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Allein dieser Satz umreißt das Leitmotiv des
Films und beschreibt treffend das Nachkriegsverhalten
in Deutschland. Schweigen als Allheilmittel gegen
Schuldgefühle, Strafen, mögliche Nachteile
und Verunsicherungen: gegen Erkenntnis der Wahrheit.
Das Schweigen in Komplizenschaft wurde zur gesellschaftlich
akzeptierten Lüge, in der viele sich gemütlich
einzurichten begannen.
Die Nürnberger Prozesse waren 1949 übereilt
zu Ende gegangen. Den USA ging es eher darum, die
Deutschen auf ihren geradezu hysterischen Antikommunismus
der beginnenden McCarthy Ära einzuschwören.
Man glaubte, dies gelänge besser, wenn die Nazis
nicht weiter verfolgt und die Deutschen zu Mitstreitern
gemacht würden.
In dieser politischen Grundstimmung kam einer, der
die Situation mit einem Film - und all seinen Möglichkeiten,
in Bilder- und Wortschichten zu arbeiten - analysierte.
Dieser Film sprach, worüber niemand sprechen
wollte, und wurde totgeschwiegen. So kam es, daß
Peter Lorres Rückkehr nach Deutschland keine
wurde und ihr Ende zusammen mit dem Film fand, der
nur zehn Tage in deutschen Kinos lief. Die Wahrheit,
zumal in künstlerisch so adäquater und dadurch
brisanter Form, wollte niemand sehen. Die Dialoge
benannten, was niemand hören wollte.
Dieser Film hat viele Sprechweisen: Dialoge zwischen
Schatten und Mensch, Schatten und Licht, Mensch und
Hintergrund, Erscheinen und Verschwinden, Abhängigkeit
und Komplizenschaft, Mord und Selbstmord. Die Menschen
betreten die Räume oft nur als furchtsame oder
angsteinflößende Schatten.
Die Bilder der Gegenwart verweisen in beklemmender
Weise auf die verdrängten der Vergangenheit.
Am Anfang geht Lorre als Arzt eines Flüchtlingslagers
müde und schleppend auf den Gleisen zu seiner
Arbeitsstätte. Auf denselben Gleisen geht er
später in den Selbstmord. Den vieltausendfachen
Mord hat Lorre so mitinszeniert, nicht nur als Assoziationsebene.
So macht er deutsche Geschichte mit all ihren Auswirkungen
und Facetten vom Vernichtungslager bis zum Flüchtlingslager
sichtbar: Vom Arzt und Wissenschafter Dr. Rothe, der
an kriegswichtiger Forschung in privilegierter Situation
- aber gleichwohl bespitzelt - als Komplize der Nazis
arbeitet, zum Schatten seiner selbst als Nachkriegslagerarzt
unter dem falschen Namen Dr. Neumeister. Sein Gegenspieler,
Spitzel und Assistent von damals, begegnet ihm "ganz
zufällig" und wird wieder sein Assistent.
Lorre: "Sie haben mir damals geholfen, ich soll
Ihnen heute helfen?" Auch Hösch ist ohne
Papiere unter dem falschen Namen Novak, aber ohne
Identitätsverlust wieder aufgetaucht. Ein Opportunist,
den keine Wendung in Verlegenheit bringt. Mit lauter
Stimme - seine Diktion verrät seine Vergangenheit
- plant er seine Zukunft. Obwohl Verlierer, will er
Sieger sein. Seine muntere Stimme plant das Vorankommen,
wichtigstes Thema der Fünfziger Jahre. Die Körperhaltungen
und Sprachebenen der beiden Protagonisten könnten
unterschiedlicher nicht sein: der unvergleichliche
Lorre mit seinen traurigen Augen, der leisen, resignierten
Stimme, die die schrecklichen Wahrheiten ausspricht:
"Allmächtiges Gefühl Angst. Angst tötet
jedes andere Gefühl" und zu seinem ehemaligen
Assistenten sagt: "Sie sind mir fast sympathisch,
seit Sie Angst haben. - Keine Angst, alles bleibt
draußen, auch die Furcht..."
Verstörend ist auch die Haltung der Mutter seiner
Geliebten, die nie etwas übel nimmt, selbst die
Ermordung ihrer Tochter durch Dr. Rothe nicht, die
als Selbstmord ausgegeben wird, woran sie unmöglich
glauben kann. Sie sagt: "Sie brauchen sich nicht
zu entschuldigen." Auch hier die Komplizenschaft
des Opfers mit dem Mörder, den sie sogar bittet,
weiter bei ihr wohnen zu bleiben. Eine höchst
bedrückende Perspektive, übertragen auf
die komplexen Auswirkungen der Naziverbrechen auf
die deutsche Gesellschaft.
Nur Außenseiter erkennen den Mörder. Eine
Prostituierte schreit: "Totmacher!" und
rettet sich so, denn die Nachbarn treibt die Neugier
und Schadenfreude aus ihren Türen, nicht die
Absicht, Hilfe zu leisten. Ein Betrunkener sagt zu
Lorre in der vollbesetzten U-Bahn: "Ich kenne
Sie". Mit der Beharrlichkeit und Unbedenklichkeit
des nicht mehr kontrollierten Verstandes wiederholt
er: "Ich kenne Sie. So ein Gesicht vergißt
man nicht. Kennen Sie mich?". Als er keine Antwort
erhält, legt er den Finger auf den Mund und sagt:
"Psst! Feind hört mit! Kennen Sie mich?
Sie kennen mich nicht? Ich kenne Sie!" Andere
Fahrgäste werden involviert und wollen den Lästigen
zum Schweigen bringen. Eine geniale Groteske über
Scheinidentitäten.
Fliegeralarm: "Alle Mann in den Heldenkeller!"
Lorre bleibt mit einer liebeshungrigen Soldatenfrau,
die gerade noch auf die letzte U-Bahn gesprungen war,
allein zurück. Lorre: "Wir sind die Letzten."
Er tötet sie. Wie beim Mord an seiner Geliebten
wird zuvor eine Zigarette zerdrückt, getötet,
ausgelöscht. Novak hat sich vollgefressen, gesoffen
und schläft. "Aufwachen, aufwachen!",
ruft Lorre, der Novak seine Mördergeschichte
erzählt hat, und dann wieder zu sich: "Keiner
hört zu!". Dann tötet Lorre ein letztes
Mal, diesmal mit Absicht. Er wiederholt den Leitspruch
des selbstzufriedenen Novak "Nur immer rechtzeitig
zur Seite springen" und tötet ihn mit seinen
eigenen Worten und seinem eigenen Revolver.
Mit diesem Film ist deutsche Nachkriegsgeschichte
so präzise gezeigt worden, wie es nur einem möglich
ist, der selbst Opfer war und einen Täter spielt,
der weiß, daß er Schuld hat. Lorre hat
damit auch seine eigene Geschichte als Schauspieler
und seine harten Erfahrungen als Emigrant thematisiert
und sie mit dem Film auf spannende Weise verwoben.
Der Film diagnostiziert, was fortan Lorres Schicksal
bleiben sollte: Er fand keinen Ort mehr.
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