Ulrike Ottinger
TAIGA
Eine Reise ins nördliche Land der Mongolen
NISHEN Verlag, Berlin, 1992
Walther Heissig
Vorwort
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Fast scheint es eine Angelegenheit von Frauen
geworden zu sein, bis in entlegendste Landschaften der Mongolei vorzudringen
und die Lebensgewohnheiten der dort lebenden kleinen turksprachigen
Bevölkerungsgruppe der Tuwiner kennenzulernen und durch Aufzeichnungen
zu dokumentieren. Diese Ethnie lebt vor allem in der äußersten
Nordwestecke der Mongolei im Altai, zusammen mit Kasachen und westmongolischen
Gruppen und zu einem kleineren Teil im Norden der Mongolei zwischen
dem Chövsgöl-See und der Grenze zur Republik Tuwa.
Schon in den sechziger Jahren hat im Altai Erika Taube von der Universität
Leipzig gearbeitet und ihre Forschungen in zahlreichen Aufsätzen
niedergelegt. Eine Sammlung tuwinischer Volksmärchen, zumeist
von ihr selbst gesammelt und übersetzt, und eine Ausgabe tuwinischer
Lieder krönten bisher diese in den Jahren der einstigen DDR unter
großen Schwierigkeiten durchgeführten Arbeiten.
Und nun ist Ulrike Ottinger, als Filmemacherin wohlerfahren und mit
einer großen Neigung zur Ethnographie, zu anderen Gruppen, den
Darchad und den Sojon-Uriangchaj, in der Provinz Chövsgöl
gefahren, um zu filmen und aufzuzeichnen, was noch an alten Lebensformen
der dortigen Nomaden lebendig ist, ehe diese vom Strom unserer schnellebigen
Zivilisation verändert und weggefegt werden. Ein achtstündiger
Bericht über diese Tuwiner ist das filmische Ergebnis ihrer Reise.
Hier liegt nun auch ihr Tagebuch über die Begegnung mit diesen
Nomaden vor. Lebendig, ohne Beschönigung und sehr sachlich geschrieben,
zeichnet es alle die Höhen und Tiefpunkte auf, denen sich Ulrike
Ottinger in ihrer Arbeit auf dieser Reise gegenübergestellt sah.
Sie konnte Lieder und. Erzählungen aufzeichnen, die ihren Bericht
bereichern, und ist tief in das Wesen der Menschen eingedrungen.
Ihre Begegnungen mit den Schamanen aber sind wohl die bedeutsamsten
Ergebnisse dieser Reise. Neben dem Film liegen darüber nun die
Schilderungen von Ulrike Ottinger vor sowie die zugehörigen Texte,
deren Übersetzungen in enger Zusammenarbeit mit ihren mongolischen
Begleitern und den beiden Schamaninnen erarbeitet wurden. Es hat über
diese wohl älteste Religion der Menschheit Aufzeichnungen und
Untersuchungen vor allem russischer und mongolischer Gelehrter gegeben,
darunter auch solche von den Tuwinern. Aber hier wird die ganze Opferhandlung,
die im Bild festgehalten ist, auch noch in einem natürlichen,
ungekünstelten Bericht zugänglich, denn der Verfasserin
dieses Buches ist es gelungen, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen.
Das ist nicht selbstverständlich, hatten es die Schamanen in
der Mongolei doch seit Jahrhunderten nicht leicht gehabt. Sie wurden
angefeindet, von lamaistischen Missionaren und politischen Eiferern
durch Jahrzehnte verfolgt, ihre hölzernen Idole wurden eingesammelt
und verbrannt, mit brennendem Hundekot ausgeräuchert und auch
die Schamanen selbst wurden manchmal Opfer der Flammen. Trotzdem hat
diese Glaubens- und Lebensform bis heute überdauert, und Ulrike
Ottinger hat Zugang zu den Schamanen gefunden. Dies beweisen das Buch
und ihre Bilder.
Man hat mich, weil ich seit langem mit dem Schamanismus in der viele
Tausend Kilometer von den Tuwinern entfernten östlichen Mongolei
befaßt bin, gebeten, ein Vorwort zu schreiben. Es muß
nicht länger sein: Das vorliegende Buch und seine Bilder sprechen
für sich selbst.
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Zürich |
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