noch ganz lebendigen alten Glaubensvorstellungen
konfrontiert - es muß gar nicht das faszinierende Phänomen
des Schamanentums sein. Dennoch - die Wiedergabe der Begegnung mit
Schamaninnen und ihrem Wirken ist besonders eindrucksvoll. Ich glaube,
gerade wenn man die eigene Sphäre des Anderen respektiert, wenn
man dafür auch bereit ist, auf bestimmte Informationen und Aufnahmen
zu verzichten - was manchmal nicht leicht sein mag, aber doch unabdingbar
ist - gerade dann kann es geschehen, daß man mehr sehen und
dokumentieren darf als der Rücksichtslose, der vielleicht gar
nicht das Wesentliche erfahren will, sondern vor allem auf die vermarktbare
Exotik aus ist. Bei einer Schamanen-Séance dabeisein und filmen
zu dürfen, ist eine seltene Auszeichnung!
Obwohl die eingestreuten Texte aus der mündlichen Überlieferung
mit Hilfe von Mittlern über das Mongolische ihre deutsche Form
erhielten, scheint es mir, dass sie nichts an Substanz verloren haben.
Man merkt, dass intensiv mit den Informanten und Dolmetschern gearbeitet
wurde. Daß bei den Schamanentexten - für unser Denken -
nicht alles verständlich ist, kann gar nicht anders sein. Bei
den Liedern sind die parallele Struktur und die Gegenüberstellung
von Bildern aus Natur und Menschenleben, beides charakteristisch für
die Dichtung der Völker jenes Kulturkreises, gut erhalten. Und
wenn uns in Frau Sürenchors "Erzählung vom nackten
Jungen im Erdloch" der Gestiefelte Kater in Gestalt eines Fuchses
begegnet, so muß nicht an der Authentizität gezweifelt
und mit neueren Einflüssen gerechnet werden. In ganz ähnlicher
Gestalt ist dieses Märchen in Zentralasien weit verbreitet und
vielleicht sogar dort beheimatet. Es ist schön, daß Ulrike
Ottingers Buch reichlich Gelegenheit bietet, die Darchad und die Sojon-Uriangchaj
selbst durch ihre Erzählungen und ihre mündlich überlieferte
Literatur zu hören.
Es versteht sich, daß in der kurzen Zeit von zwei Monaten -
selbst mit den heute gegebenen Mitteln - einer allein das nicht zustandebringen
kann, was als Ergebnis vorliegt - es ist ja nicht nur dieses schöne
Buch. Man kann Ulrike Ottinger nur zu ihrer Mannschaft beglückwünschen
und diese in den Dank für Buch und Film einbeziehen.
Der Wert des Buches ist zweifacher Art. Erstens vermittelt es Kenntnisse
über zwei kleine Völkerschaften der Mongolei, mit denen
sich die Wissenschaft noch zu wenig befaßt hat - davon war schon
die Rede. So haben Bilder und verbale Informationen selbst für
die Wissenschaft unmittelbaren Nutzen (und hier muß auch auf
den Film, der zugleich entstanden ist, verwiesen werden), aber auch
der an fremden Kulturen interessierte Leser kommt mehr als manches
andere Mal zu seinem Recht. Und zweitens vermittelt das Buch diese
Kenntnisse authentisch und auf einfühlsame Art. So erfahren wir
mehr als nur Wissenswertes über Menschen, die auf ihre Weise
- sorgsamer als wir - auf dieser Erde mit uns leben. Und es tut das
behutsam, mit Achtung vor dem Anderen und seiner Würde. Ich halte
das für einen wesentlichen Vorzug dieses Buches. Ich habe Ulrike
Ottinger nur einmal gesehen. Das genügte, um zu wissen, daß
die Widmung am Anfang ihres Buches keine Geste ist, sondern ihr aus
dem Herzen kommt. Sie zeigte mir die Fotos, und angesichts mancher
Porträts fühlte ich: hier ging es nicht um Personen, mit
denen sie einmal bei ihrer Arbeit zu tun hatte, sondern um Menschen,
die ihr viel mehr bedeuten. Auch davon sagt das Buch "Taiga".
Es ist zu wünschen, daß ihre Hoffnungen in die "Neue
Zeit", von denen wir auf der ersten Seite lesen, diese liebenswerten
Menschen nicht enttäuschen!
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| © Ulrike Ottinger |
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