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"... die Antworten, die die Mythenstoffe zu liefern scheinen,
erweisen sich auf den zweiten Blick jedesmal als offene Fragen,
als etwas, das noch nicht an sein Ende gekommen ist." (Anm.
1)
Es handelt sich zweifellos um einen Ort mythischer Inszenierung,
in dessen Bannkreis sich die Betrachter der siebenseitigen Zeltinstallation
begeben, die Ulrike Ottinger "Europa und dem Stier" gewidmet
hat [...].
Allein der bekrönende Stierschädel mit
der goldenen Sonnenscheibe zwischen dem Gehörn und die üppigen
Widdergeweihe, die sich wie schwere Locken über den Eingang
herabschlängeln, laden die Atmosphäre auf mit Konnotationen
archaischen Totemismus'. (Anm. 2) Auch die Mischung aus nomadischer
Hütte und Pyramidenzitat verweist auf eine imaginierte Herkunft
aus prähistorischer Zeit. Der Eintritt in das Innere jedoch
bleibt verwehrt. Wie die Chorschranke christlicher Sakralarchitektur
stellt sich der dreieckige Metallrahmen des Eingangssegments zwischen
"Kult"-Raum und Betrachter [...].
Der Blick bricht sich so an der Distanz der einseitig festgelegten
Sehrichtung von außen nach innen; die Aura bleibt gewahrt,
wenn man aus der genau bemessenen Ferne im gedämpften Licht
des Innern die scheinbar schwerelosen Gegenstände und ihre
Schattenrisse vor der himmelfarbenen Wandverkleidung wahrnimmt:
Ein Fächer aus Adlerfedern und ein afrikanischer Zaubererstab
mit geschnitztem Vogelkopf senken( Anm. 3) sich dort herab auf ein
horizontal aufgespanntes Neondreieck. Dabei überlagern sich
ihre Schatten derart, daß dem Widerschein des Totemvogels
Schwingen wachsen und er wie im lichterfüllten Äther emporzufliegen
scheint.
Analog zur ursprünglichen Wahrnehmung im platonischen Höhengleichnis
(Anm. 4) wird hier für einen Augenblick die absolute Gültigkeit,
wenn nicht Überlegenheit der Schattenbilder lebendig. Doch
unser Standpunkt "außerhalb der Höhle" zwingt
uns zurück zur geteilten Sicht auf eine "Wirklichkeit",
die stets zerfällt in die Dichotomie der Gegenstände und
ihrer Schatten, in die Ding- und die Ideenwelt.
Dennoch scheint in Ulrike Ottingers Re-Inszenierung eines archaischen
Kultortes ein Grundversprechen des Mythos auf, das sich aus der
animistischen Vorstellung von der ausnahmslosen und ungeteilten
Beseeltheit aller Dinge und Lebewesen ableitet. Die atmosphärische
Dichte, die die Binneninszenierung der Installation ausströmt,
gründet sich auf diesen Gedanken, der in allen Religionen aufgehoben
ist. Nicht zuletzt taucht er auch als Reminiszenz in der christlichen
Trinitätsvorstellung auf, als dessen Zeichen das Neondreieck
neben anderen Bedeutungsschichten gelesen werden kann.
Dieser magisch-religiöse Kern durchdringt die unendlichen Variationen
der Einzelmythen. So lassen sich im Umschreiten des Zeltes vielfältige
Modifikationen des Mythos von Europa und dem Stier ablesen. Die
Bildzitate leben dabei immer von der Relation zum zentralen mythologischen
Kern. Als dessen Kehrseiten bilden sie sich auf derselben (Zelt)Membran
ab, die auch das "Innere des Mythos" konstituiert. Trotz
ihrer Transformation durch unterschiedlichste Materialien und Kulturtechniken
- u. a. die "primitive" Holzschnittkunst, die antike Vasenmalerei,
den vorimpressionistischen Kolorismus oder die "modernen"
Techniken von Photographie und Neon - bleiben in Ulrike Ottingers
Installation die Archetypen als Konstanten präsent.
Ausgehend von den beiden Rahmensegmenten des Eingangs ist zur Linken
das malerische Zitat einer expressionistischen Darstellung des Europa-Themas
nach Max Beckmann (Anm. 5) zu sehen, zur Rechten eine heiter-erotische
Version nach Gustave Moreau. (Anm. 6) Sie markieren zwei emotionale
Extreme der künstlerischen Umsetzung des Themas.
