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ENDE - das Licht im Saal geht an. Der Eindruck des letzten Bildes
bleibt: dieses Abrutschen des Bettlers nach seiner völlig unerwarteten
Einladung in die Kutsche der "Neureichen", in der für
den letzten "Aufsteiger" kein Platz mehr ist (Jannings
als frischgebackener Millionär mit seinem Freund, dem Nachtwächter,
mit Zylinder und Paletot). Kann es ein besseres Bild für die
Analyse der Verhältnisse geben? Berlin war auch damals auf
Sand gebaut und Murnau wusste es.
Fritz schaut mich durch seine dicken Brillengläser an, denen
die darauf applizierten kleinen Lupen etwas suggestiv Expressionistisches
geben. "Na, hab ich's Dir nicht gesagt? Der beste Film aller
Zeiten, der ganzen Welt!"
"Fritz, Fritz!"
"Lotte, bist Du's?"
Lachen. "Natürlich bin ich's."
"Ach so. Du bist im Kino zu Hause, natürlich!"
"Ich hätte Dich fast nicht erkannt. Du siehst so... Na,
mit dieser Brille! Hast Du damit etwa...?"
"Ja, ich habe den ganzen Film gesehen." Lacht.
"Ganz? Oder nur teilweise, und wie...? Etwa so, wie mich....;
zur Unkenntlichkeit entstellt!?"
"Ich sehe damit alles."
"Ja, das stimmt!", verteidige ich Fritz, "Auf unseren
Antiquariatstouren hat er die deutschen Erstausgaben, auch wenn
sie in den dunkelsten Ecken stehen, schon in der Hand, während
ich noch die Buchrücken entziffere."
"Kein Wunder, er kennt sie eben..."
"Lotte, darf ich Dir Ulrike, meinen neuen Schützling aus
meiner alten Heimat, une future grande artiste, vorstellen!?"
Der ironische Blick von Lotte verwirrt mich...
"Übrigens, sie ist aus der Weinberg-Familie, ein Dr. Weinberg
aus Köln hat mir damals das Leben gerettet, als ich noch Soldatenrat
in Strassbourg war ..."
Lotte, unbeeindruckt: "Nehmen Sie sich in Acht vor Fritz, auch
wenn er seine Pfannenkuchen im Salto bis zur Zimmerdecke wirft,
um Sie zu beeindrucken!" Lacht. "Ja, Fritz und die jungen
deutschen Frauen..."
"Aber, ausgerechnet Du, Lotte! Da könnte ich ebenso gut
sagen, was ich jetzt tatsächlich sage: Lotte und die jungen
deutschen Männer...."
Von den zehn Zuschauern im Saal der Çinématèque
Francaise waren inzwischen acht näher gekommen, alle kannten
sich und hatten zugehört: Claire, Walther, Ruth, Leo, Carl
begrüssten und verabschiedeten sich: "Also dann... à
bientot! Donnerstag im Flore. Comme toujours! Entendu! "
"Ein großartiges Meisterwerk! Un Chef d'Oeuvre!"
Mary Mercon begrüßt Lotte Eisner und Fritz Picard und
will wissen, wer ich bin. "Sie müssen vorbei schauen und
mir alles erzählen!" Als ich sie etwa fünfzehn Jahre
später nach meinen ersten beiden Filmen besser kennenlerne,
schiebt sie einen großen Stoß von Schwarzweiss-Abzügen,
die ich ihr stolz gezeigt und die sie sehr lange betrachtet hatte,
mit blitzschneller Geste in eine Schublade, die sie durch Vorschnellen
ihres ehrfurchtgebietenden Bauches unwiderruflich verschließt.
Es war dies nur einer der legendären Tricks, mit denen die
Çinématèque Francaise zu ihrer beispiellosen
Sammlung kam.
