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Johanna d'Arc
of Mongolia
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Delphine SeyrigEinleitung

Aus dem Arbeitsbuch

Aus dem Filmtagebuch

Interview mit Ulrike Ottinger von Patricia Wiedenhöft

Johanna d'Arc of Mongolia. An Interview with Ulrike Ottinger by Janet A. Kaplan



Einleitung

In der Transsibirischen Eisenbahn treffen sich vier völlig verschiedene Frauen, die diese Reise mit großen Erwartungen angetreten haben. Sie begegnen drei exzentrischen Herren und lassen sich von einer georgischen Damencombo unterhalten. Die Damen steigen um auf die Transmongolische, die von einer geheimnisvollen Prinzessin und ihren Reiterinnen überfallen wird. Sie werden entführt, ziehen mit einer Nomadenkarawane über die endlosen Steppen, während sie mit archaischen Ritualen und jahrhundertealten Geheimnissen vertraut gemacht werden. Am Ende treffen sie sich — mit einer Ausnahme — in der Transmongolischen Eisenbahn wieder.
      Der Film schildert, was geschieht, wenn zwei extrem unterschiedliche Kulturen einander begegnen. Die Geschichte beginnt in der Transsibirischen Eisenbahn, die seit 100 Jahren unsere europäische Zivilisation durch die rohe Wildnis der sibirischen Tundra und Taiga transportiert: Ein rollendes Miniaturmuseum, vollgestopft mit westlichem Luxus.
Man reiste mit Ballsälen und Tanzorchestern, mit Kirchen-Waggon und eingebauter Orgel. Luxus-Suiten und Salonwagen, Bibliotheks-, Speise- und Küchen-Waggons beherbergten alles, was die große Gesellschaft damals von einem First-Class-Hotel erwartete. Der große Mythos der Transsibirischen beruht jedoch nicht nur auf der Geschichte der gekrönten Häupter und des ewig reisenden Corps diplomatique. Es gab auch die Holzbänke der 3. Klasse-Abteile, auf denen Jäger, Abenteurer, Soldaten, arme Bauern und vor Pogromen fliehende jüdische Familien dicht gedrängt nebeneinander saßen. In dieser Atmosphäre begegnen sich die vier Protagonistinnen:

LADY WINDERMERE, eine elegante englische Dame, Privatgelehrte und Ethnologin im old-fashioned style (Delphine Seyrig).
FANNY ZIEGFELD, ein unkomplizierter, leicht frivoler amerikanischer Musical-Star auf Vergnügungsreise (Gillian Scalici).
GIOVANNA, eine junge, fast noch kindliche Abenteuerreisende mit Rucksack und Walkman (Inès Sastre).
Im Speisewagen, in dem eine georgische DAMEN-COMBO KALINKA SISTERS für Unterhaltung sorgt, lernen sich die Frauen kennen und treffen auf drei exzentrische Herren (Else Nabu, Jacinta, Sevimbike Elibay).
ALEXANDER BORIS NIKOLAJ NIKOLAJEWITSCH MURAWJEW, ein russischer Offizier stolz auf seine französisch-russische Herkunft auf dem Weg zu seinem Außenposten in der Wildnis (Nougzar Sharia), begleitet von seinem Adjutanten:
ALJOSCHA, der unter dem Abbruch seiner klassischen Ballettausbildung am Bolschoi-Theater leidet (Christoph Eichhorn).
MICKEY KATZ, ein voluminöser, hypochondrischer und sehr eloquenter Tenor des jüdisch-amerikanischen Musicals, der den ausgefallendsten Köstlichkeiten der russischen Küche huldigt (Peter Kern).

