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der Texte Ulrike Ottinger Einleitung Ulrike Ottinger Konzeptionelles Hamza Walker Video Verité Katharina Sykora und Ulrike Ottinger Last Passages Von Odessa nach Istanbul und zurück nach Nordwest Katharina Sykora Frauen in Odessa Lebenskünstlerinnen an der Grenze Katharina Sykora Ikonen des Abwesenden Rainer Herrn Vergessenes Europa - Rumänien Ulrike Ottinger Ost-Süd-Ost Eine Reise zu den blinden Flecken auf der europäischen Landkarte Über
den FilmKennen Sie den Roman "Die Zwölf Stühle"? Nicht? Dann sollten Sie die Geschichte unbedingt kennenlernen. Das listige Autorenpaar Ilja Ilf und Jewgeni Petrow - die "männlichen Brontë Sisters" von Odessa - , sie ließen sich mit einem Bleistift abbilden, den sie gemeinsam halten, begibt sich auf der Suche nach den zwölf Stühlen auf eine Reise kreuz und quer durch das riesige Sowjetreich. Von West nach Ost, von Nord nach Süd. Die zwölf Stühle, die einst zu einer ansehnlichen Salon-Garnitur gehörten, sind inzwischen - im Lande verstreut - bei den unterschiedlichsten Besitzern gelandet. Keiner ahnt, dass in einem der gepolsterten Stühle ein riesiges Vermögen steckt. Ich wußte um diesen verborgenen Schatz. Und so begab ich mich auf eine Reise zu den Menschen und Ländern der südöstlichen Hemisphäre. Sie wurde auch zu einer Begegnung mit den Göttern meines Kunst-Pantheons. Als Kind besaß ich ein Stilquartett der Moderne und so hatte ich früh gelernt, dass die Architekten sich ihre Tempel, die Waren- und Bürohäuser, selbst erbaut und die Schriftsteller in ihren Tempeln, den modernen Kaffeehäusern der Metropolen, ihren Ruhm sich selbst erschrieben hatten. Die Stühle, auf denen sie einst schreibend oder in angeregter Gesellschaft saßen, wurden im Verlauf der Zeit zu Exekutionswerkzeugen oder zu Schleudersitzen, die sie in die Emigration trieben. Heute sitzen auf diesen Stühlen die Trafikantinnen, die Zigaretten einzeln verkaufen, oder selbst gefangenen, selbst geräucherten Fisch, selbst geröstete Sonnenblumenkerne, selbst gezogene Gemüse, selbst erhandelte Billigwaren anbieten, die sie von weit entfernten Containermärkten und Busbahnhöfen in gestreiften Plastiktüten selbst herbei geschleppt haben. Ulrike Ottinger Verzeichnis Konzeptionelles Orte und Welten abseits des medialen Interesses sind dem Gesetz des Vergessens preisgegeben. Der Scheinwerfer erlischt und im Dunkel liegt, was dringend der öffentlichen Aufmerksamkeit bedarf: Armut, Ausweglosigkeit und Angst der Bevölkerung gegenüber Staats- und Bandenterror, mafiotischen Geschäftspraktiken und paramilitärischer Willkür. Es handelt sich nicht um eine Reise in ein fernab gelegenes Land, außerhalb unseres Kulturkreises, sondern es geht auf den alten Transit- und Handelswegen durch die verfallenen Imperien Südosteuropas. Die am Straßenrand gesammelten Bilder destillieren aus einer Fülle von kleinen, aber bezeichnenden Beobachtungen etwas Wesentliches: Die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit der Lebensverhältnisse. Fotografien Die gezeigten Fotografien sind ausschließlich in der Fahrtbewegung durch die Windschutzscheibe des Autos entstanden. Sie fokussieren den Straßenalltag und zeigen gleichzeitig seine Bewegungen. Das Auto wird zum erweiterten Kameragehäuse, das sich in den Bewegungsunschärfen der aufgenommenen Bilder manifestiert. Die schnell vorbeiziehenden Situationen müssen blitzschnell erkannt und wie ein Tischtennisball im Flug eingefangen werden - exakte Alltagsbeobachtungen, umgeben von