Ulrike Ottinger
TAIGA
Eine Reise ins nördliche Land der Mongolen
NISHEN Verlag, Berlin, 1992
Ulrike Ottinger
Einführung
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Das weite, von hohen Schneebergen völlig
eingeschlossene Darchad-Tal ist nur über zwei schwer zu begehende
Pässe erreichbar. Sie werden Wächter des Tals genannt. Auf
ihrem höchsten Punkt stehen mächtige Owoos, Steinsetzungen,
an denen Pferdehaar, Milch und Taiga-Weihrauch geopfert werden. Im
Tal leben die Darchad-Nomaden mit ihren Yaks, Pferden, Kamelen, Schafen
und Ziegen, genannt die Fünf Edlen Mongolischen Tiere, und in
den Bergen die Sojon-Uriangchaj mit ihren Rentieren.
Das Buch beschreibt nicht allein eine Reise zu den beiden Völkern,
sondern mit ihrer Hilfe auch eine Reise zu ihrer eigenen Geschichte,
die sie uns in aufregenden Selbstinszenierungen erzählen. Sie
sagen uns, schaut her, so sind wir, und meinen: so wollen wir von
Euch gesehen werden. Manchmal kommt auch eine direkte Aufforderung:
"Wollt Ihr davon kein Bild machen?" Die Polaroid-Kamera
ist sehr beliebt, da sie Familienfotos für den Ehrenplatz in
der Jurte liefert. Sie nennen sie "Apparat, der Bilder scheißt".
Die Reise führt auch in die vexierbildartige Landschaft der Taiga,
die mit ihren kristallklaren Luft- und Wasserspiegelungen in unzähligen
Blau- und Grün-Abstufungen verwirrt. Überall treffen wir
auf animistische Opferstätten mit Stoffetzen und Heilige Bäume
mit Pferdeschädeln.
Die Schamanen sind hier noch mächtig und begleiten ihre Schutzbefohlenen
nicht nur bei Krankheit oder ins Herbst-, Winter- und Sommerlager,
sondern auch ins moderne Leben. Der Abschied von Taiga und Tal oder
der Umzug in die Stadt wird fast immer mit einer schamanistischen
Séance und der "Frage nach dem Weg" eingeleitet.
Meine Neugierde und die Kamera animieren die Nomaden, ihre eigene
Geschichte zu erzählen: wie es früher war, was verloren
gegangen oder vergessen ist, was sich verändert hat. Die Bilder
ergänzen oder kontrastieren das Gesagte. Ein Nachdenken über
die eigene Geschichte wird so festgehalten.
Die Reise beginnt in der Wildnis bei den Nomaden und endet in den
Blockhütten-Siedlungen, den alten Handelsstationen im mongolisch-russischen
Warenverkehr, die in den letzten Jahren ihre Bedeutung verloren haben.
Hier gilt das Alte nicht mehr und das Neue existiert in Wortformen
wie "Neue Marktwirtschaft, Neue Freiheit, Neue Zeit". Sie
sind angefüllt mit Wünschen und Träumen, die sie weit
abrücken von der Banalität unserer mit diesen Worten verbundenen
Vorstellungen. Sie bekommen eine mythische Qualität, und sie
werden wie schützende Beschwörungsformeln gläubig wiederholt.
In Ulaanbaatar singt ein Hirte, der als "junges Talent"
aus dem Grasland in die Stadt des "Roten Helden" kam, zur
Pferdegeige Legenden aus alter Zeit. Im Freizeitpark steigen Kinder
von den Hirschen des Karussells, um dem Epensänger in der Zementjurte
zu lauschen.
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| © Ulrike Ottinger |
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