1961 war meine Mutter nach Paris gefahren und hatte mich den deutschen
Patriarchen Fritz Picard und Johnny Friedlaender anvertraut. Beide
waren jüdische Emigranten, die sie von früher kannte.
Johnny Friedlaender führte das Atelier Friedlaender, in dem
ich Gravüre lernte. Das Atelier war in einer ehemaligen Manufakturhalle
untergebracht und sehr geräumig. Die alten Pressen mit ihren
grossen Schwungrädern erinnerten mich an die Man Ray Fotos
von Meret Oppenheim. Daneben standen die langen Ateliertische. Am
ersten saß der Meister, links von ihm eine italienische Schönheit
von raphaelischem Ebenmaß, zu seiner Rechten eine blonde,
scharfzüngige Französin - Typ Garçonne - : Madame
Pompadour, aufgeteilt in zwei. Dem Empereur gegenüber der Kubaner
Alejandro, dekorativ eine Wolldecke um seine Schultern geschlungen.
Er war schön, jung, schwermütig und homosexuell, letzteres
hatten ihm die Cubaner mit einem Stempel im Pass bestätigt.
Neben ihm ein japanischer Zwerg, der in den Kaffepausen auf des
Meisters Tisch tanzend sang und dabei unerwartet in die Hände
klatschte oder mit den Füssen auf Kupferplatten trommelte.
Am zweiten und dritten Tisch saßen eifrige Studenten aus der
westlichen und östlichen Welt und am vierten Tisch schließlich
wohlhabende Damen, vor allem Engländerinnen und Amerikanerinnen,
die gutmütig das Atelier und seine oft mittellosen Studenten
mit finanzierten und die Rolle des Chors übernahmen. "It's
wonderful! It's marvellous....."
Die Struktur erinnerte mich verblüffend an den französischen
Hof oder besser an eine Darstellung en miniature von ihm.
Fritz Picard führte die Librairie Calligrammes in der Rue
du Dragon. Ein Büchergewölbe, ein expressionistischer
kleiner Tempel, in dem die aufgestapelten Bücher wie schräge
Säulen, nur von guten Geistern festgehalten, bis unter die
Decke reichten. Und was für Bücher. Alles Erstausgaben.
Heine, Yvan Goll, Hannah Arendt, Carl Einstein, Walter Mehring,
Manes Sperber, Klabund, Annette Kolb, aber auch Lichtenberg, Goethe,
Hölderlin, Nietzsche. Auch auf dem Schreibtisch waren die Bücher
so dicht gestapelt, dass für Fritz Picard nur eine kleine Öffnung
blieb, durch die er mit seiner weissen Löwenmähne über
der hohen Stirn und der obligatorischen, gepunkteten Fliege dem
Besucher mit freundlicher Aufmerksamkeit durch seine fokussierende
Lupenbrille entgegenblickte. Seine Gäste waren Autoren, Gesprächspartner
und nur selten Käufer. So sammelten sich immer mehr kostbare
Bücher an, die er besonders gerne - wenn auch selten - an junge
Deutsche verkaufte. Er war ein Aufklärer. Auch Politiker wie
Willy Brandt und Carlo Schmidt zählten zu seinen Besuchern.
Manes Sperber, Walter Mehring, Hannah Arendt, Claire Goll noch vor
dem unseligen Zerwürfnis mit Paul Celan hielten in der Librairie
Calligrammes ihre Lesungen, heftig diskutiert von Kollegen und atemlos
verfolgt von uns, den jungen Deutschen, darunter auch einer, der
später die Heinrich Heine Buchhandlung in Berlin eröffnen
sollte.
Für Fritz Picard und Jonny Friedländer war unabhängig
voneinander 'Der letzte Mann' der beste deutsche Film, für
Picard sogar der beste Film aller Zeiten. Begründet wurde das
nie. Über die augenscheinlichen filmischen Qualitäten
hinaus waren es vielleicht die kritischen Erfahrungen der prekären
Zeit und eine - sehr vorsichtig ausgedrückt - komplexe Identifikation?
