Madame X: Eine absolute Herrscherin
Ein Film von Ulrike Ottinger |
 |
Deutschland 1977
16 mm, Farbe, 141 Minuten
Ulrike Ottinger Filmproduktion, Berlin
in Kooperation mit ZDF, Mainz
Premiere: Steirischer Herbst 1977,
Graz
Festivals: Filmfestspiele Rotterdam 1978; Internationale Filmfestspiele Berlin 1978, Internationales
Forum
Filmfestspiele Edinburgh 1978; Locarno 1978; Aperto 80, Biennale di
Venezia,
Festivals in New Delhi, San Francisco, Los Angeles, Chicago u.a.
im Verleih der
Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. |
 |
G o l d L i e b e
A b e n t e u e r
Alle Unzufriedenheit, die in ihnen steckte
vereinte sich zu einem machtvollen Ganzen
und mit günstigem Wind segelten sie davon.
Ich rufe auf zu der
geistreichen, sarkastischen
und irgendwie doch romantischen Madame X!
(Patricia Highsmith) |
 |
| Presse |
[...] 'Gold - Liebe - Abenteuer' verheißt Madame X (Tabea
Blumenschein), eine strenge, unerbittliche Schönheit, die ungekrönte
und grausame Herrscherin des Chinesischen Meeres, in einem Appell
an alle Frauen, die gewillt sind, ihren zwar bequemen und sicheren,
aber fast unerträglich eintönigen Alltag einzutauschen gegen
eine Welt voller Gefahren und Ungewißheit, aber auch voller
Liebe und Abenteuer. [Madame X] ist der bislang witzigste, unkonventionellste
und schönste deutsche Frauenfilm des Jahres. In satten Farben
schwelgend, verwandelt Ottinger, die auch die Kamera führt, die
Gegend auf und um den Bodensee in eine exotisch überquellende,
irreale, männerfressende.
Ottinger integriert unzählige Elemente und Klischees des westlichen
Kinos und verarbeitet nach dem Montage- und Collageprinzip ihre homoerotisch
orientierte Phantasie zu einer eigenständigen Form unbändigen
Kinos. Das Resultat ist ein filmischer Hexensabbat der entfesselten
weiblichen Sexualität ohne Hilfe des Teufels à
la Hollywood. Die beißende Satire auf die festgefahrenen Verhaltensposen
der Frau in der Zivilisation riskiert pausenlos Absurditäten,
grelle Farben, irrationale Utopievorstellungen, dicke Schminke, ironische
Nacktheit. Das Abenteuer, eine Frau zu sein, wird zum Frauenabenteuer
[...].
Klaus Kemetmüller, Neue Zeit, Berlin, November
1977
[...] Das schafft Unbehagen an diesem Film, daß Frauen von Ritualen
der Gewalt sich willig faszinieren lassen und - in der Männerphantasie
- dabei das Territorium der Unschuld, der Vermeintlichkeit, als Frau
ein besserer Mensch zu sein, verlassen.
[...] Dieser Film hat keine Spur von Ängstlichkeit. Im Gegenteil:
denen, die gegen die Faszination dieser ritualisierten, vollkommen
ästhetisierten Gewalt stramme Abwehr in Marsch setzen, macht
er Angst. Denn auf dem Frauenschiff 'Orlando' sind die Flaggen: Angriff,
Leder, Waffen, lesbische Liebe und der Tod mit einer Schönheit
aufgezogen, die den Zuschauerblick nicht absolut beherrschen will.
Die Ästhetik unterliegt strenger Stilisierung, die ohne Überwältigung
sich frei herzeigt [...].
Die Gesten sind auf kleinem Radius abgesteckt, die Mimik ist bisweilen
dem Stummfilm abgeschaut. Das wirkt durchaus komisch, denn mit diesem
inszenierten Mißverhältnis, der brillant gehandhabten Asynchronität
(ich kenne kaum einen neuen Film, in dem die Funktion des Tons witziger
geregelt wäre als hier) arbeitet der Film [...].
Karsten Witte, Die Zeit, 14. 4.1978
Struwwelpeter für Emanzen. Dies ist ein ironisches, ja sarkastisches
Spiel mit Tendenzen und Schlagworten unserer Zeit, ist eine parodistische
Desillusionierung der geheimen Sehnsüchte, aber dahinter wird
die Trauer über eine Realität sichtbar, die keinen Spielraum
läßt und die so stark ist, daß auch der Ausbruch
in eine Scheinwelt keine Lösung von ihr bringt. Ein Lehrstück
also, das mit den Mitteln der Verfremdung Lektion erteilt, formal
eine mit kunstvoller Raffinesse gebaute Szenenfolge, deren lähmend
langsame Bildsequenzen das Auge fesseln [...].