Beckmanns 1933 (Anm. 7) gemalter "Raub der Europa" ist
in der apokalyptischen Darstellung von Gewalt ein radikaler Kommentar
auf das damalige Zeitgeschehen. Analog den gefesselten und gefolterten
Menschen seiner Triptychen ist die nackte Europa dem schwarzen Stier
über den Schultergürtel gebunden; ihr zum verzweifelten
Schrei geöffneter Mund entspricht dem Ausdruck des sich aufbäumenden
Stiers, der ebenso wie sie gewaltsam in den verengten Bildrahmen
verkeilt ist.
Das Gustave-Moreau-Zitat (Anm. 8) auf der rechten Seite der Zeltöffnung
bezeichnet dagegen den anderen, lichten, erotischen Pol; Europa
und der Stier bilden hier ein Paar, überfangen von einem Eros,
der von ihrer Liebe kündet. Zärtlich schmiegt sich Europa
an die Rückenlinie des weißen Stiers, ihr goldblondes
Haar fällt an seinem Haupt entlang und vereint sich mit dem
Strahlenkranz seines Sonnennimbus. Das weibliche Sexualsymbol des
Blumen- bzw. Jungfernkranzes hat sie bereits als Halsschmuck an
ihren Geliebten entäußert. Der in den Lüften aufwogende
Mantel wie auch der Galoppschritt des Stiers sind Zeichen für
die Vehemenz ihrer Leidenschaft. Dennoch strömt das Moreau-Zitat
eine gelassene Heiterkeit aus, die der gewaltsamen Arretierung des
Beckmann-Flügels diametral entgegensteht.
An das erotische Zitat des 19. Jahrhunderts schließt sich
in der Installation ein Kompartiment an mit der Europa-Darstellung
einer rotfigurigen Vase aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. (Anm. 9);
hier handelt es sich um die außergewöhnliche Version
der neben dem Stier schreitenden Europa, die das Tier mit ihrer
Hand neckisch am linken Horn führt [...]. Der Stier, in
weicher Umriß- und Binnenzeichnung modelliert, schaut milde-ergeben
aus großen Augen seine schöne Verführerin an. Eine
Metaebene antiker Dichtung wird hier manifest, die Europa zwar ihre
Schönheit als passives Charakteristikum zugestand, die aber
die Heidin als handelndes Subjekt im Liebesspiel mit dem göttlichen
Werber umwandelte in ein Opfer verfolgter und geraubter Unschuld
(Anm. 10).
Über der Szenerie prangt wuchtig das Haupt der Medusa, das
mit seiner Verschmelzung von Frauengesicht, Maske und Tierkopf den
bannenden Schrecken des Monströsen ebenso verkörpert wie
das Moment des Grotesken, ein Hinweis darauf, daß die Überschreitung
von Wesens- und Formenschranken, wie sie auch im Europa-Mythos auftaucht,
als Voraussetzung des Übernatürlichen, Göttlichen
galt.
Das folgende Zeltsegment führt zurück auf die magisch-totemistische
Materialität eines schwarzweiß gefleckten Stierfells,
das einer Landkarte ähnlich vor uns ausgespannt ist. Der abgeschnittene
Schwanz ist an die Dreiecksbasis appliziert; er züngelt sich
wie eine Flamme empor und weist hinauf zur Spitze des Zeltdaches,
wo - wie zuvor das Gorgonenhaupt - der Stierschädel mit der
Sonnenscheibe frontal, in seiner vollen suggestiven Bannkraft, thront.
Eine konsequente Verschiebung bildet hier die nächste Bildkonstellation
[...], die Zitate des "magischen Realismus", der
"pittura metafisica" eines Giorgio de Chirico kombiniert
mit einer zur Schablone geronnenen, puppenhaften Votiv-Madonna.
