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Stefanie Schulte Strathaus
Carte Blanche für Ulrike Ottinger
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In seiner Eigenschaft als ein Medium, das aus
Einzelbildern und Sequenzen besteht, aus der Spannung zwischen Stillstand
im Bild und der Bewegung der Bilder, entspricht der Film einer der
ältesten Dramaturgien, der der Stationen. So zu lesen in Ulrike
Ottingers Text "Stationen Kino - Kleine Geschichte des Erzählens
in freien Bildern". Die Station ist der Ort, an dem die Bewegung
den Stillstand unterläuft. Dies geht zurück auf zwei Modelle,
das Nomadische und das Seßhafte, die ein strukturgebendes filmisches
Paradoxon bilden. Während das Nomadische stets mehr Bewegung
erzeugt, sei es durch die Sehnsucht nach Veränderung oder die
Emigration ohne Ankunft oder Rückkehr, also Getriebenheit oder
Vertreibung, produziert das Seßhafte das Bedürfnis nach
Störungsfreiheit, also nach Stillstand: Bilder wiederholen sich
bis zur Entleerung, die Geschichte erstarrt. Die filmische Bewegung
kann Bilder dagegen als Stationen der Erinnerung lebendig werden lassen,
die Struktur des Films ist nomadenhaft, die Kunst liegt in der Bewegung
von einer Station zur nächsten.
Dies ist die Matrix, auf der sich ein kleines Filmprogramm bewegt,
das das Ergebnis unseres Geburtstagsgeschenkes für Ulrike Ottinger
ist, die in diesem Monat 60 Jahre alt wird. Mit ihrer Carte Blanche
hat sie ein Tableau von Filmen errichtet, die sie lebendig miteinander
kommunizieren läßt.
Eine andere Matrix könnte der Untertitel ihres Films FREAK ORLANDO
(1981) sein: "Ein Film von der Archäologie des Schweigens,
des Traums, des Wahnsinns, des Verdrängten." Der/die ProtagonistIn
Orlando durchläuft in Metamorphosen die Weltgeschichte. Mit ihrem
surrealen, episodenhaften Spektakel, ausgestattet mit "Gnomen
und Riesen, Feuerspeiern und Fakiren, Doppelköpfigen und Papageiennasigen,
Hermaphroditen und Vogelmenschen, siamesischen Zwillingen, Ledermännern
und Bartfrauen (
)" (Wolfgang Nagel), mit dem sie den berühmten
Film Freaks von Tod Browning zitiert, schafft Ottinger es, "das
Faszinosum des Sehens in Schrecken vor dem Gesehenen zu brechen"
(Gertrud Koch). Getrieben wird Orlando durch Erfahrungen wie Verfolgung,
Mord, Gefangennahme, Inquisition - die Struktur der Macht ist es,
die sie/ihn treibt. "Inquisition und Faschismus haben mehr gemeinsam
als die Verortung im physikalischen Zeitkontinuum", so Gertrud
Koch. Und so geht es hier um etwas sehr Gegenwärtiges: "Die
Ahndung der Abweichung". (3. & 13.6.)
In einer nicht minder surrealen Bilderwelt bietet auch Pier Paolo
Pasolinis SALO O LE 120 GIORNATE DI SODOMA (1975) dem voyeuristischen
Blick Einhalt. Nicht nur die Surrealisten entdeckten de Sade für
das 20. Jahrhundert. Pasolini verlegte die Geschichte, in der vier
Peiniger jugendliche Mädchen und Jungen in einer Villa ihren
sexuellen Perversionen opfern, in die von Mussolini 1943 proklamierte
faschistische Republik Salò (die deutsche Fassung des Films
verschweigt die Tatsache, daß die Villa, in der die Folterungen
geschehen, in Marzabotto liegt, wo die deutsche Besatzung ein grausames
Massaker vollzog). "Die Mächtigen bei de Sade", so
Pasolini, "machen nichts anderes, als Reglements aufzuschreiben
und sie regelmäßig anzuwenden." Und so errichtet er
ein Tableau der Macht, eingeteilt in Episoden (wie FREAK ORLANDO),
deren oft bis in die Langeweile (anders als FREAK ORLANDO) getriebene
Starre auf den Stillstand verweist, der, nach Ottinger, sich selbst
reproduziert - eine kathartische Auflösung ist nicht mehr möglich.
(4. & 5.6.)