den Unschärfen der flüchtigen Passage. Film Das bewegte Bild des Films folgt der Reisebewegung, dem geographischen Faden durch Südosteuropa von Berlin über Polen, Tschechien und die Slowakische Republik, über Rumänien und Bulgarien ans Schwarze Meer; weiter geht die Reise per Frachtschiff nach Odessa in die Ukraine und von dort aus an der Küste entlang zu seinem südöstlichsten Punkt, Istanbul. Gezeigt werden Straßen, Märkte, Dörfer, Städte und Architekturen. Aus der Begegnung mit Menschen und ihren Orten entstehen filmische Miniaturen. Diese vergleichen fast unmerklich das Neue und das Alte, deuten an und werden deutlich. Nach der Perestroika und dem Fall der Mauer sind die staatlichen Grenzen offener, in ihrer realen Auswirkung jedoch unüberwindlicher geworden. Und sie sind unsichtbar. Riesige staatliche Territorien wurden zu weißen Flecken auf der politischen Landkarte, verwahrloste Gegenden, von der Umstrukturierung der Industrie und Landwirtschaft ins wirtschaftliche Chaos geworfen. Hier entstanden, vom internationalen Blick unbemerkt oder verleugnet, undurchsichtige Machtstrukturen, die den Menschen ihre Existenzsicherung zusätzlich erschweren. Nicht mehr von den alten "Helden der Arbeit", sondern von den "neuen Heldinnen und Helden" im Überlebenskampf ist hier zu sprechen, die mit großem Mut und unerschöpflicher Phantasie versuchen zurechtzukommen. Sie sind es auch, die die unsichtbaren Grenzen immer wieder durchlässig machen. Wir begegnen diesen neuen Nomaden (sie waren früher Lehrer, Anwälte, Bauern, Handwerker) handeltreibend an den Schlagbäumen der vielen Landesgrenzen, an den Rändern der mittleren und kleinen Straßen, in den fast verlassenen Gespensterdörfern der ländlichen Gegenden, auf Märkten und Busbahnhöfen und in den brodelnden Städten Odessa und Istanbul. Ulrike Ottinger Verzeichnis |
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Pressestimmen [...] Ulrike Ottingers sechseinhalbstündige »Südostpassage«, eine Reise von Berlin ans Schwarze Meer durch eine osteuropäische Landschaft, die auch im Off der nächsten Osterweiterung der EU liegen wird, ist vor einem Gesamtwerk zu sehen, das experimentelle (»Johnna dArc of Mongolia«) und orthodoxe ethnografische Strategien (»Taiga«) verbindet. Ottinger hat immer wieder den Fernen Osten erforscht. In »Südostpassage« nähert sie sich dem byzantinischen Einflussbereich und einer Kultur, die sich durch die Übergänge zwischen muslimischen und (ost-)christlichen Einflüssen sowie der jüdischen Gemeinden auszeichnet. Die Documenta fungiert unter den Produzenten des Films, der in der Binding-Brauerei in einem Projektionsraum neben Louise Bourgeois gezeigt wurde. Ottinger überschreitet die Nationalgrenzen auf dem Balkan, indem sie einen kulturellen Raum wiederherstellt, den auch die Regime des 20. Jahrhunderts nicht endgültig zerstören konnten. Die sonore Stimme eines englisch sprechenden Erzählers ergänzt die Bilder, vornehmlich Straßenszenen aus Breslau oder Odessa sowie diverses Material aus Literatur und Philosophie. Die »Südostpassage« ist durchaus einer ethnografischen Expedition vergleichbar. Der Verzicht auf einen direkten Ton (der in »Taiga« noch elementar wichtig war, tatsächlich im Sinn einer Naturgewalt) öffnet einen »dritten Raum« der Objektivität, aus dem die Beobachteten und die Beobachterin zu verschwinden drohen. [...] Bert Rebhandl, Areas of Refuge, Cinema in the diaspora of Documenta11, Springer 3/02 Seitenanfang [...] Very different yet just as visually seductive is Ulrike