Beide Aspekte versetzen uns in die mediterrane, hispanische Atmosphäre
von Katholizismus und Stierkampf, von Machismo und seinem Komplement
des latent matriarchalen Marienkults. Der Torero taucht jedoch nur
noch als Schatten auf zwischen verödeter, antikisierender Monumentalarchitektur;
sein Degen geht ins Leere. Im azurblauen Himmel darüber schwebt
die Gnadenmadonna mit der Halbmondsichel bzw. dem Stiergehörn
zu ihren Füßen. Im trichterartigen Schutzmantel doppelt
sich die Zeltform der gesamten Installation, als berge die christliche
Himmelsgöttin auch die archaischen Überlieferungen sowohl
der jungfräulichen als auch der Muttergottheiten in sich. Gleichzeitig
fungiert sie als deren Überwinderin, indem sie sich über
die heidnischen Zeichen des Halbmondes und des phallischen Stierhorns
erhebt, so wie sie der "Schlange den Kopf zertritt".
In der nächsten Szene schließlich gilt die Vernichtung
des Stiers scheinbar keinem symbolischen Gehalt mehr; die lebensgroße
Photographie einer Schlachthausszene gibt sich "realistisch".
In der Körperbiegung des Schlächters scheint sich zwar
die Haltung des Schattentoreros zu wiederholen, aber nicht die Geschicklichkeit
des Stierkämpfers wird hier wirksam, sondern der routinierte
Griff professionellen Tötens trennt den Kopf vom Rumpf.
Die Nahaufnahme der Tötungsmaschine im oberen Bildteil liest
sich in diesem Zusammenhang wie eine Tautologie. Sie funktioniert
wie die nachdrückliche Beteuerung, hinter dem Vorgang des Schlachtens
verberge sich kein Geheimnis mehr. Vordergründig scheint hier
der Mythos endgültig seiner Substanz beraubt, wäre da
nicht das Pathos, mit dem die Entmythologisierung selbst immer wieder
auf die eigenen Wurzeln hinweist. Denn auch im Zwang der sich wiederholenden
Vergewisserung, daß der Mythos endgültig überwunden
sei, schreibt sich dieser unendlich fort.
Katharina Sykora
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| Anmerkungen
1 Zitiert nach R. Schlesier (Hrsg.), Faszination
des Mythos. Studien zu antiken und modernen Interpretationen, Basel
und Frankfurt a. M. 1985, Vorwort S. 7.
2 Vgl. dazu etwa die frühen Stierdarstellungen
aus dem Paläolithikum, z. B. in den Höhlen von Lascaux
und Altamira, und ihr konstantes Auftauchen in voneinander völlig
unabhängigen Kulturen und Zeiten, u. a. in Zentralasien, Europa
und Afrika.
3 Auch der Stab mit dem Vogelkopf, der bei afrikanischen
Naturvölkern vorkommt und dem ägyptischen Ewigkeitsstab
des Osiris ähnelt, taucht bereits in Lascaux in einer Höhlenzeichnung
auf, die im nachhinein den Titel "Der Zauberer" erhielt.
4 Platon, Der Staat (7. Buch).
5 Max Beckmann, "Der Raub der Europa",
1933. - S. a. Kapitel 15, S. 196.
6 Gustave Moreau, "Entführung der Europa",
Paris 1869.
7 Das Bild entstand nach seiner Emission aus der
Frankfurter Städelschule durch die Nationalsozialisten.
8 In der Umsetzung der Moreau-Vorlage ist gleichzeitig
"eine kleine Geschichte des Impressionismus" (U. Ottinger)
aufgehoben: Vom unteren Bildbereich, in dem die glasfensterartige
Pigmentierung Rouaults wiedergegeben ist, bis zur Duftigkeit des
Pointillismus in den oberen Sphären wird angedeutet, wie der
Einfluß Moreaus, der zu seinen Lebzeiten keine adäquate
Anerkennung fand, in die Werke seiner Schüler eingegangen ist.
9 Europa-Darstellung des sog. "Berliner Malers"
auf einem Glockenkrater des rotfigurigen Stils, Tarquinia, Museo
Nazionale.
10 Ein weiterer Subtext dieser Vasendarstellung verweist
auf die analogen Schilderungen bacchantischer Opfermysterien, innerhalb
deren eine Mänade den Stier zum Altar des Dionysos führt,
dem er zum Schlachtopfer gebracht wird. Vgl. Zahn 1983, S. 32ff.,
und I. Lindner, Die rasenden Mänaden. Zur Mythologie weiblicher
Unterwerfungsmacht, in: Barta 1987, S. 282ff.
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