"Das Schweigen in Komplizenschaft wurde zur gesellschaftlich
akzeptierten Lüge, in der viele sich gemütlich einzurichten
begannen", so Ottinger in einem anderen Text zu Peter Lorres
DER VERLORENE, mit dem er 1951 aus der Emigration zurückkehren
wollte. Der Film erzählt die Geschichte eines Arztes und Wissenschaftlers,
der als Komplize der Nazis arbeitete und später unter falschem
Namen seinem damaligen Spitzel und Assistenten wieder begegnet. Dieser
sieht als Opportunist seiner Zukunft entgegen und wird getötet
- eine so offene Auseinandersetzung mit Fragen der Schuld war im Nachkriegsdeutschland
nicht erwünscht. Ottinger verweist darauf, daß es auch
hier Marginalisierte wie eine Prostituierte und ein Trinker sind,
die beinahe zur Erkennung des sich seiner Schuld bewußten Täters
beitragen, doch werden sie von den Menschen um sie herum nicht gehört.
"Der Film", so Ottinger, "diagnostiziert, was fortan
Lorres Schicksal bleiben sollte: Er fand keinen Ort mehr." (6.
& 10.6.)
Zurück zu den Nomaden: entgegen der Vorstellung von einer wahren,
naturhaften Ursprünglichkeit lassen zwei weitere Stationen des
Kinos vielmehr die filmische Struktur der Bewegung und Erinnerung
sichtbar werden, wenn sie sich dem Leben in der Taiga und der Tundra
widmen. Entlang von 38 Stationen zwischen der Wildnis und den Blockhütten-Städten
folgt Ulrike Ottingers 8-stündiges Meisterwerk TAIGA (1992) dem
Volk der Darkhad-Nomaden mit ihren fünf mongolischen Tieren und
dem der Sojon-Urijanghai mit ihren Rentieren. Ohne erklärenden
Off-Kommentar gibt Ottinger den Bildern den Raum, den sie mindestens
brauchen, um etwas über die Mongolei zu erfahren. "Der Film
folgt nicht allein der Reise zu den beiden Völkern, sondern mit
ihrer Hilfe auch der Reise zur eigenen Geschichte der beiden Völker,
die sie uns in aufregenden Selbstinszenierungen erzählen",
so Ottinger. Und so wird der Film zu einer Fiktion, die der Kultur,
die eine epische ist, Ausdruck verleiht. (Teil 1: 1.6.; Teil 2: 2.6.)
Auch der Film SEITSEMÄN LAULUA TUNDRALTA (Sieben Lieder aus der
Tundra) von Markku Lehmuskallio und Anastasia Lapsui (Finnland 2000)
besteht aus Stationen, bzw. Episoden oder Liedern. Nach zahlreichen
Dokumentarfilmen, die die beiden u.a. über den Volksstamm der
Nenets drehten, hatten sie das Gefühl, daß etwas fehlte:
"Wir dachten, daß ein Spielfilm mehr ausdrücken könnte,
facettenreicher, freier wäre. Daraufhin beschlossen wir, einen
Spielfilm zu drehen. Anastasia Lapsui (selbst gebürtige Nenet)
verwandelte einige Legenden und ihre eigenen Erfahrungen in Geschichten,
die das Leben der Nenets und anderer Menschen aus der Region über
einen langen Zeitraum hinweg beschreiben. (
) In unserem Film
wird ein Nenet von einem Nenet gespielt, die Rolle des obersten Landwirts
wurde vom obersten Landwirt übernommen, die des Lehrers von einem
Lehrer, alle spielten sich selbst." (Markku Lehmuskallio) (3.
& 7.6.)
Der Wechsel von einem Erinnerungsbild zum anderen ist auch einer von
der Realität zur Fiktion und zurück, der beides in Frage
stellt: "Das Modell des Stationenkinos bewegt sich und ermöglicht
Kommunikation von Innen nach Außen und von Außen nach
Innen, was zu den verblüffendsten Ein- und Aussichten führt.
Es ist ein Modell, das auch die komplexesten Rück-Blicke und
Vor-Schauen erlaubt. Und es ist ein Kino, das zugleich die Ordnung
und die Anarchie der Bilder ermöglicht." (Ulrike Ottinger).
Wir gratulieren von Herzen, wünschen Ulrike Ottinger noch zahlreiche
Reisen zu weiteren Stationen und laden das Publikum ein, an einer
von ihnen teilzunehmen. Wir verweisen zudem auf das Monatsprogramm
März 2001 mit Informationen zu allen Filmen von Ulrike Ottinger,
zu finden auf unserer Homepage. Aus Anlaß der damals stattgefundenen
Retrospektive wurde unser Kinemathek-Heft Nr. 96, das sich mit zahlreichen
Beiträgen dem Gesamtwerk der Regisseurin widmet, neu aufgelegt,
zu bestellen unter fdk@fdk-berlin.de
oder im Arsenal zu erwerben. Dank an das Italienische Kulturinstitut.
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| © Stefanie Schulte Strathaus |
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