Theodor Geus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.
4.1978
[...] MADAME X repräsentiert nichts, weder die Macht noch die
Ohnmacht der Frau(en); viel eher simuliert der Film: er arbeitet mit
Zeichen, die Macht vortäuschen, die parodistisch auf ein Szenarium
anspielen, das eher der Simulation (Vorspiegelung, Vorwand, Schein,
Täuschung) angehört als der Wirklichkeit. Ein Spiel / Film
also, der die Möglichkeiten von phantastischen Handlungen in
der Abgeschlossenheit eines begrenzten Ganzen (Dschunke) zeigt, in
Szene gesetzt nach bestimmten Regeln und begleitet vom Wissen der
Differenz zum gewöhnlichen Leben, fern jeglicher Kampfanweisung
für einen feministischen Alltag
Monika Treut, Frauen und Film, Heft 28, 1981
[...] 80 000 Mark vom ZDF. Das ist für einen Spielfilm sehr wenig.
Es reicht auf keinen Fall für eine große, aufwendige Produktion.
[...] Ulrike deklarierte den Bodensee kurzerhand zum chinesischen
Meer. Ihre Darsteller sind Laien, alle aus ihrem Freundeskreis, zwölf
Frauen und ein Mann, aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen
Berufen. Malerin, Tänzerin, Stilistin, Kunsthändlerin, Journalistin.
,Leute', so sagt Ulrike, ,die gewohnt sind, Hindernisse zu überwinden
und Risiken einzugehen, um ihre Träume zu verwirklichen [...].
Wie kam Ulrike auf diese Geschichte?
'In einem Buch stieß ich auf eine Fotografie, die mich sehr
faszinierte. Sie zeigt die chinesische Piratenkönigin Lai Cho
San an Bord ihrer Führerdschunke um 1930. Ich überlegte
mir, ob ihre Dienerin, die neben ihr saß, wegen des sicher ungewohnten
Fotografen so verschämt zur Seite blickt, obwohl sie ein Gewehr
in der Hand hielt, oder aus Respekt vor Lai Cho San, die gerade mit
entschlossener Geste nach ihrem Gewehr greift. Das Foto erzählte
mir eine Geschichte, und je länger ich es ansah, um so mehr Fragen
stellten sich mir' [...] .
EMMA Nr. 8, August 1977 |
 |
| Besetzung / Stab |
 |
 |
| Madame X |
Tabea Blumenschein |
| Noa-Noa |
Roswitha Janz |
| Karla Freud-Goldmund |
Monika von Cube |
| Blow-up |
Irena von Lichtenstein |
| Josephine de Collage |
Yvonne Rainer |
| Hoi Sin |
Hella Utesch |
| Betty Brillo |
Lutze |
| Omega Zentauri |
La Mona |
| Orlando |
Ulrike Ottinger |
| Flora Tannenbaum |
Claudia Skoda |
| Belcampo |
Mackay Taylor |
| Moorenhut |
Jean Matelot |
| Lady Divine |
Mireille Wunderly |
Passagiere und Besatzung
der Luxusjacht
|
Peggy von Schnottgenberg, Jenny Capitain,
Hans-Gebhart von Lenthe, Adelheid Westphal,
Cynthia Beatt |
 |
| Buch/ Regie/ Kamera |
Ulrike Ottinger |
Regieassistenten
|
Peggy von Schnottgenberg (aka Frank Ripploh), Cynthia Beatt |
| Kameraassistent |
Wolfgang Senn |
| Kostüme |
Tabea Blumenschein, Hella Utesch, Claudia Skoda |
| Maske |
Tabea Blumenschein |
| Schnitt |
Dörte Völz |
| Tonmontage |
Ulrike Ottinger |
| Originalton |
Christian Moldt |
| Mischung |
Hans-Dieter Schwarz |
Musik von
|
Eric Satie, Gioacchino Rossini, Reynaldo Hahn,
Franics Poulenc |
|
Verleih:
Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.
Potsdamer Str. 2
D-10785 Berlin
Deutschland
Ansprechpartner: Karl Winter
fon +49-30-269 55 150
fax +49-30-269 55 111
|
|