"Man kann die Geschichte des 'Letzten Mannes' in einem Satz
erzählen, aber ich wollte, dass die Gefühle der Hauptperson
etwas sein sollten, das mit Worten nicht ausgedrückt werden
konnte. Ich wollte, dass die Kamera Schatten von Gefühlen zeigt,
die völlig neu und unerwartet sind: In jedem von uns ist ein
unbewusstes Selbst, das in einer Krise ausbrechen kann, auf die
seltsamste Weise, und dieser Film hat manchmal den unbewussten Menschen
unter seiner Hotel-Livree erreicht." (Friedrich Wilhelm Murnau)
Ich versuchte immer wieder, über 'Tabu' mit Fritz zu sprechen.
Er sagte nur: "Hör auf, Dich auf Lottes Seite zu schlagen!
- Was hat Dir besonders gefallen am 'Letzten Mann'?"
"Die Eingangssequenz: Die Kamerafahrt als Subjektive des Fahrstuhls,
der modernen Maschine, die den gesamten Überblick gibt über
die Größe, die Betriebsamkeit, die Bedeutung des menschenfressenden
und -ausspeienden Hotelmolochs mit seinen Bediensteten und deren
Subordinationssystem: die eleganten Damen in der Hotelhalle und
die dazu gehörigen gravitätischen oder von großstädtischer
Nervosität getriebenen Herren. Dann durch die Drehtüre
der Verkehr und die nahenden und abfahrenden Autos, die, sobald
sie bildfüllend werden, wie Schnitte und Blenden genutzt werden,
ohne welche zu sein. Dann der riesige Regenschirm und der erste
Auftritt des dazugehörenden überdimensionalen "Generals"
als erster Hotelportier im Glanz und in der Bedeutung seiner Uniform,
spielerisch flirtend, noch souverän, glücklich.
Fritz Picard stammte aus einer alteingesessenen jüdischen
Familie in Baden. Er war Soldatenrat in Straßburg, begleitete
Lenin im verplombten Zug von Zürich nach Moskau. In Berlin
war er Stammgast im Café Größenwahn und als jüngster
und erfolgreicher Literaturvertreter von Paul Cassirer, Freund und
Verehrer von Else Lasker-Schüler. Paul Cassirer soll nie ein
Buch verlegt haben, das Fritz Picard nicht gelesen und für
gut befunden hatte. Als "Reisender" hatte er seine Adressen
nicht nach Namen, sondern nach Städten geordnet.
"Was hat Dir noch gefallen im 'Letzten Mann'?"
"Das mehrfache und immer exzessiver werdende Teppichklopfen.
Das Ausbürsten der Uniform, als ob Kaiser Wilhelm persönlich
auf dem Piedestal stünde. Dann, dieses Ausziehen der Uniform,
die wie eine zweite, dicke Elefantenhaut sich weigert, abgezogen
zu werden. Zunächst geschieht dies vorsichtig, als jedoch der
Angestellte den ungeduldigen Blick des Direktors auf sich fühlt,
beeilt er sich und wird grob, so daß sogar ein Knopf abreißt
und zu Boden fällt. Diese Szene ist so inszeniert, daß
sie wie eine militärische Degradierung wirkt. Die mehrfach
auftauchenden Alter Egos von Jannings: durch die Drehtür wird
das Bild in zwei Hälften geteilt. In der einen Hälfte
ist sein jüngerer Doppelgänger, der vor der Drehtür
in der gleichen Uniform steht, und in der rechten Hälfte Jannings,
der vor Entsetzen vor- und zurückweichend diesen ansieht wie
ein Hund, der sein Abbild im Spiegel nicht fassen kann. Jannings
liebevolles Kämmen des Hinterkopfscheitels und seines Kaiser
Wilhelm-Barts als erster Portier findet seine Entsprechung, wenn
nach seinem Abstieg zum Toilettenmann ein altmodischer Gast dasselbe
eitle Ritual vorführt. Dann, bei seinem ersten Gang in die
Unterwelt, nachdem Jannings Uniform von der Beschließerin
weggeschlossen worden war, ist hinter der Glastür, die zu den
Toiletten hinunterführt, kein Licht gesetzt. Jannings geht
also ins Dunkle. Später, wenn er von unten nach oben blickt,
fällt durch das Gitter Licht von der Straße und er blickt
sehnsüchtig aus seiner Unterwelt in die Oberwelt, aus der die
wohlvertrauten Geräusche als Licht und Schatten zu ihm dringen."