Wie zu erwarten, ergeben sich aus dem Zusammentreffen all dieser Persönlichkeiten die ersten — nicht allein musikalischen — Höhepunkte der Handlung.
      An der Grenze zur Mongolei trennen sich die Wege dieser zufällig zusammengewürfelten Gesellschaft: Die Damen steigen in die Transmongolische um, die nach kurzer Fahrt von wilden mongolischen Reiterinnen gestoppt wird. Es ist so, als wären sie plötzlich in eine andere Zeit versetzt. Nicht durch eine Zeitmaschine, sondern durch eine noch existierende archaische Lebensform — die der mongolischen Halbnomaden — werden sie auf dramatische Weise mit einer ihnen fremden Kultur konfrontiert. Durch ihre bisherigen Gewohnheiten und Vorurteile sind Mißverständnisse und Faux-Pas vorprogrammiert, die viel Anlaß zu Heiterkeit geben, aber auch zu bedrohlichen Situationen. Die sieben westlichen Damen werden von einer geheimnisvollen mongolischen Prinzessin und ihren Begleiterinnen entführt und ziehen mit ihrer Karawane durch die überwältigende Landschaft der Inneren Mongolei ins Ungewisse. Auf ihrem Wege sehen sie heilige Bäume, uralte Felsmalereien, eine reisende Stadt und begegnen riesigen Herden von Wildpferden und Kamelen. Sie teilen das Leben der Nomaden, wohnen in Filzzelten, den Jurten, ernähren sich von fettem Hammelfleisch und Stutenmilch, erleben geheime Jagdzeremonien und nehmen schießlich an einem großen Fest teil, bei dem Rhapsoden, Pferdegeiger und Ringer auftreten, spannungsreiche Wettkämpfe und Maskentänze stattfinden.
      Die westlichen Frauen scheinen schließlich auf unerwartete und gegensätzliche Weise von ihren berauschenden und beunruhigenden Erlebnissen fortgerissen zu werden. Am Ende des Films aber finden sich alle —- mit einer Ausnahme — in der transmongolischen Eisenbahn wieder.
aus dem Presseheft



Aus dem Arbeitsbuch

"Mir wurde geweissagt, daß ich mit Hilfe eines Baumgeistes unter Mitwirkung anderer Naturdämonen geheilt würde."
Mickey Katz


"Auf meinen ehrwürdigen Urahn Nikolaj Nikolajewitsch Murawjew, der schon 1865 die phantastische Idee hatte, eine Pferdebahn mit beheizbaren Wagen für die Passagiere von der Moskwa quer durch die sibirische Wildnis bis zur Mündung des Armur zu bauen."
Alexander Boris Nikolaj Nikolajewitsch Murawjew





Aus dem Filmtagebuch

13.7.1988 Hohhote: Frühmorgens Ansicht der Requisiten. Zunächst werden mir Papprequisiten einer Dschingis - Khan - Fernsehserie angeboten. Auf die Gefahr hin, nichts anderes finden zu können, lehne ich ab. Echte, alte Kostüme und Schmuck sind nur über persönliche Kontakte zu Familien weit draußen im Grasland zu bekommen. Ich hoffe auf die Mitarbeit der Einheimischen. Gebetsfahnen sind auf scheußlichem Kunststoff gedruckt. Ich bestehe auf dünnem mullartigem Material. Der Requisiteur ist ein ehemaliger lamaistischer Mönch und versteht sofort, was ich meine.

15.7.1988 Ankunft in Xi Wu Zhu Mu Qi. Wir haben weder Holz, noch Eisen, auch keine alten Karren, Räder oder andere Holzteile, wie vor vier Monaten bestellt und versprochen. Auch die schönen, alten Jurten und Filzmatten, die ich damals ausgesucht hatte, sind verschwunden. Das schwere Aggregat ist nicht angekommen. Es kommt schlimmer: die lokalen Behörden verbieten uns das Verlassen des Dörfchens und sogar das Verlassen des Gästehauses, in dem wir untergebracht sind.
Wir warten.

