Südostpassage
Eine Reise zu den neuen weißen Flecken auf der Landkarte Europas


Ein Film von Ulrike Ottinger

Deutschland 2002
DV-CAM / Digibeta, Farbe und Schwarz-Weiß, 363 Minuten

OmU, Englisch oder Deutsch

1. Teil (128 Min.): Wroclaw - Varna
2. Teil (142 Min.): Odessa
3. Teil ( 93 Min.): Istanbul
  
Ulrike Ottinger Filmproduktion, Berlin
Im Auftrag und mit Unterstützung der Documenta 11
Gefördert mit Mitteln der Hessischen Filmförderung

Premiere: 6. Juni 2002, Documenta 11, Kassel
Festivals: Rotterdam, Berlin, Jerusalem u.a.

im Verleih der
Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V.
Über den Film
Kennen Sie den Roman "Die Zwölf Stühle?"
Nicht?
Dann sollten Sie die Geschichte unbedingt kennenlernen. Das listige Autorenpaar Ilja Ilf und Jewgeni Petrow - die "männlichen Brontë Sisters" von Odessa - , sie ließen sich mit einem Bleistift abbilden, den sie gemeinsam halten, begibt sich auf der Suche nach den zwölf Stühlen auf eine Reise kreuz und quer durch das riesige Sowjetreich. Von West nach Ost, von Nord nach Süd. Die zwölf Stühle, die einst zu einer ansehnlichen Salon-Garnitur gehörten, sind inzwischen - im Lande verstreut - bei den unterschiedlichsten Besitzern gelandet. Keiner ahnt, dass in einem der gepolsterten Stühle ein riesiges Vermögen steckt.
      Ich wußte um diesen verborgenen Schatz. Und so begab ich mich auf eine Reise zu den Menschen und Ländern der südöstlichen Hemisphäre. Sie wurde auch zu einer Begegnung mit den Göttern meines Kunst-Pantheons.
      Als Kind besaß ich ein Stilquartett der Moderne und so hatte ich früh gelernt, dass die Architekten sich ihre Tempel, die Waren- und Bürohäuser, selbst erbaut und die Schriftsteller in ihren Tempeln, den modernen Kaffeehäusern der Metropolen, ihren Ruhm sich selbst erschrieben hatten. Die Stühle, auf denen sie einst schreibend oder in angeregter Gesellschaft saßen, wurden im Verlauf der Zeit zu Exekutionswerkzeugen oder zu Schleudersitzen, die sie in die Emigration trieben.
      Heute sitzen auf diesen Stühlen die Trafikantinnen, die Zigaretten einzeln verkaufen, oder selbst gefangenen, selbst geräucherten Fisch, selbst geröstete Sonnenblumenkerne, selbst gezogene Gemüse, selbst erhandelte Billigwaren anbieten, die sie von weit entfernten Containermärkten und Busbahnhöfen in gestreiften Plastiktüten selbst herbei geschleppt haben.
Ulrike Ottinger



Konzeptionelles
Orte und Welten abseits des medialen Interesses sind dem Gesetz des Vergessens preisgegeben. Der Scheinwerfer erlischt und im Dunkel liegt, was dringend der öffentlichen Aufmerksamkeit bedarf: Armut, Ausweglosigkeit und Angst der Bevölkerung gegenüber Staats- und Bandenterror, mafiotischen Geschäftspraktiken und paramilitärischer Willkür.
      Es handelt sich nicht um eine Reise in ein fernab gelegenes Land, außerhalb unseres Kulturkreises, sondern es geht auf den alten Transit- und Handelswegen durch die verfallenen Imperien Südosteuropas. Die am Straßenrand gesammelten Bilder destillieren aus einer Fülle von kleinen, aber bezeichnenden Beobachtungen etwas Wesentliches: Die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit der Lebensverhältnisse.

Fotografien

Die gezeigten Fotografien sind ausschließlich in der Fahrtbewegung durch die Windschutzscheibe des Autos entstanden. Sie fokussieren den Straßenalltag und zeigen gleichzeitig seine Bewegungen. Das Auto wird zum erweiterten Kameragehäuse, das sich in den Bewegungsunschärfen der aufgenommenen Bilder manifestiert. Die schnell vorbeiziehenden Situationen müssen blitzschnell erkannt und wie ein Tischtennisball im Flug eingefangen werden - exakte Alltagsbeobachtungen, umgeben von den Unschärfen der flüchtigen Passage.

Film
Das bewegte Bild des Films folgt der Reisebewegung, dem geographischen Faden durch Südosteuropa von Berlin über Polen, Tschechien und die Slowakische Republik, über Rumänien und Bulgarien ans Schwarze Meer; weiter geht die Reise per Frachtschiff nach Odessa in die Ukraine und von dort aus an der Küste entlang zu seinem südöstlichsten Punkt, Istanbul. Gezeigt werden Straßen, Märkte, Dörfer, Städte und Architekturen. Aus der Begegnung mit Menschen und ihren Orten entstehen filmische Miniaturen. Diese vergleichen fast unmerklich das Neue und das Alte, deuten an und werden deutlich.

Nach der Perestroika und dem Fall der Mauer sind die staatlichen Grenzen offener, in ihrer realen Auswirkung jedoch unüberwindlicher geworden. Und sie sind unsichtbar. Riesige staatliche Territorien wurden zu weißen Flecken auf der politischen Landkarte, verwahrloste Gegenden, von der Umstrukturierung der Industrie und Landwirtschaft ins wirtschaftliche Chaos geworfen. Hier entstanden, vom internationalen Blick unbemerkt oder verleugnet, undurchsichtige Machtstrukturen, die den Menschen ihre Existenzsicherung zusätzlich erschweren. Nicht mehr von den alten "Helden der Arbeit", sondern von den "neuen Heldinnen und Helden" im Überlebenskampf ist hier zu sprechen, die mit großem Mut und unerschöpflicher Phantasie versuchen zurechtzukommen. Sie sind es auch, die die unsichtbaren Grenzen immer wieder durchlässig machen. Wir begegnen diesen neuen Nomaden (sie waren früher Lehrer, Anwälte, Bauern, Handwerker) handeltreibend an den Schlagbäumen der vielen Landesgrenzen, an den Rändern der mittleren und kleinen Straßen, in den fast verlassenen Gespensterdörfern der ländlichen Gegenden, auf Märkten und Busbahnhöfen und in den brodelnden Städten Odessa und Istanbul.

Ulrike Ottinger
© Ulrike Ottinger

Verleih
:
Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V.
Potsdamer Str. 2
D-10785 Berlin
Deutschland
Ansprechpartner: Karl Winter
fon +49-30-269 55 150
fax +49-30-269 55 111

Verkauf:
Erhältlich auf DVD und VHS
bei
Ulrike Ottinger Filmproduktion