Ottinger's Southeast Passage: A Journey to New Blank Spots on the Map of Europe (the title obviously ironizes the earlier colonializing implications of "North West Passage"). Like Kanwar's film, Ottinger's 2002 record of a journey from Berlin through Eastern Europe and two urban expeditions, in Odessa and Istanbul, achieves its effects through film techniques that call attention to the medium itself. Although I didn't get to see all of the three-part, six-hour work - a common drawback in reviewing film presentations at art exhibitions - what I saw was memorable: a huge market in Odessa with row after row of food products and stout, feisty, mostly middle-aged women running the stalls. I was struck by the humanity of these women - no waifs here, no Botox, just big arms, ample busts, and lots of caustic interaction. Heaps of white cheeses, making their visual appeal amid pools of translucent whey, lashings of rich, opaque cream. Then the fishwives, to use the old term, offering up their glistening, fleshy catch, vying with one another to display the superiority of their wet, scaly wares and impatient for the sale. Here, among the market women, Ottinger constructs that seductive amalgam of nostalgia and utopia that so often filters our view of marginal, outmoded lives and practices. But Ottinger's market scenes make one think in more specifically economic terms as well. After all, this is buying and selling on display here, competition and comparison shopping, foregrounded by Ottinger's astute camerawork and the robust appearance of the products and their sellers. Are these succulent cheeses just a sheet of Pliofilm away from being the prepackaged products of our impersonal shopping malls? Can we talk of a contrast between use value and exchange value in the Marxist sense here? Or is a market always a market? [...] Linda Nochlin, artforum, September 2002 Seitenanfang Weißer Fleck im Gedächtnis Heute, an ihrem 60. Geburtstag, stellt Ulrike Ottinger ihr jüngstes Werk auf der Documenta vor Gemacht hätte sie den Film sowieso. Allerdings war völlig unklar, wie ihr Dokumentarfilm finanziert werden sollte. Kaum zu glauben: International wird Ulrike Ottinger gefeiert, in New York etwa gab es eine Ausstellung ihrer Fotografien und eine Retro ihrer Filme im "Museum of Modern Art" (MoMA). Aber in der Heimat gibt es keine Gelder mehr, um ihre Projekte zu fördern. Da kam die Einladung zur Documenta 11 gerade recht. Der künstlerische Leiter, Okwui Enwezor, hatte ihre Werke in New York kennen gelernt und wollte sie bei der weltgrößten Kunstausstellung unbedingt dabei haben. Dafür gabs auch ein klein bisschen Geld. Und weil deutsche Fördergremien immer nur lokal bezogen fördern, die Documenta aber in Kassel stattfindet, gabs sogar noch ein kleines Sümmchen der hessischen Filmförderung. "Das reichte natürlich bei weitem nicht für die Produktionskosten", so Frau Ottinger, "aber geholfen hat es doch." Dass Enwezor sie unbedingt dabei haben wollte, ist nur folgerichtig: Beider Thema ist der Kulturtransfer, ergo das Verhältnis verschiedener Kulturen zueinander. In der Vergangenheit ist die Filmemacherin aus Konstanz, die seit beinahe 30 Jahren in Berlin lebt und arbeitet, in die Taiga gefahren, in die Tundra und die Mongolei. In ihrem letzten großen Werk "Exil Shanghai" ging sie auf Spurensuche nach deutschen Autoren in Chinas Metropole. Für ihr jüngstes Werk "Südostpassage" ist sie etwas näher geblieben, bereiste die Länder Südosteuropas. Die aber scheinen viel weiter weg als