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Am Ende von Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse, 1984, geht
Dorian Gray durch die unterirdische Kanallandschaft von Berlin in
die Schaltzentrale der Macht des Medienkonzerns. Langsam packt er
ein Messer aus einem verschnürten Paket, springt auf den Konferenztisch
und ersticht Frau Dr. Mabuse, die Chefin des Medienkonzerns, vor
den versammelten Medienvertretern, die gerade dabei waren ihre aktuellen
Auflagenzahlen zu berichten. In der nächsten Szene befinden
wir uns auf dem Friedhof, ein Kamel führt den Trauerzug an.
Frau Dr. Mabuse verneigt sich vor dem Grab "Dorian, für
mich lebst du weiter." Nächste Szene: Dorian Gray liest
den Daily Mirror mit der Schlagzeile "Dorian Gray tot"
und sagt zu seinem Diener Hollywood: "Stoppen Sie alles, ...
Ich möchte die Geschichte zu Ende diktieren." Im Abspann
kommt Frau Dr. Mabuse noch einmal zu Wort und fragt: "Warum
musste ich meine begabtesten Schüler immer umbringen?"
Ottingers Filme sowie ihre gesamte künstlerische Produktion
widersetzen sich linearen Lesarten, sie lassen sich nicht nacherzählen,
weil sie keinem linearem Plot folgen, weil jeder Kader des Films
bis ins kleinste Detail durchkomponiert ist, weil sie unendlich
viele Bedeutungsschichten ineinander verweben. Die Filme sind voll
literarischer, mythologischer, filmischer, musikethnologischer und
historischer Bezüge und voller Brüche und Widersprüche.
Collage und Montage, Transformation und Metamorphosen gehören
zu ihren bevorzugten künstlerischen Mitteln und Methoden, Dokumentation
und Fiktion verfließen ebenso wie Geschlechtergrenzen. Ottinger
arbeitet an einer Bild- (und Ton)sprache, die der Darstellung der
Komplexität der Welt, in der wir leben, immer wieder auf Neue
gerecht zu werden versucht und diese wie in einer Kunst- und Wunderkammer
ausbreitet, ordnet und zur Schau stellt. Sie ist eine brillante
Geschichtenerzählerin, ihre Geschichten handeln von den Menschen
und der Welt, in der sie leben. "Kino ist realisierte Fiktion,
in der sich die Imagination des Filmautors, die Kraft des Bildes,
der Bilderfolgen und die Imagination des Zuschauers zusammenfinden",
sagt sie.
Ulrike Ottinger, die in ihren Filmen nicht nur Regie führt,
sondern auch die Kamera, fungiert als ihre eigene Produzentin. Sie
begann in den 1960er Jahren als Malerin in Paris, sie ist Fotografin
und hat im Laufe der Jahre ein riesiges Bilderarchiv angesammelt.
In den 1970er Jahren arbeitete sie auch als Performerin. Als Theaterregisseurin
inszenierte sie u.a. Stücke von Elfriede Jelinek oder Johann
Nestroy.
1973 drehte sie ihren ersten Film "Laokoon & Söhne".
Parallel zur Filmproduktion entstehen seit den 1970er Jahren immer
auch Ausstellungen. Ihre Drehbücher sind kunstvolle Sammlungen
von Fotografien, Bildern, Texten, Zitaten und Skizzen, die die assoziative
Arbeitsweise und die minutiöse Recherche der Künstlerin
vor Augen führen.
Im Jahr 2000 stellte sie Stills in der Galerie David Zwirner in
New York aus, 2001 Sessions bei Comtemporary Fine Arts in Berlin
und 2002 nahm sie mit dem 363 Minuten langen dokumentarischen Video
Südostpassage, eine Reise zu den neuen weißen Flecken
auf der Landkarte Europas an der Documenta 11 in Kassel teil. Spätestens
zu diesem Zeitpunkt gelang Ulrike Ottinger auch in der Kunstwelt
der internationale Durchbruch, den sie als Filmemacherin bereits
1977 mit ihrem ersten langen Spielfilm Madame X: Eine absolute Herrscherin
erreicht hatte.