16.7.1988 Wir haben jetzt ein Auto, aber kein Benzin.

17.7.1988 Drehort Altangolo: Das Gras ist nicht so hoch, wie erwartet. Dafür blüht alles. Tausende Edelweiß und der Fluß ist niedrig. (Im Frühjahr waren wir beim Überqueren mit dem Pferdekarren auf dem Eis eingebrochen). Falls nicht enorme Regenfälle auftreten, sollte das Überqueren kein Problem sein.
Drei große, weiße Jurten stehen fast an der Stelle, die ich für das Sommerlager der Prinzessin ausgesucht hatte. Wir werden auf's Gastfreundlichste in der Jurte empfangen und mit Milchschnaps und fettem Hammel bewirtet. In der Jurte ist es angenehm kühl, denn die Filzwände sind ca. 40 cm vom Boden aufwärts gerollt, so daß ein kühler Lufthauch hindurchweht.
Unser mongolischer Begleiter trinkt viele Schalen Milchschnaps. Wir müssen ihn zurücklassen und reisen mit Xu Re Huar, unserer Hauptdarstellerin, weiter, um die Nachbarn in den weitvestreuten Jurten aufzusuchen und für die Mitarbeit zu gewinnen. Nochmals Altangolo ganz genau abgelaufen und Kamerapunkte fixiert.
Ich finde den Obo (Opferstätte aus Steinen aufgeschichtet) sofort wieder. Er steht auf einem großen, runden Fels, einem Naturaltar, an dessen Fuß eine Quelle aus dem Wurzelwerk eines alten Baumes fließt, und ist im Sommer noch schöner als im Winter. Ich beschließe, an diesem mythischen Ort zu drehen.
Schon wieder Hausarrest. Schwer zu durchschauen, wie die Verhältnisse sind. Offizieller Besuch wird zum Abendessen erwartet. Zuvor halte ich vor roter Fahne im Parteizimmer eine Einführungsrede zum Projekt, die sehr freundlich aufgenommen wird. Ich trinke mit allen dreimal. Wir essen Hammel, der kurz vor dem Mund mit scharfem Messer vom Knochen geschnitten wird. Die beiden mongolischen Bannerchefs, die rechts und links von mir sitzen, schneiden die besten, d. h. fettesten Stücke für mich ab. Viele Tischreden zur Freundschaft und Zusammenarbeit werden gehalten. Ein sehr fröhliches Fest, das mit einem Familienfoto abgerundet wird.





Presse

Ulrike Ottingers Transsibirische, der Spielraum für den ersten Teil ihres Films JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA, ist eine Antiquität auf Rädern. In solchen Zügen reiste man früher nach Marienbad, Karlsbad oder BadenSalza [...] Die Eisenbahn ist Metapher für den ständig wechselnden Blickpunkt und die Empfehlung an den Zuschauer, sich auf standpunktlosen Relativismus einzustellen [...] Es ist ein Film, der sich nach Osten bewegt, mit Figuren, wie wir sie seit den Dreißigern nicht mehr auf der Leinwand gesehen haben. Als Bilderfundus war diese Richtung tabu. Wer traute sich schon, einen sowjetischen General mit einer Lermontowschen oder einer Puschkinschen Aura auszustatten und seine Ordensketten als Dekorationsmoment in Betracht zu ziehen. Niemand kam auf die Idee, den unzeitgemäßen Stil einer georgischen Damencombo zu imaginieren. Kein Musicalstar vom Broadway ist nach 1945 in der Transsibirischen gereist, aber diese Fanny Ziegfeld ist ein treffendes Bild, denn der Eiserne Vorhang ist ein Theaterterminus, und lange Zeit war er allenfalls für Kulturaustausch durchlässig [...]
Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 3.4.1989



Ulrike Ottinger hat sich in ihrem neuen Film [...] zu einer höchst interessanten Vermischung von Fiktion und dokumentarischer Exkursion in eine fremde Kultur entschlossen [...] Komische Aspekte inszeniert Ulrike Ottinger dabei ganz als Situationskomik im Aufprall der beiden Kulturen. Jeder Anflug von Exotismus wird gebrochen im einerseits dokumentarischen Gestus und andererseits durch die Herausarbeitung der ästhetisch-autonomen Aspekte des Fremden. Die Reise in die Vergangenheit verläßt so nie die Moderne, sondern rettet sie als Wahrnehmungsstruktur. Der Faszinismus des in der Ferne Gesehenen wird als neue Erfahrung mit auf die Rückreise genommen [...]
So schließt Ulrike Ottinger an die moderne Sicht auf die fremde Kultur an, ohne ihrem Mythos zu erliegen. Das gibt dem Film eine Fähigkeit zur Komik und auch Heiterkeit, die mitunter verblüfft, zumal sie der Aufbruchstimmung nachgibt, die Abenteuer möglich macht.
Gertrud Koch, Frankfurter Rundschau, 16.2.1989  



The director is at her playful best in upsetting the clichés of strangers on a train[...] JOHANNA D'ARC turns into a travelogue. But few travelogues are this rich, ambitious and unusual."
Caryn James, The New York Times



JOHANNA represents the fanciful attempt of a unique German filmmaker to explore the way extremely different cultures migrate and influence each other. The theme of the wanderer/outsider, carrier of diverse ideas, runs through all of Ulrike Ottinger's strikingly original films.
Judy Stone, San Francisco Chronicle



