Johanna d'Arc of Mongolia


Ein Film von Ulrike Ottinger
Deutschland 1989

35 mm, Farbe, 165 Minuten, OmU

Ulrike Ottinger Filmproduktion, Berlin
in Koproduktion mit Popular-Film GmbH, Leinfelden
in Kooperation mit ZDF, Mainz und LaSept

Premiere: Internationales Filmfestival Berlin 1989, deutscher Beitrag zum Wettbewerb

Festivals: Jerusalem, Toronto, Montréal Women's Film Festival, Films des Femmes (Créteil, France), New York, San Francisco, Los Angeles Lesbian and Gay Film Festivals, u.a.

Preise: Deutscher Filmpreis 1989 — Filmband in Gold für visuelle Gestaltung
Publikumspreis, Festival International du nouveau Cinéma,Montreal 1989
"Outstanding Film of the Year", London Film Festival 1989

im Verleih der

Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.
Die Stadt kommt näher. Die hellglänzenden weißen Filzjurten mit den kragenförmigen Rauchöffnungen stehen auf Wagen, die von zweiundzwanzig Ochsen in zwei Reihen zu je elf Ochsen gezogen werden. Die Stadt rückt in breiter Front immer näher. Ein Reiter löst sich von der wandernden Stadt und kommt in schnellem Trab auf die Karawane zu.
(Drehbuchauszug)
Einleitung

In der Transsibirischen Eisenbahn treffen sich vier völlig verschiedene Frauen, die diese Reise mit großen Erwartungen angetreten haben. Sie begegnen drei exzentrischen Herren und lassen sich von einer georgischen Damencombo unterhalten. Die Damen steigen um auf die Transmongolische, die von einer geheimnisvollen Prinzessin und ihren Reiterinnen überfallen wird. Sie werden entführt, ziehen mit einer Nomadenkarawane über die endlosen Steppen, während sie mit archaischen Ritualen und jahrhundertealten Geheimnissen vertraut gemacht werden. Am Ende treffen sie sich — mit einer Ausnahme — in der Transmongolischen Eisenbahn wieder.
      Der Film schildert, was geschieht, wenn zwei extrem unterschiedliche Kulturen einander begegnen. Die Geschichte beginnt in der Transsibirischen Eisenbahn, die seit 100 Jahren unsere europäische Zivilisation durch die rohe Wildnis der sibirischen Tundra und Taiga transportiert: Ein rollendes Miniaturmuseum, vollgestopft mit westlichem Luxus.
Man reiste mit Ballsälen und Tanzorchestern, mit Kirchen-Waggon und eingebauter Orgel. Luxus-Suiten und Salonwagen, Bibliotheks-, Speise- und Küchen-Waggons beherbergten alles, was die große Gesellschaft damals von einem First-Class-Hotel erwartete. Der große Mythos der Transsibirischen beruht jedoch nicht nur auf der Geschichte der gekrönten Häupter und des ewig reisenden Corps diplomatique. Es gab auch die Holzbänke der 3. Klasse-Abteile, auf denen Jäger, Abenteurer, Soldaten, arme Bauern und vor Pogromen fliehende jüdische Familien dicht gedrängt nebeneinander saßen. In dieser Atmosphäre begegnen sich die vier Protagonistinnen:

LADY WINDERMERE, eine elegante englische Dame, Privatgelehrte und Ethnologin im old-fashioned style (Delphine Seyrig).
FANNY ZIEGFELD, ein unkomplizierter, leicht frivoler amerikanischer Musical-Star auf Vergnügungsreise (Gillian Scalici).
GIOVANNA, eine junge, fast noch kindliche Abenteuerreisende mit Rucksack und Walkman (Inès Sastre).
Im Speisewagen, in dem eine georgische DAMEN-COMBO KALINKA SISTERS für Unterhaltung sorgt, lernen sich die Frauen kennen und treffen auf drei exzentrische Herren (Else Nabu, Jacinta, Sevimbike Elibay).
ALEXANDER BORIS NIKOLAJ NIKOLAJEWITSCH MURAWJEW, ein russischer Offizier stolz auf seine französisch-russische Herkunft auf dem Weg zu seinem Außenposten in der Wildnis (Nougzar Sharia), begleitet von seinem Adjutanten:
ALJOSCHA, der unter dem Abbruch seiner klassischen Ballettausbildung am Bolschoi-Theater leidet (Christoph Eichhorn).
MICKEY KATZ, ein voluminöser, hypochondrischer und sehr eloquenter Tenor des jüdisch-amerikanischen Musicals, der den ausgefallendsten Köstlichkeiten der russischen Küche huldigt (Peter Kern).

