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Katharina Sykora
Hinter Glas
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Abb.1: Ulrike Ottinger, Fotoladen
in Beijing, 1984
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| Fotos hinter Glas sehen: nicht im
Museum oder in der Galerie, sondern auf der Straße,
überraschend, während einer Reise etwa, wenn
der Blick in ein Schaufenster fällt, in die Auslage
eines Fotoladens.
Reisen ist Bewegung im Unbekannten, Fotografieren
ist Einbetten eines vergangenen Augenblicks ins Bild,
das wir dauernd anschauen können. China ist nicht
Deutschland und 1984, 1991 oder 1996 sind nicht 2005.
Angesichts von Ulrike Ottingers Aufnahmen der Auslagen
chinesischer Fotoläden bleibt unser Sehen daher
immer gespalten. Genau von dieser Doppelrolle erzählen
ihre Fotografien, darin liegt ihre Geschichtlichkeit.
Denn sie zeigen uns die Zeitspanne zwischen der Entstehung
der Aufnahmen, die wir durchs Fenster in der Auslage
sehen, dem Augenblick, als die Fotografin ihr Bild
macht, und unserem Blick auf ihre Fotografie. Die
Zeitebene der Fotos in der Vitrine gibt sich dabei
als Vergangenheit zu erkennen, da uns die Plastikblumen
an mediterrane Friedhofsdekorationen erinnern, und
uns das spärliche Arrangement der Abzüge
ebenso altmodisch erscheint wie die Frisuren und Kleider
der Porträtierten. Dennoch bleibt der historische
Index vage. Die kulturelle Differenz lässt den
zeitlichen Abstand im Unbestimmten. Uns fehlen Wissen
und Erfahrung im Umgang mit den Konventionen von Kleidern,
Gestik und Mimik in der Atelierfotografie Chinas,
um sie einer genauen Zeit zuzuordnen. Ebensowenig
können wir aus dem Foto den historischen Zeitschnitt
der Entstehung von Ottingers Aufnahme ablesen. Er
schreibt sich zwar visuell durch die Spiegelung des
Außenraums auf der Scheibe des Schaufensters
in die Fotografie ein und hält so jenen Moment
und Ort fest, den die Fotografin vis-à-vis
der Auslage einnahm. Wir gewinnen aber keine Indizien,
wann dies gewesen ist. Lediglich die Jahreszeit wird
durch die laublosen Äste ins Bild gesetzt. Was
bleibt, ist das Wissen um die Zeitdifferenz zwischen
den ausgestellten Fotos und ihrer fotografischen Aufnahme.
Und dennoch sind beide Zeitebenen durch die visuelle
Überblendung ihrer Raumebenen verschmolzen. Die
Membran der Glasscheibe verknüpft den Außenraum
der Fotografin mit den Atelierfotos im Schaufenster
auf einer Bildebene und amalgamiert deren Zeit und
Ort für einen bestimmten Augenblick. Es ist der
spezifische Moment der fotografischen Aufnahme. Er
hebt die raumzeitliche Trennung der Fotos, die wir
hinter dem Glas sehen, und der Entstehungssituation
des Schaufensterfotos, auf deren Spiegelung wir blicken,
in sich auf.
In der Fotografie von Ulrike Ottinger, entstanden
1984 in Beijing, bringt das einen besonderen Effekt
hervor. Jener andere Zeitsprung - der zwischen der
Aufnahme und unserer Betrachtung des Fotos - rückt
ins Bildbewusstsein. Und er wird zugleich überbrückt.
Denn durch die frontale Kameraposition und die Wahl
des Ausschnitts, der keinen Millimeter Außenraum
zeigt, ist die Fotografie dem Schaufenster so nahe
gerückt, dass Fotolinse und Glas in eins zu fallen
scheinen. Wir sehen durch die Fotografie wie durch
die Scheibe. So verschmelzen nicht nur Raum und Zeit
der Atelierfotos und der Aufnahme Ottingers miteinander,
sondern auch Raum und Zeit der Betrachtung des Fotos
nähern sich ihnen an. Der Sprung über die
heterogenen Zeitschichten wird hier als optisches
Zusammenziehen getrennter Räume visualisiert.
Er wird im selben Bild aber auch in seiner ganzen
Doppeldeutigkeit wirksam, erzählt er doch zugleich
über die Unvereinbarkeit von historischer Zeit
und Gegenwart. Denn die Fotografie thematisiert sich
in der Verbindung mit dem Schaufensterglas nicht nur
als Durchblick, sondern zugleich auch als Aufsicht
auf die Spiegelung. Und die trennt unsere BetrachterInnenposition
wieder vom Objekt unseres Blicks. Wir werden uns der
anderen, separierten Zeit und Örtlichkeit unseres
Schauens bewusst.
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Abb.2: Ulrike Ottinger, Retuscheur
in Beijing, 1984
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Kommen die Außenräume der Fotos hinter
Glas ins Spiel, erzählen sie eine weitere Geschichte.
Mit zunehmendem Abstand vom Schaufenster gewinnt die
Auslage einen Rahmen und manchmal eröffnet sich
ein Interieur dahinter. Der Raum des Fotoateliers
gewinnt so an Bedeutung. Die Auslage wird dabei zur
Bühne und die Porträts zu Akteuren, die
ihren besonderen Status in Abgrenzung zur Welt des
Alltags, dessen Leben an ihnen vorbei zieht, betonen.