Die Documenta 11 war nach der Manifesta in Ljubljana im Jahr 2000
eines der exponiertesten Beispiele für eine Invasion dokumentarischer
und semidokumentarischer Videos in den Ausstellungsraum. Dass in
diesem Zusammenhang Ulrike Ottinger von der Kunstwelt endlich "entdeckt"
wurde, war hoch an der Zeit und nahe liegend. Zur selben Zeit erschienen
auch andere FilmemacherInnen wie Chantal Akerman oder Harun Farocki
verstärkt im Ausstellungsbetrieb. Dies hat auf der einen Seite
mit den veränderten Produktionsbedingungen des Kino- und Fernsehfilms
zu tun, deren Gleichschaltungstendenzen sich diese FilmemacherInnen
widersetzten. Auf der anderen Seite hatten sich in den Jahren zuvor
bestimmte künstlerische Arbeitsweisen im Kunstbetrieb etabliert,
die sich auf die Geschichte des Films und des Dokumentarfilms beriefen,
wie bei Stan Douglas oder Diana Thater, die damit den Blick für
die Arbeit von Ulrike Ottinger und anderen FilmemacherInnen geschärft
und geöffnet und den Ausstellungsraum und seine BesucherInnen
für diese Art präziser filmischer Arbeit vorbereitet haben.
In der Ausstellung "Hautnah" der Sammlung Goetz in der
Villa Stuck in München wurden Fotografien von Ulrike Ottinger
"Im Kontext von Freak Orlando", 2002 gemeinsam mit Werken
von Chantal Akerman, Matthew Barney, Robert Gober, Jürgen Klauke,
Yayoi Kusama, Tony Oursler, Cindy Sherman u.a. präsentiert
und damit in der Kunstszene kontextualisiert.
Ulrike Ottinger hat insgesamt zwölf Langfilme gedreht, von
denen man sechs als dokumentarisch bezeichnen könnte. Ich werde
mich im Folgenden auf vier frühe Spielfilme Madame X: Eine
absolute Herrscherin, 1977 und die Berlin Trilogie bestehend aus:
Bildnis einer Trinkerin, 1979, Freak Orlando, 1981 und Dorian Gray
im Spiegel der Boulevardpresse, 1984 und den gerade erschienen Dokumentarfilm
"Prater" beschränken.
Folgt man der These, dass die Geschichte immer wieder aus der Sicht
der Gegenwart neu zu schreiben ist, so gibt es heute für das
Neuschreiben der Geschichte der Moderne und des Modernismus eine
besondere Dringlichkeit, weil die im Westen bekannte Geschichte,
eine im Geist des Kalten Krieges geschriebene ist, die ganz bestimmte
politische, geographische und geschlechtsspezifische Schwerpunkte
setzt. Nimmt man darüber hinaus den Versuch der Documenta 12
ernst, diese Geschichtsschreibung zu beginnen, die vor allem auch
die 1970er Jahre und die weibliche Produktion in unterschiedlichen
Regionen der Welt fokussiert, dann erscheint es mir im Rahmen dieses
Diskurses aufschlussreich und spannend gerade heute die frühen
Spielfilme von Ulrike Ottinger aus der 2. Hälfte der 1970er
und der ersten Hälfte der 1980er Jahre zu betrachten.