Certainly, the (1989 Women in Film) Festival's most inventive work is the personal vision personified, it's JOAN OF ARC OF MONGOLIA, a wickedly delightful look at the headlong collision of two cultures by writer-director-producer Ulrike Ottinger [...] Sophisticated, mysterious and deliriously beautiful [...]
Sheila Benson, Los Angeles Times





Besetzung / Stab
Lady Windermere Delphine Seyrig
Frau Müller-Vohwinkel Irm Hermann
Mickey Katz Peter Kern
Fanny Ziegfeld Gillian Scalici
Giovanna Inès Sastre
Ulun Iga,
Mongolische Prinzessin

Xu Re Huar
Alexander Boris Nikolaj
Nikolajewitsch Murawjew

Nougzar Sharia
Aljoscha Christoph Eichhorn
The Kalinka Sisters


Else Nabu
Jacinta
Sevimbike Elibay
Entourage
der Mongolischen Prinzessin
Naren Mandola, Badema, Xu Ren Hu, Tu Hai,
Yi Tuo Ya, Yu Huar, Saren Goawa, Alata u.a.
Bote Hurch Baatar
Epensänger

Ba Zah Er
Dorji
und


Lydia Billiet, The Jacob Sisters, Marek Szmelkin, Mark Reeder, Amadeus Flösser
und viele andere mehr
Buch
Regie
Ausstattung
Kamera



Ulrike Ottinger
Regie Assistenz
Anja S. Zähringer
2. Regie Assistenz
Übersetzung

Ulrike Koch
Kamera Assistenz Bernd Balaschus
Licht Siegfried Gierich
Ausstattung Peter Bausch
Bühnenmaler Petra Olbrich, Tine Kindermann, Carolin Jahn
Kostüme Gisela Storch
Kostüm Assistenz Anne Jud
Schneiderin Margitta Scholten
Garderobe Tana, Mei Qi-Qi-Ge, Birgit Kniep
Maske Berthold Sack
Masken Assistenz Peter Bour, Qin Gui-Mei
Bauten Christian Stocklöv, Ba-Tu
Schnitt Dörte Völz
Schnitt Assistenz Andrea Winzler
Ton Margit Eschenbach
Ton Assistenz Gerda Grossmann
Mischung Hans-Dieter Schwarz
Musik Wilhelm Dieter Siebert
Percussion Albrecht Riermeier
Bauten
Special Effects
Alexander Korn,
Andreas Olshausen, Max Moormann
Catering Wei Ping, Ao Bao-Lin
Übersetzung Lian Dong
Set-Praktikanten

Sylvia Lichtenberg, Donata Schmidt,
Valerie Osterwalder, Ulrike Vetter, Fabian Scheidler
 
Herstellungsleitung Renée Gundelach
Produktionsleitung Harald Muchametow
Koordination Hanna Rogge
Aufnahmeleitung Erica Marcus
chinesisches Produktionsteam
Wang Ri, Xu Qi, Ren Da Hui, Weng Dao Cai,
Lian Zhen Hua, Chen Zhon-Sheng, Kang Yan-Ling
Mit Unterstützung der
China Central Television Corp., Beijing für die Produktion in China

Mit finanzieller Unterstützung der
Filmförderungsanstalt, Berlin





Premiere:
Internationales Filmfestival Berlin 1989, deutscher Beitrag zum Wettbewerb



Festivals:
Jerusalem, Toronto, Montréal Women's Film Festival, Films des Femmes (Créteil, France), New York, San Francisco, Los Angeles Lesbian and Gay Film Festivals, u.a.



Preise:
Deutscher Filmpreis 1989 — Filmband in Gold für visuelle Gestaltung
Publikumspreis, Festival International du nouveau Cinéma,Montreal 1989
"Outstanding Film of the Year", London Film Festival 1989



Verleih:
Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.
Potsdamer Str. 2
10785 Berlin
Deutschland
Ansprechpartner: Karl Winter
fon +49-30-269 55 150
fax +49-30-269 55 111
verleih@fdk-berlin.de
www.fdk-berlin.de


für Nordamerika:
Women Make Movies
462 Broadway 5th Floor
New York, NY 10013
USA
fon +1-212-925-0606
fax +1-212-925-2052
info@wmm.com
www.wmm.com



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