Asien: "Alle sprechen von Europa, aber die Häfte davon ist vollkommen vergessen." Sie hat sich auf Spurensuche begeben, fuhr alten Wirtschaftswegen und Kulturtangenten nach, bis hin zu dem einst glänzenden Odessa. Und sie stieß schon bei der Visa auf ungeahnte Schwierigkeiten; vom Mieten eines Autos vor Ort ganz zu schweigen. Heute scheinen diese Landstriche vergessen, ein weißer Fleck auf der Globalisierungskarte. Die Ottinger hat sich einfach ins Auto gesetzt und gefilmt. Aus Kostengründen musste sie auf einen Kameramann verzichten. Auch aufs klassische 35mm-Material. Stattdessen machte sie sich alleine auf, "bewaffnet" nur mit einigen Übersetzern, hat selbst gedreht und sich hierfür eine Digitalvideokamera geliehen: "Nur geliehen!" Eine solche Reise passt bestens ins Documenta-Konzept. Schon bei der letzten unter der Regie von Catherine David, sind Video-Travels entstanden, die im Internet vorgestellt wurden. Ihre Reise hat die Ottinger schon im Sommer 2000 gemacht, kurz vor Enwezors Anfrage. Damit verrät die Dame ungewollt auch eins der gut gehüteten Documenta-Geheimnisse: wie lange im Voraus die Künstler eingeladen werden. Danach erst hat sie ihr Material geschnitten - und erstmals nicht nur die Bilder für sich sprechen lassen, sondern mit Archivaufnahmen, mit Musik der Region, mit Zitaten von Manès Sperber und Joseph Roth kontrastiert. Das glänzende Europa von einst, verlassene, vergessene Landstriche von heute. Erstmals ist ein Film der Ottinger erst am Schneidetisch entstanden. Und er wurde gerade eben noch so fertig. Die Strapazen sind ihr noch anzumerken. Heute wird das dreiteilige Werk (Wroclav-Varna/Odessa/Istanbul) uraufgeführt. Zur Eröffnung der Documenta. Und punktgenau an ihrem 60. Geburtstag. Mitten in den Ausstellungsräumen wird das sechsstündige Werk in einer Black Box laufen, nonstop, als Endlosschleife. Ob er je ins Kino kommen wird oder nur auf DVD, ist fraglich. Vielleicht ist die Documenta die einzige Gelegenheit, den Film wirklich auf großer Leinwand zu sehen. Auch Frau Ottinger will sich in Kassel mal ins Dunkel setzen und schauen, wie ihr Werk so ankommt. Dass die Besucher rein- und rausströmen, damit muss sie schon rechnen. Trotzdem ist es für sie nichts anderes, ob sie ihr Werk im Kino oder auf einer Kunstschau zeigt: "Da zeigen andere auch nur ihre neuen Sachen." Sie hat ja auch schon Filme auf der Biennale vorgestellt. Und ob Filmfestival oder Kunstevent: Lampenfieber hat man sowieso. Zwischen Film und Kunst hat sie, die selbst Kunst studierte und einst in Konstanz eine Galerie leitete, nie getrennt: "Ich fühle mich in allen interessanten internationalen Kontexten wohl." So auch auf der Documenta. Sie ist eine von 118 internationalen, von elf deutschen, von acht Berliner Künstlern. Auch andere Filmemacher sind vertreten: Chantal Akerman, Isaak Julien, Jonas Mekas. Dafür blieben andere, "klassische", ergo bildende Künstler draußen, wie der jetzt schmollende Markus Lüpertz. Ausgetauscht mit anderen Documenta-Künstlern hat sich die Ottinger aber nicht. "Ehrlich gesagt war ich bis letzte Woche noch mit meinem Film beschäftigt. Ich habe jetzt erstmals auf die Liste geguckt, wer da so alles kommt." Und sie war begeistert. Einige Künstler kennt sie schon, andere wird sie vielleicht kennen lernen. Erstmal muss sie ihren Film promoten. "Aber später fahr ich noch mal privat hin. Dann komm ich nur zum Gucken." Peter Zander, Berliner Morgenpost, 6. Juni 2002 Seitenanfang Filmgeschichten vom Rande Europas Wie nah, wie fremd. Ulrike