Mme X - Eine absolute Herrscherin, 1977 war im Geiste der zweiten
Frauenbewegung entstanden. Ottinger erzählt eine Piratengeschichte,
die von persönlichem und gesellschaftlichem Aufbruch, aber
auch von Macht, Unterordnung und Eingeschlossensein auf engstem
Raum handelt. Erotik und Sexualität spielen dabei eine herausragende
Rolle. Sieben Frauen aus verschiedenen Gegenden der Welt und aus
unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen folgen dem Aufruf
von Mme X, der "strengen, unerbittlichen Schönheit",
der ihnen Welt, Gold, Liebe und Abenteuer auf See verspricht. Sie
sind "gewillt
ihren zwar bequemen und sicheren, aber
fast unerträglich eintönigen Alltag einzutauschen gegen
eine Welt voller Gefahren und Ungewissheit, aber auch voller Liebe
und Abenteuer." Und sie begeben sich auf die Dschunke "Orlando"
(benannt nach Mme X' verstorbener großer Liebe) im Chinesischen
Meer. Die Galionsfigur des Schiffes ist eine genaue Nachbildung
von Mme X, ein Maschinenmensch, der den Machtapparat repräsentiert.
Weil die Seefahrerinnen sich dort versammeln, akzeptieren sie dieses
System. Sie erleben zahlreiche Abenteuer und sind in unzählige
erotische Geschichten untereinander verwickelt. Im Kampf um die
Vorherrschaft, vor allem auch sexueller Natur, tötet Mme X
fast alle Frauen. Sie kommen in unterschiedlicher Gestalt wieder
zurück auf das Boot und stechen erneut in See. "Am Ende
des Films transformieren sich alle Figuren, durchgehen verschiedene
Tode im Sinne des Piraten-Genres, werden erstochen, erwürgt,
was auch immer. Die Tode sind Durchgangsstadien. Etwas muss sterben,
damit etwas anderes entstehen kann... Der Film beginnt und endet
mit einem Aufbruch. Aber die Voraussetzungen haben sich geändert."
Dieser Film wurde von der Frauenbewegung anfänglich skeptisch
aufgenommen, weil er zwar die Aufbruchstimmung, den Drang aus gewohnten,
repressiven Strukturen unter denen die Frauen litten, auszubrechen
zeigte, aber gleichzeitig die Frauen erneut in solche hineinstolpern
lies. Er wurde jedoch nach kurzer Zeit vor allem in den USA geradezu
ein Kultfilm, von dem unzählige Raubkopien existieren.
Die Berlin Trilogie beginnt mit dem Film Bildnis einer Trinkerin,
1979. Am Anfang steht wieder ein Aufbruch, diesmal einer einzigen
Frau, auch sie ist wie Mme X eine außergewöhnliche Schönheit.
Sie verlässt die Villa Rotonda und reist mit einem Ticket aller
jamais retour nach Berlin. "Sie wollte die Vergangenheit vergessen,
vielmehr verlassen, wie ein abbruchreifes Haus." Nun durchstreift
sie trinkend Berlin. Die Farbdramaturgie spielt eine zentrale Rolle
in diesem Film, der vor allem in Primärfarben gehalten ist.
Die Kleider der Hauptdarstellerin "Sie" genannt (Tabea
Blumenschein) wandeln sich von Rot zu Gelb zu Blau. In der Schluss-Szene,
der Todesszene, geht sie im silbernen Kleid durch einen Spiegelkorridor,
der Spiegelboden unter ihren weißen Stöckelschuhen zerbricht.
"Das ist ein Bild für eine Durchgangssituation zwischen
Leben und Tod" sagt Ulrike Ottinger. Sie arbeitet in diesem
Film ganz bewusst mit klaustrophobischen Phantasien. Glastüren,
die sich nicht öffnen, Flüssigkeiten auf Glas oder der
Blick in den Spiegel spielen dabei eine große Rolle. Ottinger:
"Für das Reflektierende, das Fließende und sich
Auflösende habe ich versucht, Bilder zu finden."