Wie zu erwarten, ergeben sich aus dem Zusammentreffen all dieser Persönlichkeiten die ersten — nicht allein musikalischen — Höhepunkte der Handlung.
      An der Grenze zur Mongolei trennen sich die Wege dieser zufällig zusammengewürfelten Gesellschaft: Die Damen steigen in die Transmongolische um, die nach kurzer Fahrt von wilden mongolischen Reiterinnen gestoppt wird. Es ist so, als wären sie plötzlich in eine andere Zeit versetzt. Nicht durch eine Zeitmaschine, sondern durch eine noch existierende archaische Lebensform — die der mongolischen Halbnomaden — werden sie auf dramatische Weise mit einer ihnen fremden Kultur konfrontiert. Durch ihre bisherigen Gewohnheiten und Vorurteile sind Mißverständnisse und Faux-Pas vorprogrammiert, die viel Anlaß zu Heiterkeit geben, aber auch zu bedrohlichen Situationen. Die sieben westlichen Damen werden von einer geheimnisvollen mongolischen Prinzessin und ihren Begleiterinnen entführt und ziehen mit ihrer Karawane durch die überwältigende Landschaft der Inneren Mongolei ins Ungewisse. Auf ihrem Wege sehen sie heilige Bäume, uralte Felsmalereien, eine reisende Stadt und begegnen riesigen Herden von Wildpferden und Kamelen. Sie teilen das Leben der Nomaden, wohnen in Filzzelten, den Jurten, ernähren sich von fettem Hammelfleisch und Stutenmilch, erleben geheime Jagdzeremonien und nehmen schießlich an einem großen Fest teil, bei dem Rhapsoden, Pferdegeiger und Ringer auftreten, spannungsreiche Wettkämpfe und Maskentänze stattfinden.
      Die westlichen Frauen scheinen schließlich auf unerwartete und gegensätzliche Weise von ihren berauschenden und beunruhigenden Erlebnissen fortgerissen zu werden. Am Ende des Films aber finden sich alle — mit einer Ausnahme — in der transmongolischen Eisenbahn wieder.
aus dem Presseheft


Aus dem Arbeitsbuch

"Mir wurde geweissagt, daß ich mit Hilfe eines Baumgeistes unter Mitwirkung anderer Naturdämonen geheilt würde."
Mickey Katz

"Auf meinen ehrwürdigen Urahn Nikolaj Nikolajewitsch Murawjew, der schon 1865 die phantastische Idee hatte, eine Pferdebahn mit beheizbaren Wagen für die Passagiere von der Moskwa quer durch die sibirische Wildnis bis zur Mündung des Armur zu bauen."
Alexander Boris Nikolaj Nikolajewitsch Murawjew


Aus dem Filmtagebuch

13.7.1988 Hohhote: Frühmorgens Ansicht der Requisiten. Zunächst werden mir Papprequisiten einer Dschingis - Khan - Fernsehserie angeboten. Auf die Gefahr hin, nichts anderes finden zu können, lehne ich ab. Echte, alte Kostüme und Schmuck sind nur über persönliche Kontakte zu Familien weit draußen im Grasland zu bekommen. Ich hoffe auf die Mitarbeit der Einheimischen. Gebetsfahnen sind auf scheußlichem Kunststoff gedruckt. Ich bestehe auf dünnem mullartigem Material. Der Requisiteur ist ein ehemaliger lamaistischer Mönch und versteht sofort, was ich meine.

15.7.1988 Ankunft in Xi Wu Zhu Mu Qi. Wir haben weder Holz, noch Eisen, auch keine alten Karren, Räder oder andere Holzteile, wie vor vier Monaten bestellt und versprochen. Auch die schönen, alten Jurten und Filzmatten, die ich damals ausgesucht hatte, sind verschwunden. Das schwere Aggregat ist nicht angekommen. Es kommt schlimmer: die lokalen Behörden verbieten uns das Verlassen des Dörfchens und sogar das Verlassen des Gästehauses, in dem wir untergebracht sind.
Wir warten.

16.7.1988 Wir haben jetzt ein Auto, aber kein Benzin.

17.7.1988 Drehort Altangolo: Das Gras ist nicht so hoch, wie erwartet. Dafür blüht alles. Tausende Edelweiß und der Fluß ist niedrig. (Im Frühjahr waren wir beim Überqueren mit dem Pferdekarren auf dem Eis eingebrochen). Falls nicht enorme Regenfälle auftreten, sollte das Überqueren kein Problem sein.
Drei große, weiße Jurten stehen fast an der Stelle, die ich für das Sommerlager der Prinzessin ausgesucht hatte. Wir werden auf's Gastfreundlichste in der Jurte empfangen und mit Milchschnaps und fettem Hammel bewirtet. In der Jurte ist es angenehm kühl, denn die Filzwände sind ca. 40 cm vom Boden aufwärts gerollt, so daß ein kühler Lufthauch hindurchweht.
Unser mongolischer Begleiter trinkt viele Schalen Milchschnaps. Wir müssen ihn zurücklassen und reisen mit Xu Re Huar, unserer Hauptdarstellerin, weiter, um die Nachbarn in den weitvestreuten Jurten aufzusuchen und für die Mitarbeit zu gewinnen. Nochmals Altangolo ganz genau abgelaufen und Kamerapunkte fixiert.
Ich finde den Obo (Opferstätte aus Steinen aufgeschichtet) sofort wieder. Er steht auf einem großen, runden Fels, einem Naturaltar, an dessen Fuß eine Quelle aus dem Wurzelwerk eines alten Baumes fließt, und ist im Sommer noch schöner als im Winter. Ich beschließe, an diesem mythischen Ort zu drehen.
Schon wieder Hausarrest. Schwer zu durchschauen, wie die Verhältnisse sind. Offizieller Besuch wird zum Abendessen erwartet. Zuvor halte ich vor roter Fahne im Parteizimmer eine Einführungsrede zum Projekt, die sehr freundlich aufgenommen wird. Ich trinke mit allen dreimal. Wir essen Hammel, der kurz vor dem Mund mit scharfem Messer vom Knochen geschnitten wird. Die beiden mongolischen Bannerchefs, die rechts und links von mir sitzen, schneiden die besten, d. h. fettesten Stücke für mich ab. Viele Tischreden zur Freundschaft und Zusammenarbeit werden gehalten. Ein sehr fröhliches Fest, das mit einem Familienfoto abgerundet wird.

Verleih:

Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.
Potsdamer Str. 2
D-10785 Berlin
Deutschland
Ansprechpartner: Karl Winter
fon +49-30-269 55 150
fax +49-30-269 55 111