Ottinger erzählt mit der Kamera Geschichten aus Osteuropa. Odessa, Istanbul, Breslau. Geschichten von wunderschönen, bröckelnden Villen, Geschichten von zerteilten Rinderköpfen auf einem Markt, Geschichten von alten Frauen, die in Kittelschürzen ihre Hunde ausführen. Erste Erkenntnis: Die alltäglichen menschlichen Lebensäußerungen unterscheiden sich von Kultur zu Kultur nur wenig. Und doch sind unsere östlichen Nachbarn uns immer noch allzu unbekannt. So nah, so fremd. "Eine Reise zu den neuen weißen Flecken auf der Landkarte Europas" untertitelt Ottinger ihren Film. Die 1942 geborene deutsche Filmemacherin bleibt mit ihrem Werk "Südostpassage", das in der Binding-Brauerei gezeigt wird, ihrem Stil treu. Fast ohne Kommentar vertraut sie auf die Erzählkraft ihrer Bilder. Eine rastlos streunende Kamera fängt Gesichter ein. Eindrucksvoll und beschämend etwa, wenn auf einer Wiese in Odessa Menschen stehen, die sich Zettel mit Wohnungsgesuchen ans Revers geheftet haben - lebende Litfaßsäulen auf dem Vorstadt-Bolzplatz. Eine Reise an Europas Rand. Sechs Stunden dauert ihr Film. Unmöglich, ihn am Stück auf der Ausstellung anzuschauen. Aber man setzt sich immer wieder davor wie ein Reisender, der aus einem Eisenbahnfenster stets neue Städte sieht, und lässt sich immer wieder eine andere Geschichte erzählen. Aus einer nahen, fremden Welt. Bettina Fraschke, Hessische Niedersächsische Allgemeine, 12. September 2002 Seitenanfang Übergang ohne Ende Warten, schauen: Sieht man Ulrike Ottingers sechsstündigen Reisefilm "Südostpassage", ist es, als würde man selbst durch Polen, Ungarn, Odessa, Istanbul streifen und die neuen Mikro-Ökonomien dieses "neuen Europas" erkunden. Im Forum gibt es diese seltsame Tradition, jedes Jahr mindestens einen Film mit extremer Überlänge zu zeigen. Viele Berlinale-Veteranen verbinden mit diesem Format die intensivsten Erfahrungen: Claude Lanzmanns "Shoa", Marcel Ophüls' "Hotel Terminus", Béla Tarrs "Sátántangó", Jaques Rivettes "Out 1: Noli me tangere" waren hier zu sehen. Auch Ulrike Ottingers stets formatsprengende Werke wurden schon mehrfach in dieser undeklarierten Untersektion vorgeführt; zuletzt 1997 ihre sehr berührende, viereinhalbstündige Dokumentation "Exil Shanghai". Mit all diesen Extra-Large-Filmen hat es eine eigene Bewandtnis, sorgt doch die Länge allein schon für eine gewisse Bindung zwischen Zuschauer und Werk. Meist ist es das eigentümliche Tempo, das die Filme anschlagen: Sie sind in der Regel extrem langsam, was dazu führt, dass man nach einer Stunde entweder gelangweilt das Kino verlässt oder aber wie hypnotisiert weiter schaut und schaut. Ulrike Ottingers 363-minütige "Südostpassage" ist darin dem Reisen sehr ähnlich. Denn auch beim Reisen überlässt man sich einem anderen Zeitgefühl. Abseits von Museumsbesuchen und anderen Freizeitsportarten besteht das eigentliche Reisen ja vor allem aus Warten - auf den nächsten Bus, auf den nächsten Zug, auf den Reisegefährten. Da sitzt man dann, der nächste Bus kommt erst in zwei Stunden oder zwei Tagen, das eröffnet die schöne Möglichkeit, einfach nur zu schauen: wie sich der Platz vor dem Bahnhof mit Schulkindern füllt, wie auf dem Markt die alten Frauen ihre selbst gepflückten Beeren und Pilze auspacken, wie von den Gebäuden der Putz bröckelt. Wer diese Momente des Reisens liebt, kommt in Ottingers Film auf seine Kosten. Es ist, als wäre man tatsächlich auf "Südostpassage", würde von Wroclaw nach Varna zuckeln, durch Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien fahren (Teil I); tagelang durch Odessa (Teil II) und fast wochenlang durch Istanbul (Teil III) streifen. Immer als Passant, als Tourist mit diesem hungrigen Blick für die Kleinigkeiten des Alltags der Anderen, wo der eigene nur noch aus Bewegung besteht. Der Vorteil, wenn man dabei im Kino sitzt, besteht darin, dass man sogar noch mehr Zeit und Muße zur Betrachtung und zur Reflexion hat, als wenn man selbst unterwegs wäre. So gehen einem während der "Südostpassage" ständig Fragen durch den Kopf, die der Film durch seine Bilder stellt, aber natürlich nie beantwortet. Was hat es auf sich mit diesen seltsamen Ökonomien, in denen arme Menschen an Straßenrändern fast wertlose Produkte in geringsten Mengen feilbieten: zwei Gläser Marmelade, ein Plastikspielzeug, drei Kugelschreiber? Wo sind die Bürger hin, die einst die Jugendstilvillen in Eger bewohnt haben? Wer hat die Macht in diesen Ländern, in denen Alte und kleine Kinder sich auf abgelegenen Märkten ihren Lebensunterhalt verdienen müssen? Die Bilder von diesen "neuen weißen Flecken Europas", wie Ottinger es im Untertitel benennt, ähneln sich: Straßenhandel, verfallene Häuser, neugierig in die Kamera schauende Menschen. Manchmal werden Fragen gestellt, ein paar Leute erzählen etwas von sich, von den heutigen Zeiten, was sie so machen, wer sie sind. Im Verlauf verdichten sich die pittoresken Beobachtungen zu regelrechten Strukturanalysen. Es sind vor allem die Frauen, die sich in diesen Mikro-Ökonomien bewegen; dass die Männer in diesen Gegenden auf seltsame Weise unbrauchbar und meist abwesend sind; dass eine Stadt wie Odessa im Alltag von Frauen regiert wird, dass diese Frauen aber real gar keine Macht haben und keinen Einfluss nehmen. Erst in Istanbul ist das wieder anders. Von den neuen "Russenmärkten" der Peripherie wendet sich Ottingers Blick schließlich den alten orientalischen, männlich dominierten Basaren im Stadtinnern zu. In fast unheimlicher Weise macht Ottingers Film das merkwürdige Doppelgesicht dieses "neuen Europas" sichtbar: Auf der einen Seite herrscht die große Verwahrlosung, die heruntergekommenen Bauten illustrieren bestens das soziale Gefüge und umgekehrt. Auf der anderen gibt es überall glänzend neue Werbeflächen und abgetrennte Inseln einer Luxusökonomie, die sich aus reiner Spekulation nährt. Aus dem Off erklingen dazu von Zeit zu Zeit literarische Auszüge, zum Beispiel aus Elias Canettis Autobiografie, sie sorgen für Melancholie. Vom viel beschriebenen und gelobten Gemisch von Völkern und Sprachen sind nur noch Rudimente übrig. Ein ganzer Landstrich scheint gefangen im Purgatorium des ständigen Übergangs - das Alte geht schon lang nicht mehr und das Neue auch nicht. Barbara Schweizerhof, Die Tageszeitung, 7. Februar 2003 Seitenanfang |
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Besetzung / Stab |
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| Seitenanfang Uraufführung: 6. Juni 2002, Documenta 11, Kassel Festivals: International Filmfestival Rotterdam, 2003 Berlinale, Internationales Forum 2003 Jerusalem Filmfestival 2003 Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. Potsdamer Str. 2 D-10785 Berlin Deutschland Ansprechpartner: Karl Winter fon +49-30-269 55 150 fax +49-30-269 55 111 verleih@fdk-berlin.de www.fdk-berlin.de Verkauf: Erhältlich auf DVD und VHS bei Ulrike Ottinger Filmproduktion Fichtestraße 34 D-10967 Berlin fon +49-30-692 93 94 fax +49-30-691 33 30 office@ulrikeottinger.com Übersicht über alle verfügbaren Filme auf VHS und DVD |