Freak Orlando, Kleines Welttheater in fünf Episoden, 1981 ist
"eine Irrtümer, Machthunger, Angst, Wahnsinn, Grausamkeit
und Alltag umfassende Histoire du monde' am Beispiel der Freaks
von den Anfängen bis heute als Kleines Welttheater in fünf
Episoden" . Von den "Mythologische Wochen" im Kaufhaus
zu Beginn über die "Sakralen Wochen" bis zum Wettbewerb
"Hässlicher des Jahres" in Italien entwickelt sich
die Hauptfigur Orlando durch verschiedene Stadien von Orlando als
Pilger bis zur Entertainerin Frau Orlando (Magdalena Montezuma),
immer begleitet von Helena Müller als Lebensbaumgöttin,
Kaufhausansagerin oder Siamesischer Zwilling Lena und Bunny Helena
(Delphine Seyrig) und Herbert Zeus als Kaufhausdirektor, Priester,
oder Chefarzt der Psychiatrie und Vertreter für Psychopharmka
(Albert Heins), der schließlich als einziger "Normaler"
den Wettbewerb "Hässlicher des Jahres" gewinnt. Die
Geschichte spielt in Berlin als Freak City, vor allem industrielle
Gebiete dienen häufig als Spielorte, man sieht die Mauer, die
die Abgeschiedenheit und das Eingeschlossensein verdeutlicht. Eine
permanente Wiederkehr des Gleichen kennzeichnet diesen Gang durch
die Geschichte. Ottinger: "Inquisition, Faschismus, Zwangspsychiatrie.
Was immer an Unterdrückungsmethoden möglich ist, unterscheidet
sich nach der Zeit. Aber die Strukturen bleiben in der Tat erschreckend
gleich."
Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse, 1984 stellt den dritten
Film der Berlin-Trilogie dar. Er erzählt die Geschichte des
reichen Dandys Dorian Gray (Veruschka von Lehndorff), einem jungen,
gelangweilten Mann, der in die Fänge von Frau Dr. Mabuse (Delphine
Seyrig) gerät, der Chefin eines Medienkonzerns, die ihn zu
einer berühmten Medienfigur aufbaut und damit vernichtet. Die
Geschichte ist verschnitten mit einer Oper, die von der Eroberung
der Kanarischen Inseln durch den spanischen Infanten Don Luis de
la Cerda (ebenfalls Veruschka von Lehndorff alias Dorian Gray) und
sein Zusammentreffen mit der schönen Einheimischen Herrscherin
Andamana (Tabea Blumenschein) erzählt und wie diese vom Großinquisitor
(ebenfalls Delphine Seyrig alias Dr. Mabuse) ermordet wird. Dorian
Gray verliebt sich in die Schauspielerin der Andamana, die Wirren
dieser Liebesgeschichte sind das Thema für die Bouledvardpresse,
die als Nachfolgerin der Inquisition verstanden wird. Das Ende des
Films ist bereits bekannt. Wie die drei Damen der Königin der
Nacht in der "Zauberflöte" hat Frau Dr. Mabuse drei
Begleiterinnen, Susy, Golem und Passat, Namen, die sich auf Computerprogramme,
die zur Überwachung der Auflagenentwicklungen auf der ganzen
Welt dienen, beziehen. Hollywood, der Diener von Dorian Gray ist
ihm, wie er sagt, Mutter und Vater zugleich ist. Eindrucksvoll die
Pressezentrale, wo auf zahlreichen Monitoren anhand von weltweiten
Testkiosken die aktuellen Auflagenzahlen abgerufen werden, oder
der Saal in dem der Presseball stattfindet, dessen Oberfläche
zur Gänze aus Zeitungspapier besteht, den riesige Haufen von
zerknülltem Zeitungspapier dekorieren. Wieder treffen wir hier
auf eine Frau als absolute Herrscherin, sie repräsentiert die
Macht der Medienkonzerne. "
die Boulevardzeitungen üben
keinen direkten Zwang aus, eine Verführung vielmehr
Es ist eine Verführung, sich dieser Medien zu bedienen, die
wichtige Informationen unterdrücken. Politik ist hier
tabu X = U, X = U' (Zitat Presseballsong). Das ist ein sehr gefährliches
Zusammentreffen einiger Faktoren, dass die, die Intelligenz haben,
die Psychologie nur noch dazu benutzen, um höhere Auflagen
zu erzielen. Das ist es, was heute international eine ganze Weltanschauung
ersetzt: das Streben nach Beherrschung des internationalen Marktes,
und zwar auf sehr geschickte Weise."