Das Herausgelöstsein aus dem Gewöhnlichen
und aus dem Fluss der Zeit wird zum Ausrufungszeichen,
das uns beim Vorübergehen anhält und auf
sie aufmerksam macht. Die Stillegung der fließenden
Zeit durch das fotografische Medium zeigt sich hier
demonstrativ vor. Der Rahmen des Schaufensters wird
dabei zum Bühnenrahmen, der unseren Blick hinter
das Glas mit einem unausgesprochenen "Vorhang
auf" begleitet. Dort sehen wir aber nicht nur
die Fotos der Auslage, sondern wir erhalten Einblick
hinter die Kulissen. Wir dürfen dem Retuscheur
dabei zusehen, wie er die fotografischen Porträts
mit dem Pinsel verschönert. Er wird so zum Impresario
des Auftritts der Fotoporträts in seinem Schaufenster,
das nicht den Blick auf die Welt und ihre Akteure,
sondern auf gestaltete Bilder von ihnen, das heißt
auf ein kleines Welttheater, bietet. Eine im Alltag
eingebettete Theatralität der Bilder blitzt hier
auf, die durch Ottingers Aufnahme ganz beiläufig
wieder aus dem Alltag herauspräpariert wird.
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Abb.3: Ulrike Ottinger, Fotoladen,
Shanghai, 1996
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| Was aber passiert, wenn die Fotografien
die Schwelle des Schaufensters überschreiten, in
mobilen Gestellen nach außen wandern und uns in
der Türschwelle, an der Hauswand, auf der Straße
begegnen? Sie sprechen davon, dass die Bildakteure nicht
allein dem Kunstraum verhaftet sind. Die Porträts
kommen ja aus dem Alltag vor dem Schaufenster, sie sind
dem dortigen Zeitstrom entrissen. Verschönert und
auf der Schaufensterbühne aufgestellt, finden sich
hier Konterfeis von Personen zusammen, die einander
vielleicht nie begegnet sind. Die Auslage wird so zu
einem kleinen Kosmos, der seine Bildakteure aber nicht
nur durch Zufall, sondern auch mit System vereint. Denn
die Porträts, Baby- und Hochzeitsfotos weisen bereits
gezielt auf ihre soziale Funktion außerhalb des
Fotoladens hin. Sie dienen der Verstetigung des Schönen
und Festlichen, das heißt des positiven Augenblicks
im persönlichen Leben. Neben dem diachronen Sprung
durch die Zeitschichten bringen die Fotos im Schaufenster
des Fotoladens daher die synchrone Verknüpfung
des individuell und kollektiv Bedeutsamen und Gewünschten
hervor. Was hier keine Aufnahme findet, ist sozial unverträglich.
Als Sendboten einer idealen Ordnung treten die Fotos
von hier aus ihren Weg in die gesellschaftlichen Räume
jenseits der Auslage an. Das Schaufenster wird so nicht
nur als Kunst- und Schauraum ausgewiesen, sondern es
wird auch zum Modell eines sozialen Raums für die
BetrachterInnen der Fotos. Und die sind nicht nur die
Passanten und Passantinnen in Shanghai von 1996, sondern
einmal mehr wir selbst, die wir das Foto Ottingers hier
und heute anschauen. Es erzählt also nicht nur
die Geschichte einer sich verändernden sozialen
Ordnung im China der 90er Jahre, die an westlichen Vorbildern
orientierte Porträts junger Männer und Frauen
mit denen ehrwürdiger VertreterInnen der älteren
Generation vereint. Es macht uns auch auf unseren eigenen
Gebrauch der Fotografie aufmerksam. Denn auch wir schaffen
durch Fotos, die wir zeigen und die wir nicht zeigen,
Bilder, die wir zur Hand nehmen oder nicht, soziale
Ordnungsmodelle, die wir und uns bestimmen.
Im Grasland der Mongolei führen die Menschen
im Umgang mit der Fotografie all diese Funktionen
zusammen. Bei den Nomaden gibt es zwar keine Fotoläden,
wohl aber Fotos hinter Glas. Dort müssen die
FotografInnen und die Bilder gleichermaßen mobil
sein. Die einen sind willkommene Gäste, die anderen
beliebte Geschenke. Denn im Rundzelt beherbergen die
Familien auf ihrem Altar einen Schrein mit Fotos der
Familienmitglieder. Bilder der Alten und Jungen, der
Verstorbenen und gerade Geborenen versammeln sich
mit denen des geistigen Führers oder mit animistischen
Ahnenfiguren. Die Fotos hinter Glas haben hier verbindende
Funktionen, sie markieren weniger den Zeitschnitt
und die separierten Räume. Sie stellen die soziale
Ordnung dar und her - quer zu vergangenen und gegenwärtigen
Zeiten. Und sie verknüpfen den Alltagsraum der
Familien mit dem geistigen Raum der Götter und
Vorfahren. Die Fotos hinter Glas sind hier auch Agenten
der Vermittlung zwischen der stillgestellten Zeit
als Zeichen des Immerwährenden und der fließenden
Zeit der Gegenwart. Vor ihnen wird geopfert und sie
haben teil am Leben.
In der Aufnahme des mongolischen Hausaltars kommt
die Fotografie daher gleichsam zu sich selbst. Durch
das Foto Ulrike Ottingers schauen wir nicht nur hinter
das Glas und sehen dort ein teatrum sacrum oder das
Idealmodell einer sozialen Ordnung. Vielmehr wird
die Fotografie in solchen Aufnahmen selbst zum gläsernen
Schaufenster, in dem wir uns spiegeln und vor dem
wir uns beim Schauen zuschauen.
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Abb.4: Ulrike Ottinger, Altar im
Innern einer Jurte, Äußere Mongolei, 1991
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