Fied, Jonny Friedlaenders Frau, war eine großartige Gastgeberin.
Sie brachte so unterschiedliche Leute wie Rowohlt Ledig, Dali, Gala,
den Fotografen Maywald, Rée Soupault und Léonor Fini
an einen Tisch und dies einmal wöchentlich in komplett anderer
oder ähnlicher Konstellation. "Ich glaube, ich bin in
Paris glücklicher, als ich es jemals in Deutschland hätte
werden können." "Bist Du sicher?" "Ja,
fast immer."
Was ist die Triebfeder? Die Uniform und alles, was sie impliziert
und auslöst. Das Strammstehen vor ihr, das Starke-Mann-Gehabe,
das Aufgeblasene. Ihr Verlust bedeutet die Katastrophe, den Abstieg,
das Aus. Kleider machen eben Leute. Welch interessante Differenzierung,
wenn der vor Angst klein gewordene Jannings die gestohlene Uniform
in der nächtlichen Schattenwelt des Hotels dem Nachtwächter
übergibt, einem Leidensgenossen, der aber immer noch eine Uniform,
wenn auch nur dritter Klasse, trägt. Die Haltung der Menschen
ist bestimmt durch die Schadenfreude, die Häme der Nachbarn,
ihre feixenden Gesichter im Zerrspiegel. Trost kommt nicht von der
Familie, nur von Seinesgleichen. So bleiben dem Hotelportier, nach
dem grotesken Trinkgelage mit seinen tanzenden Schatten und der
"betrunkenen Kamera" nur die Wunschphantasien vom starken
Mann. In seinem Traumballett jongliert er mit riesigen Überseekoffern,
als seien sie Federn. Selbst einem Heer kräftiger junger Männer
gelingt es nicht einmal, sie anzuheben.
Parallel dazu sehe ich auch die Schlußszene, in der sich
Carl Mayer und vor allem Murnau, dem Wunsch des Publikums entsprechend
(und wohl auch dem des Produzenten) großartig aus der Affäre
gezogen haben. Ein modernes Märchen: hier erhält zum Schluss
nicht der Hütejunge seine Prinzessin, sondern der Toilettenmann
erbt eine Million. Vom Tellerwäscher zum Dollarmillionär.
Der fulminante sogenannte zweite Schluß ist eine beißende
Gesellschaftssatire in alle nur möglichen Richtungen. Er zeigt
die Welt der Neureichen, das Aufkommen des Parvenü, in der
nicht mehr die Stände, der Adel der alten Welt etwas gelten,
sondern nur das Geld die Welt regiert und die Puppen tanzen lässt.
Aber heute ist das Geld etwas wert und morgen kommt vielleicht die
Inflation. Und wer weiß, wann wer wem oder was wem den Teppich
unter den Füßen wegzieht. In Zeiten gesellschaftlicher
Verwerfungen gibt es keine Sicherheit, gelten keine festen Regeln
mehr: das hat uns Gabriele Tergit in ihrem Berliner Familienepos
über die 'Effingers', Döblin in seinem Großstadtroman
'Berlin Alexanderplatz' und Murnau in seinem unsentimentalen Film
'Der Letzte Mann' in vollendeter Form gezeigt.
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