Die Berlin Trilogie zeigt drei sehr unterschiedliche Erzählungen,
einmal diejenige einer einzigen Frau, die in sich selbst gefangen
ist, dann die Historie der Repression bestimmter Gruppen und schließlich
die Analyse eines gegenwärtigen Machtsystems.
Abschließend befasse ich mich mit dem letzten Film Prater,
der im Februar diesen Jahres uraufgeführt wurde. Er dient als
Beispiel für einen dokumentarischen Film. Ich versuche damit
ansatzweise einen Anschluss an die gegenwärtige Produktion
von Ulrike Ottinger zu finden, wissend, dass ich wichtige Arbeiten
übersprungen habe. Nach den epischen Dokumentationen beginnend
mit China. Die Künste der Alltag, 1985 oder Taiga, 1992 und
Südostpassage, 2002, die riesigen Landschafts- und Sittenbildern
gleich, sich gewaltig manchmal bis zu über acht Stunden ausbreiten,
ist Prater eine kleine Miniatur von 104 Minuten, mit schneller Schnittfolge,
fein ziseliert in allen Details. Ein Tagesablauf von der Mittagszeit
bis in die Nacht im gegenwärtigen, vom Abbruch bedrohten Prater,
erscheint verwoben mit seiner Geschichte, seiner Musik, seinem Auftreten
in Literatur, Film und Fotografie. Der Wurstelprater ist der älteste
Vergnügungspark der Welt und wurde von Nikolai Kobelkoff einem
Russen ohne Arme und Beine, der sich in eine Frau in Wien verliebte,
gegründet. Kurze Ausschnitte aus Freak Orlando mit den Zwergen,
der Dame ohne Arme und Beine, wie eine Schwester der Gründerfigur,
bringen diese Personen mit einem der Orte in Verbindung, an denen
sie von Anfang an angesiedelt waren, entstanden sind und existiert
haben. Mehrere Fahrten durch die Geisterbahn oder eine mit dem Ejection
Seat, Interviews mit Praterfamilien über die Geschichte ihrer
Familienbetriebe, Spezialauftritte von Elfriede Gerstl, Elfriede
Jelinek u.a. verbinden sich zu einem Panorama der über 100
jährigen Geschichte dieses Ortes. Jahrzehntelang war der Prater
ein Ort der Initiation für Jugendliche am Tag der Firmung.
1905 eröffnete ein Ringelspielbesitzer dort das erste Stummfilmkino
in Wien, das später auch ins erste Tonfilmkino umgewandelt
wurde. "Schaubuden werden hier Illusionsgeschäfte genannt,
und das trifft ja auch für das Kino zu. Es arbeitet mit der
Strategie der Verführung, zu der auch die eigene Imagination
kommen muss, damit die Sache aufgeht. Speziell bei diesem Film habe
ich nochmals über das Thema Illusion und Imagination, Imitation
und Simulation, beziehungsweise Simulationstechniken, neu nachgedacht.
Das frühe Kino ist ja ein Kino der Attraktionen, und seine
Geburt ist der Rummel." Im Film tritt - das dokumentarische
Verfahren konterkarierend - Barbarella (Veruschka) wie eine böse
Barbiepuppe auf, schießt mit Pfeil und Bogen einen kleinen
Affen, wirft sich in die Arme eines schwarzen Ungeheuers und wird
gegenüber gestellt einem Kasperltheater von King Kong. Ulrike
Ottinger: "Die Fiktion kommt der Realität erschreckend
nah, und die Realität ist eine Konstruktion, manchmal eine
Illusion."
Diese Feststellung gilt für das gesamte Schaffen von Ulrike
Ottinger, insbesondere aber für das Verhältnis zwischen
den Dokumentationen und den fiktionalen Filmen. Sie sind zwar als
Genre getrennt, weil einmal die Landschaft, die Städte, die
Menschen die Darsteller sind, ein andermal Personen und Landschaften,
die der Imagination der Künstlerin entspringen. Allerdings
besteht Ulrike Ottinger darauf, dass es auch bei letzteren nicht
um ihre Phantasien geht, sondern um ganz reale Beobachtungen. "Meine
Phantasie setzt da ein, wo ich die Dinge miteinander verbinde"
meint sie zu ihren Spielfilmen. Ihre dokumentarische Methode ist
gekennzeichnet durch Achtsamkeit und Respekt gegenüber dem
Anderen, die Filme zeugen oft von einer Langsamkeit, die der Natur
und den Menschen die ihnen notwendige Zeit der Beobachtung und Entfaltung
zugesteht.
Viele von Ottingers Filmen auch den fiktionalen sind Reiseberichte,
sie erzählen von einem Aufbruch zu neuen völlig unbekannten
Ufern, aber auch diese sind gefährlich, auch hier lauern Macht,
Gewalt und Grausamkeit. Die Geschichten erzählen von Liebe
und Sexualität, nicht aber von Heteronormalität, sondern
von der Normalität anderer Geschlechterdefinitionen und sexueller
Praktiken. Sie erzählen von Schönheit und von der Schönheit
dessen, was oft als hässlich bezeichnet wird, den körperlich
oder sozial Ausgegrenzten, Vergessenen, den Zwergen, Gauklern und
Transvestiten. Ottinger erzählt von der Weite der Landschaft,
dem Chaos der Städte, der Schönheit und Vielfalt der Märkte,
von Musik und Literatur. Sie erschafft ein Repertoire an Figuren,
von denen wir manchen in verschiedenen Filmen wieder begegnen, der
Drinkerin mit Einkaufswagen, den drei Frauen, die als Tagungsreisende,
als Assistentinnen von Frau Dr. Mabuse oder auch als drei nackte
Männer, die sterbenden Tugenden der freien Presse erscheinen
können, den Menschen mit Vogelköpfen, den Vögeln
mit Menschenköpfen, den Zwillingen Rechts und Links, den siamesischen
Zwillingen, der doppelköpfige Frau, der Dame ohne Arme und
Beine, dem Lebensbaum, eine nackte Frau, die aus dem Boden wächst,
aus deren Armen Zweige sprießen, dem Narziss, der in den Spiegel
schaut, den zwei alten Männern in schwarzen Roben, die sich
gegenseitig den Bart kraulen oder dem nackten Zwerg, der eine riesige
Dogge an der Leine führt, die beide wie Dalmatiner bemalt sind.
Die Filme von Ulrike Ottinger sind selbst wie Reisen, man muss sich
in sie hineinfallen lassen, sie genießen, wissend, dass man
sie nie ganz verstehen und dekodieren kann. Sie sind wie Opern oder
Theaterstücke, weil sie immer den Rahmen, den Blick, die Anwesenheit
der Autorin hinter der Kamera und ihre Fragen, das Künstliche
und Konstruierte mit zeigen. Sie sind ein großes sinnliches
Vergnügen, sie erzählen von Schönheit, Verführung,
Sexualität, aber auch Machtausübung, Gewalt und Folter,
von der Nähe und von der Ferne, von der Gegenwart und ihrer
Geschichte. Sie versuchen, für die Komplexität und die
zunehmende Unsichtbarkeit der verborgenden Strukturen der Welt,
Bilder zu finden.
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